Agenturmeldungen

Ärzte warnen vor wirtschaftlichem Druck auf Patientenversorgung

24.11.2019

 

Im Gesundheitswesen geht es um das Wohl von Millionen Menschen - und
um Milliardensummen. Das lockt Finanzinvestoren an, wie Mediziner mit
Sorge sehen. Auch in Kliniken gebe es bedenkliche Entwicklungen.

Berlin (dpa) - Ärztepräsident Klaus Reinhardt hat vor wachsendem
wirtschaftlichen Druck auf die Behandlung von Patienten gewarnt. «Wir
wollen ein humanes Gesundheitswesen haben, das nicht so
durchökonomisiert ist wie ein Industriebetrieb», sagte der Chef der
Bundesärztekammer der Deutschen Presse-Agentur. «Das ist unangemessen
für die Versorgung von Kranken und mit dem ärztlichen Ethos nicht
vereinbar.» Er verwies auf zunehmend problematische Bedingungen in
Krankenhäusern, die zu «Effizienzdruck» führten. Es verschärfe sich
auch der Trend zu einer Kommerzialisierung durch Finanzinvestoren,
die medizinische Einrichtungen als Geldanlagen in den Blick nehmen.

«Die Strukturen im Gesundheitswesen müssen auch nach wirtschaftlichen
Kriterien ausgerichtet sein, keine Frage», sagte Reinhardt. «Es ist
aber auch dem berechtigten Anspruch der Erkrankten zu entsprechen,
dass sie in einem Staat wie Deutschland angemessen behandelt werden.
Nicht nur technisch, sondern auch menschlich.»

Investitionen in Kliniken sollten eigentlich die Länder finanzieren,
erläuterte der Ärztepräsident. Da dies oft nur unzureichend passiere,
versuchten viele Häuser, es aus den Betriebserlösen zu stemmen und
engagierten Unternehmensberater. Die versuchten dann mit Methoden wie
aus der Autoindustrie, Krankenhausversorgung zu rationalisieren - mit
Folgen: «Der Zeitmangel verschärft sich, vor allem die so wichtige
Kommunikation zwischen Arzt und Patienten kommt oft zu kurz.» Es gebe
teils auch nicht genug Ärzte und Pflegekräfte, damit Wartezeiten
zumutbar bleiben. «Dass daraus bei Patienten auch Unbehagen gegenüber
dem Gesundheitswesen erwächst, kann keinen verwundern.»

Reinhardt forderte: «Es muss dringend Abhilfe geschaffen werden, um
das Vertrauen der Menschen in das System zu sichern.» Dafür müsse
sich auch die Kommunalpolitik Gedanken machen, ob wirklich alle
Klinikstandorte erforderlich sind. «Wenn Krankenhäuser in
benachbarten Landkreisen allein nicht überlebensfähig sind, könnte
man doch beide Standorte zusammenführen - und zwar mit dem gesamten
Personal.» Das brächte Freiraum für Investitionen und vernünftige
Arbeitsbedingungen. Es müsse aber auch Schluss damit sein, dass
Standort-Entscheidungen in der Politik sofort angeprangert werden.

Beim bedenklichen Trend zur Kommerzialisierung gehe es nicht um
private Krankenhausträger oder Ärzte, die sich zu mehreren zu einer
Gruppenpraxis zusammentun. «Aber es ist problematisch, wenn
Finanzinvestoren oder Pensionsfonds in Einrichtungen wie Medizinische
Versorgungszentren (MVZ) einsteigen mit dem einzigen Ziel der
Kapitalanlage», sagte Reinhardt. «Es gibt Grund zur Sorge, dass dann
Ärzte zur Erfüllung von Renditezielen bedrängt werden, gezielt
medizinische Leistungen vorzunehmen.»  

Auch die gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) betonten die
gemeinsame Verantwortung dafür, dass Menschlichkeit und
Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen Hand in Hand gehen. «Technik,
Chemie und Biologie sind wichtig für die Behandlung kranker
Menschen», sagte der Sprecher des GKV-Spitzenverbands, Florian Lanz,
am Sonntag der dpa. «Aber der professionellen Pflege, dem
Ärztin-Patienten-Gespräch und einem vertrauensvollen Miteinander muss
immer eine herausragende Bedeutung zukommen.»