Agenturmeldungen

Zahl der sexuell übertragenen Infektionen steigt

02.09.2019

Das Sexleben vieler Menschen ist heute freier als auf dem Höhepunkt
der Aids-Epidemie. Allerdings fehlt häufig das Bewusstsein, dass man
sich schützen muss. Experten fordern mehr Aufklärung schon in der
Schule.

Bochum (dpa) - Weil sich immer mehr Menschen in Deutschland mit
sexuell übertragbaren Infektionen anstecken, hat die Bundeszentrale
für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) ein neues Online-Angebot
gestartet. Experten sollen unter www.liebesleben.de/beratung
kostenlos und anonym dabei helfen, das eigene Risiko einzuschätzen.
Der Wissensstand zu HIV sei seit vielen Jahren auf einem hohen
Niveau, teilte die Behörde mit. Dagegen kennen laut der Studie «Aids
im öffentlichen Bewusstsein» zum Beispiel nur 14 Prozent der
Bevölkerung die weit verbreitete Chlamydien-Infektion. Von ihr sind
vor allem Jugendliche und junge Erwachsene betroffen, nach
Schätzungen gibt es bis zu 300 000 Neuinfektionen jährlich.

Notwendig seien größere Anstrengungen bei der Aufklärung, sagte
Norbert Brockmeyer, Leiter des Zentrums für Sexuelle Gesundheit und
Medizin («Walk in Ruhr») in Bochum. Dort kann jeder sich testen oder
impfen lassen sowie seine Partner über Ergebnisse anonym informieren.
 «Wir müssen in die Schulen reingehen», betonte der Mediziner, der
auch Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft zur Förderung der
sexuellen Gesundheit ist. Der Welttag Sexuelle Gesundheit an diesem
Mittwoch (4.9.) soll für das Thema sensibilisieren, das alle sexuell
aktiven Menschen betrifft. Es ist immer noch mit Ängsten und Scham
behaftet.

Genauere Zahlen gibt es nur für die anonym meldepflichtigen
Erkrankungen wie HIV/Aids, Syphilis sowie Hepatitis B. So sank die
Zahl der gemeldeten HIV-Neuinfektionen 2017 im Vergleich zum Vorjahr
um etwa 7 Prozent auf 2700. Dagegen stieg die Zahl der
Syphilis-Erkankungen. Im Jahr 2017 wurden dem Robert Koch-Institut
(RKI) 7476 Fälle gemeldet, etwa 4 Prozent mehr als 2016. Syphilis
tritt zurzeit vor allem bei Männern auf, die Sex mit Männern haben.

Viele der Infektionen sind nur mit leichten Symptomen wie Juckreiz
oder Ausfluss verbunden, können aber schwerwiegende Folgen haben. So
können Chlamydien bei Frauen zu chronischen Unterbauchentzündungen
und bei Männern und Frauen zu Unfruchtbarkeit führen. Sexuell
übertragen werden auch Humane Papillomviren (HPV) - sie gelten als
Hauptursache für Gebärmutterhalskrebs. Gegen HPV geimpft werden
sollen Mädchen und Jungen möglichst im Alter zwischen 9 und 14
Jahren. Die Impfrate ist in Deutschland laut RKI noch längst nicht
auf dem Niveau anderer Länder.

Hintergrund für die steigenden Zahlen bei verschiedenen Infektionen
ist nach Brockmeyers Beobachtung der Wandel des Sexualverhaltens.
Erste gängige Kontaktform sei Oralsex. Bei Frauen gebe es auch
zunehmend Analverkehr. Damit steige das Ansteckungsrisiko.
Dating-Plattformen im Internet tragen dazu bei, dass Menschen mehr
Sexualkontakte haben. «Weil man sich vorher in Chatrooms ausgetauscht
hat, gaukelt dies Vertrautheit vor und es kommt zu ungeschütztem
Sex», sagte Brockmeyer. Der Schutzfaktor von Kondomen bei den sexuell
übertragbaren Infektionen mit Ausnahme von HIV liegt dem Experten
zufolge bei 50 bis 60 Prozent.

Im Sexualunterricht müsse viel stärker auch die Verantwortung für
sich und andere betont werden, sagte der Mediziner. «Sexualität ist
schön, aber entscheidend ist der achtsame Umgang mit einem selbst und
mit den Leuten, mit denen man Kontakt hat.» Das Sexualleben ist heute
freier als auf dem Höhepunkt der Aids-Epidemie, allerdings gibt es
eine größere Verschlossenheit, darüber zu reden. «Es ist immer noch
ein gesellschaftliches Tabu. Es gibt dafür auch keine
allgemeingültige Sprache.»

Früh erkannt sind die meisten sexuell übertragbaren Infektionen gut
behandelbar und heilen ohne Folgeschäden aus. Brockmeyer wünscht sich
mehr Informationen über ihre Ausbreitung in Deutschland. Auch die von
Gonokokken ausgelöste Gonorrhö (Tripper) sollte meldepflichtig
werden, so der Dermatologe. Die Zahl der Gonokokken-Infektionen wird
bundesweit auf etwa 30 000 pro Jahr geschätzt.