Agenturmeldungen

Ärzte- und Pflegemangel: Zuwanderung als Rezept gegen Kollaps?

24.09.2018

In Deutschland fehlen viele Tausend Pflegekräfte und Ärzte. Ohne
Personal aus dem Ausland kollabiert das System, sagen manche
Experten. Flüchtlinge werden zu Pflegern ausgebildet, Zugewanderte
arbeiten als Mediziner. Wo liegen die wunden Punkte?

Düsseldorf (dpa) - Amera Kabara hat in Syrien eine Hochschule
besucht, zwei Geschäfte geführt, ist vor dem Krieg geflüchtet und
lässt sich jetzt im Rheinland zum Altenpfleger ausbilden. Gianluigi
Brescia studierte in Italien Medizin und lernt nun gerade für seine
Approbation, um in Neuss als Krankenhaus-Kardiologe zu arbeiten. Und
Kateryna Nezhentesva war in der Ukraine Krankenschwester, bevor sie
nach neun Monaten Anerkennungszeit in einer städtischen Klinik
anfing. Experten und Praktiker sagen: Der Fachkräftemangel wird
weiter zunehmen. Ohne zugewanderte oder geflüchtete Kräfte kollabiere
das Gesundheitswesen.

«In ländlichen Regionen könnten wir die medizinische Versorgung ohne
Ärzte aus dem Ausland schon heute nicht mehr sicherstellen»,
schildert Jürgen Herdt von der Ärztekammer Westfalen-Lippe, der
viertgrößten in Deutschland. Ende 2017 hatten rund 12 Prozent aller
Ärzte - rund 45 000 Personen - keinen deutschen Pass, eine deutliche
Zunahme. «Je weiter man in den ländlichen Räume kommt, desto höher
ist der ausländische Mediziner-Anteil.» In einigen Kreisen wie Olpe
oder Höxter seien in den Kliniken gut 80 Prozent der jungen
Assistenzärzte bis 35 Jahre Ausländer.

Maike Tölle von der Katholischen Hospitalvereinigung KHWE betont: «Im
Moment ist Zuwanderung die einzige Option.» Es würden viel zu
wenig Mediziner in Deutschland ausgebildet. «Die Politik hilft uns da
sehr wenig. Hätten wir die ausländischen Assistenzärzte und Pfleger
nicht, würde unser Gesundheitssystem zusammenbrechen.» Die große
Koalition hatte gerade erst eine Trendwende gegen den Pflegenotstand
und mehr Personal versprochen. Ohne ausländische Kräfte sei es kaum
noch möglich, eine Klinik oder Pflegeeinrichtung zu betreiben, sagt
auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

In der Pflege werden im Jahr 2035 etwa 280 000 Kräfte fehlen,
prognostiziert Arbeitsmarktforscher Tobias Maier vom
Bundesberufsbildungsinstitut BIBB. «Ja, qualifizierte Einwanderung
würde helfen.» Wie funktioniert das im Gesundheitsbereich, welche
Hürden, Wege, Projekte gibt es?

Beispiel Amera Kabara: Er durchläuft ein von der Bundesagentur für
Arbeit und dem Land NRW unterstütztes Programm: Die Teilnehmer lernen
in drei Jahren Deutsch, machen einen Hauptschulabschluss und werden
zum Altenpflegehelfer ausgebildet. Das alles hat der 34-jährige Syrer
schon geschafft. Der Lohn: «Im Oktober kann ich die Fachausbildung
zum Altenpfleger anfangen. Es wird nicht leicht, aber ich hoffe, ich
kann das machen.» Was ist seine Motivation?

In Syrien gebe es den Beruf so nicht. «In unserer Kultur pflegen die
Kinder ihre Eltern zuhause. Und wir werden auch nicht 100 Jahre alt,
so wie die deutschen Menschen.» Vor gut drei Jahren flüchtete er vor
den Bomben. Heimbewohnerin Elisabeth Grohmann (85) schätzt den
Helfer, ebenso wie dessen Kollegen aus Afghanistan und Eritrea, die
im Programm Care For Integration (CFI) qualifiziert werden.

Ressentiments gegenüber sichtbar nicht-deutschen Pflegern gebe es
selten, erzählt Hans-Peter Knips vom Bundesverband bpa, dessen
NRW-Landesorganisation die CFI-Idee mitentwickelt hat. «Wenn ein
Angehöriger sieht, dass ein Dunkelhäutiger seine Mutter pflegt, kann
das auch gegen Fremdenfeindlichkeit wirken.» Bisher war kein Azubi
von Abschiebung bedroht. Die Teilnehmer seien in ihren drei Jahren
Fachkraft-Ausbildung und zwei folgenden Berufsjahren «geschützt».

Vom Heim in die Klinik: Die ausländischen Kollegen empfindet man am
Lukaskrankenhaus Neuss als bereichernd. «Deutschland ist leider etwas
arrogant, was die Anerkennung von Berufsabschlüssen anderer Länder
angeht», kritisiert Pflegedienstleiterin Andrea Albrecht.
Konkret: Obwohl der Beruf der Krankenschwester in vielen Ländern mit
einem Hochschulstudium verbunden sei, müssten die Fachkräfte
hierzulande erst noch Anerkennungspraktikum und Schulbesuch
nachweisen.

Albrecht sieht viele Hürden für ausländische Pflegekräfte, allen
voran die uneinheitlichen Anforderungen und Verfahren für eine
Berufserlaubnis. Laut Mediendienst Integration arbeiteten 2017
bundesweit etwa 134 000 ausländische Pflegefachkräfte und -helfer,
rund 3900 von ihnen kamen aus den wichtigsten acht
Asylherkunftsstaaten wie Syrien, Afghanistan oder Irak.  

Bei der Approbation für Mediziner aus Nicht-EU-Ländern gibt es
ebenfalls nicht das eine goldene Rezept, weiß Herdt von der
Ärztekammer. Die Länder handhaben die Sache unterschiedlich, was
trotz einiger Verbesserungen manchmal ein «Flickenteppich» sei. Trotz
des großen Bedarfs an Medizinern mahnt er: Die Messlatte bei den
fachlichen und sprachlichen Qualifikation müsse unbedingt sehr hoch
bleiben. Das gelte umso mehr, «wenn vier von fünf Kollegen auf einer
Station nicht Deutsch-Muttersprachler sind.»

Nicht-EU-Mediziner müssen für ihre Zulassung eine Kenntnisprüfung
ablegen, bei der alle Inhalte des deutschen Medizinstudiums abgefragt
werden können. Eine zusätzliche Fachsprachen-Prüfung nehmen meistens
die Landesärztekammern ab. Die Prozesse könnten für Kandidaten wie
Kliniken extrem undurchsichtig sein, moniert Tölle. Es brauche großes
Durchhaltevermögen. Das hat Amera Kabara. «Ich habe alles verloren in
Syrien. Ich lerne hier und möchte arbeiten. Ich bin noch jung. Und
ich kann alles schaffen.»