Agenturmeldungen

Weiter langes Warten für psychisch Kranke auf Therapieplätze

28.09.2017

  Berlin (dpa) - Marcel Bettray hat Angela Merkel (CDU) eine Frage

gestellt und von der Bundeskanzlerin Recht bekommen. Es dürfe nicht

so lange wie bisher dauern, bis ein psychisch kranker Mensch endlich

einen Therapieplatz bekomme, sagte er. Der 32-Jährige hat selbst

Depressionen und sich auf der Suche nach einem Psychotherapieplatz

erfolglos durch eine Liste mehr als 40 Telefonnummern gewählt.

 

Bettray hat auch von der Änderung der Psychotherapeuten-Richtlinie im

April 2017 gehört, die das Hilfsangebot für psychisch kranke Menschen

verbessern soll. Psychotherapeuten müssen seitdem wöchentlich zwei

Stunden Sprechstunde anbieten. Außerdem müssen sie 200 Minuten in der

Woche am Telefon erreichbar sein. Der Erfolg ist umstritten.

 

Bettray war eineinhalb Jahre in einer Klinik wegen seiner Depression.

«Was danach passiert, gefällt mir nicht», erzählt er. «Dass man

danach komplett alleine da steht mit der Krankheit und keinerlei

Unterstützung bekommt.» Er geht zwar zu einem Psychiater, von dem

bekommt er aber nur Medikamente. Mit ihm spricht er seine

Tablettendosis ab - aber eine Therapie ist das nicht. Während seiner

Reha hat er gemerkt, dass eine Gesprächstherapie viel bringt. Aber er

kriegt einfach keinen Therapeuten.

 

Die neue Richtlinie soll bewirken, dass psychisch kranke Menschen

schneller ein erstes Gespräch mit einem Psychotherapeuten bekommen.

Anstatt direkt in der Praxis anzurufen, können sich Patienten auch an

die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigung wenden, die

innerhalb von vier Wochen eine Sprechstunde vermitteln müssen.

 

Die Zahl der vermittelten Psychotherapiesprechstunden habe im zweiten

Quartal aus dem Stand 40 Prozent der insgesamt vermittelten

Arzttermine ausgemacht, sagt Roland Stahl, Sprecher der

Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Das sei ein spürbarer Anstieg.

Wer innerhalb der vier Wochen nicht vermittelt werden könne, könne

auch ins Krankenhaus gehen. Das seien aber verschwindend wenige

Patienten, fast alle könnten auf eine Sprechstunde vermittelt werden.

 

Schneller einen ersten Ansprechpartner zu bekommen sei für die

Betroffenen eine große Hilfe, heißt es aus dem von Hermann Gröhe

(CDU) geführten Bundesgesundheitsministerium. So könne geklärt

werden, ob es sich um einen akuten Fall handle oder ob der Patient an

eine andere Einrichtung verwiesen werden könne.

 

Die Bundespsychotherapeutenkammer sieht hingegen wenig Verbesserung

für die Patienten durch die Reform. Denn auch wenn eine erste

Sprechstunde schnell vermittelt werde, ändere dies nichts am langen

Warten auf einen Therapieplatz. «Die Bundestherapeutenkammer hat

schon immer darauf hingewiesen, dass nach der Sprechstunde nicht mehr

Behandlungsplätze zur Verfügung stehen», sagt Sprecher Kay

Funke-Kaiser. «Im Gegenteil, für Sprechstunde und Akutbehandlung

müssen jetzt Stundenkontingente frei gehalten werden, die nicht mehr

für die «Richtlinien-Psychotherapie» zur Verfügung stehen.»

 

Bisher seien nur im Jahr 2013 rund 1300 psychotherapeutische Praxen

mehr zugelassen worden - in ländlichen Regionen. Insgesamt suchen

Funke-Kaiser zufolge aber immer mehr psychisch kranke Menschen

professionelle Hilfe. Doch es fehlt an Ärzten.

 

Auch Marcel Bettray wartet weiter. Deswegen hat er die Intiative

ergriffen und Merkel am Donnerstag vor der Bundestagswahl im

Kanzlercheck der jungen ARD-Radioprogramme selbst gefragt: «Was

möchten Sie daran ändern, dass wir da mehr Unterstützung bekommen,

dass man nicht zwei Jahre lang auf einen Therapieplatz warten muss,

gerade wo das Thema Depression und Burn-out immer intensiver wird?»

 

Kanzlerin Merkel hat ihm in der Radiosendung geantwortet: «Ja, Sie

haben Recht, dass es natürlich Therapien geben muss.» Wenn das so

lange dauere, müsse sie sich noch mal mit dem Gesundheitsminister

verständigen. Dann müsse das Angebot verbreitert werden. «Auf jeden

Fall sollte nicht nur beim Knochenbruch eine Reha da sein, sondern

eben auch eine Therapiemöglichkeit bei psychischen Erkrankungen, das

ist ganz wichtig», sagte die Kanzlerin. Sie versprach: «Das nehme ich

mir mit aus der Sendung.»