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Zahl der Geburten gestiegen - Trend zu spätem Kinderwunsch

03.09.2019

Immer mehr Frauen lassen sich Zeit mit dem Nachwuchs. Auch wenn die
Generation «Ü-40» insgesamt nur für einen kleinen Teil der 787 500
Geburten in Deutschland steht, hat sich die Zahl dieser Mütter in
knapp 30 Jahren fast vervierfacht.

Wiesbaden/Rostock (dpa) - Sie sagen «Ja» zum Kind, haben es mit dem
Nachwuchs aber nicht mehr so eilig wie die Generation ihrer Mütter.
Experten sprechen da von einem «aufgeschobenen» Kinderwunsch. Auch
wenn längst nicht alle Frauen bis zum 40. Lebensjahr warten wollen,
bis sie Mutter werden, ist die Zunahme älterer Mütter auffällig. Im
vergangenen Jahr war dies bei 42 800 Geburten der Fall, wie das
Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte. In der Gesamtgruppe
aller Mütter sei die Geburtenhäufigkeit der Frauen ab 40 mit 88
Kindern je tausend Frauen zwar relativ gering. Im Vergleich zu 1990
habe sich die Zahl aber fast vervierfacht.

Insgesamt kamen im vergangenen Jahr 787 500 Kinder auf die Welt. Das
waren rund 2600 Neugeborene mehr als im Jahr 2017, wie das
Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte. Die durchschnittliche
Kinderzahl pro Frau blieb bei 1,57 Kindern. Das Durchschnittsalter
der Frauen bei der Geburt des ersten Kindes lag bei 30 Jahren. Noch
in den 1970er Jahren waren die westdeutschen Frauen bei der Geburt
des ersten Kindes im Durchschnitt noch keine 25 Jahre alt, in der DDR
sogar noch nicht einmal 22 Jahre.

Mathias Lerch vom Max-Planck-Institut für Demografische Forschung in
Rostock ist nicht überrascht über die Statistik-Ergebnisse. Zum einen
habe sich die Bevölkerungsstruktur verändert: «Die zahlreicheren
Baby-Boomer, die in den 50er Jahren geboren wurden, hatten damals
alle im Schnitt noch zwei Kinder - und diese Kinder sind heute im
höheren gebärfähigen Alter», erklärt der stellvertretende Leiter des
Arbeitsbereichs Fertilität und Wohlbefinden am Institut.

Hinzu komme eben der aufgeschobene Kinderwunsch: Frauen wollten nicht
in ihren Zwanzigern gleich ein Kind, sondern konzentrierten sich auf
Ausbildung oder Studium. Sie wollten beruflich Fuß fassen, aber auch
reisen und das Leben genießen. «Und wenn die erste Geburt erst nach
dem 30. Lebensjahr stattfindet, dann ist das Risiko hoch, dass die
zweite nach dem 40. stattfinden wird», sagte Lerch über die späten
Mütter.

Das späte Kinderglück sei da wohl wörtlich zu nehmen: Studien zufolge
fühlten sich ältere Eltern nach der Geburt ihres Kindes glücklicher
als jüngere. «Ältere Eltern haben sich diese Geburt wahrscheinlich
schon länger gewünscht», vermutet Lerch. Für jüngere Eltern hingegen
könne es bei aller Freude über den Nachwuchs auch Konflikte geben mit
den individuellen Plänen: «Die Jüngeren haben ihre individuellen
Pläne vielleicht noch nicht umgesetzt, sind vielleicht noch in
Ausbildung und arbeiten an ihrer Karriere. Da ist es natürlich eine
Herausforderung, jetzt auch noch an der Familie zu arbeiten. Aber auf
der anderen Seite sind die auch jünger und haben mehr Power und
Energie, um das alles zu bewältigen.»

Dass jüngere Familien mehr Probleme haben, von spontanen Partys und
Reisen plötzlich auf schlafarme Nächte und die Versorgung eines Babys
umzusteigen als ältere Paare, glaubt der Wissenschaftler aber nicht:
«Wenn man 20 Jahre lang die große Freiheit gelebt hat und plötzlich
ist alles ganz anders, ist das vielleicht noch eine größere
Umstellung, als wenn man das vielleicht nur fünf Jahre nach dem
Studium erlebt hat und dann Eltern wird.»

Auffällig ist aber nicht nur, in welchem Lebensalter der Nachwuchs
kommt, sondern auch der Ort: Bezogen auf die Einwohnerzahl waren die
Stadtstaaten im vergangenen Jahr besonders geburtenreich. An erster
Stelle standen hier 2018 die Hamburg mit zwölf Kindern sowie Berlin
und Bremen mit jeweils elf Kindern je 1000 Einwohner. In den
Bundesländern mit einer verhältnismäßig alten Bevölkerung und weniger
potenziellen Eltern wurden dagegen im Verhältnis zur Einwohnerzahl
weniger Kinder geboren.

«Es gibt eine geografische Verschiebung der Fruchtbarkeit rund um die
Ballungszentren», sagt auch Demografie-Forscher Lerch. Das könne man
nicht nur in Deutschland, auch in anderen Ländern beobachten, wo die
«Speckgürtel» der Städte durch die hohe Anzahl von Familien geprägt
seien. Dort sei die Fruchtbarkeit größer als in den innerstädtischen
Zentren oder an der Peripherie.