Agenturmeldungen

Arzt im Klinikalltag: «Die Situation ist prekär»

23.01.2020

Viele Patienten, lange Schichten, erschöpfte Ärzte: Aus Sicht des
Marburger Bundes sind die Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern
alles andere als gut. Wie sieht der Alltag eines Klinikarztes aus?

Stuttgart (dpa) - In manchen Wochen kommt Johannes Wetzel noch nicht
einmal mit der gesetzlichen Höchstarbeitszeit von 48 Stunden hin.
Wenn man das Arbeitspensum in der Klinik erfüllen wolle, müsse man
nach der Schicht oftmals länger bleiben, sagt der Mediziner, der
seinen richtigen Namen und auch seinen Arbeitsplatz in
Baden-Württemberg lieber nicht nennen möchte. Teilweise bauten die
Dienstpläne sogar schon auf Überstunden auf. «Die Situation ist über
alle Berufsgruppen prekär, muss man sagen. Wir haben viele freie
Stellen, die nicht nachbesetzt werden können. Das führt zu einer sehr
angespannten Situation.»

Gleichzeitig sei der ökonomische Druck in den Krankenhäusern sehr
groß. «Das ist ja nichts Neues», sagt Wetzel. Die Patienten blieben
im Schnitt immer kürzer stationär in der Klinik, was insgesamt zu
mehr Patienten führe. Und das wiederum verändere und verdichte die
Arbeit der Ärzte. «Das ist über die letzten zehn Jahre stark zu
beobachten gewesen.»

Geschichten wie die von Wetzel, der auf fast 30 Jahre Berufserfahrung
zurückblickt, kennt auch Michael Beck vom Marburger Bund. Viele Ärzte
- gerade auch ältere - flüchteten sich in die Teilzeit, um
Belastungen zu reduzieren, sagt der Sprecher des Berufsverbands in
Baden-Württemberg. «Und wir haben auch den Trend, dass viele Ärzte in
fachfremde Berufe wechseln - zum Beispiel in Unternehmensberatungen.
Dementsprechend wird der Bestand an Ärzten verknappt.»

Um die Arbeitsbedingungen der Krankenhausärzte zu erfassen, befragt
die Fachgewerkschaft alle zwei Jahren mit dem Umfrageinstitut IQME
bundesweit ihre Mitglieder, wie sie ihre Arbeitsbedingungen
beurteilen. Die Ergebnisse werden am Donnerstagvormittag vorgestellt.
Wie die Zeitungen der Funke Mediengruppe vorab berichteten, klagen
die Ärzte unter anderem über einen zu hohen und zeitintensiven
bürokratischen Aufwand.

Ein Medizinstudienplatz koste eine Menge Geld, sagt Beck. «Die
öffentliche Hand müsste sich überlegen: Wollen wir es, dass Ärzte
aufgrund der Belastung krank werden oder aus dem Beruf ausscheiden?
Man könnte viel kompensieren, wenn man den Arztberuf durch eine
Verbesserung der Arbeitsbedingungen attraktiver macht.»

Der Marburger Bund hat eine Kampagne ins Leben gerufen, die eine
konsequente Kontrolle der Arbeitszeit fordert. Denn Fehler, die auf
Übermüdung oder Überlastung von Ärzten zurückzuführen seien, könnten
die Patienten direkt betreffen und im Zweifel fatale Folgen nach sich
ziehen.

In Wetzels Krankenhaus wird die Arbeitszeit zwar erfasst, und
Überstunden werden ausgeglichen oder ausbezahlt. Aber nicht jeder ist
damit zufrieden: Viele Kollegen wollen, wie der Facharzt berichtet,
eine geregelte Arbeitszeit und nicht viele Wochen lang Überstunden zu
ungünstigen Zeiten - nachts und an Wochenenden - ansammeln. «Sie
wollen nicht mehr 48 Stunden arbeiten, aber sie müssen es, weil sonst
die Dienste nicht adäquat besetzt werden können.»

Erfassungssysteme könnten auch ausgetrickst werden, sagt Beck. «Was
mir oft begegnet: Dass Druck ausgeübt wird, dass die Leute
ausstempeln.»