Agenturmeldungen

Bessere Versorgung psychisch Kranker ohne mehr Psychotherapiepraxen?

27.03.2017

Die oft monatelangen Wartezeiten für psychisch Kranke auf eine
Behandlung beim Psychotherapeuten sollen endlich der Vergangenheit
angehören. Doch reicht die Zahl der psychotherapeutischen Praxen
dafür aus?

Berlin (dpa) - Ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland leidet
übers Jahr gesehen an mindestens einer psychischen Störung, so eine
Untersuchung des Robert Koch Instituts. Die Bandbreite reicht von
Angst- und Schlafstörungen über Depressionen und Demenz bis zu
Süchten wie Alkohol- oder Magersucht. Auf der Suche nach einem
Psychotherapeuten wird man allzu oft am Telefon vom Anrufbeantworter
abgespeist - auch in dringenden Fällen, in denen sich der Patient mit
Tötungsgedanken quält. Hat man endlich einen Therapeuten erreicht,
wartet man erneut häufig monatelang auf einen Behandlungstermin. Vom
1. April an wird das Leistungsangebot für psychisch Kranke deutlich
verbessert, ohne jedoch die Zahl der Psychotherapeutenpraxen
entsprechend aufzustocken.

Was ändert sich für Patienten?

Kernpunkt der geänderten Psychotherapierichtlinie ist die Einführung
einer psychotherapeutischen Sprechstunde*. Psychotherapeuten müssen
demnach pro Woche mindestens zwei Stunden (4 Sprechstunden zu je 25
plus Pausen) für Sprechstunden zur Verfügung stehen. Für eine
Sprechstunde können Termine vereinbart werden. Sie kann aber auch als
offene Sprechstunde ohne Terminabsprache angeboten werden. Erwachsene
können bis zu sechsmal 25-minütige Sprechstunden-Termine bekommen,
Kinder und Jugendliche bis zu zehnmal. 

Was verbessert sich noch?

Psychotherapeutische Praxen müssen mindestens 200 Minuten in der
Woche telefonisch erreichbar sein. Diese Zeit muss in Einheiten von
mindestens 25 Minuten angeboten werden. Der Psychotherapeut muss
diesen «Telefondienst» nicht persönlich leisten, sondern kann dafür
auch Praxispersonal oder einen Dienstleister einsetzen. Im Prinzip
kann am Telefon ein Termin für ein erstes Gespräch vereinbart werden.
Möglicherweise kann hier auch schon eine gewisse Dringlichkeit für
einen Sprechstundentermin festgestellt werden.

Wie ist mit einem Notfall umzugehen?

In der Sprechstunde kann auch geklärt werden, ob in solchen
dringenden Fällen eine sogenannte Akutbehandlung erforderlich ist. In
diesem Fall kann ohne langes Antragsverfahren mit der Krankenkasse
rasch eine Behandlung des Patienten begonnen werden. Sie erfolgt als
mindestens 25-minütige Einzelbehandlung, bis zu 24-mal je
Krankheitsfall. Mit einer Akutbehandlung soll verhindert werden, dass
die Patienten nicht mehr zur Arbeit oder Schule gehen können oder in
ein Krankenhaus müssen und die psychische Erkrankung chronisch wird.
Patienten sollen so also kurzfristig stabilisiert werden.

Und wenn es dann immer noch keinen Termin beim Therapeuten gibt?

Dann gibt es noch seit gut einem Jahr die Terminservicestellen der
Kassenärztlichen Vereinigungen. Die müssen vom 1. April an auch
Termine in der psychotherapeutischen Sprechstunde vermitteln. Für die
Vermittlung eines Sprechstundentermins ist keine Überweisung nötig.
Wie bei anderen Fachärzten gilt auch hier: Der Termin muss innerhalb
einer Woche vermittelt werden und darf nicht später als vier Wochen
nach der Anfrage liegen. Klappt dies nicht, kann der Patient in die
Ambulanz eines Krankenhauses gehen.

Was geschieht in der Sprechstunde?

«Die Patienten können künftig in der Sprechstunde rasch erfahren, ob
sie krank sind, ob sie eine Behandlung brauchen oder ob sie nur eine
Krise haben, die auch anderweitig bewältigt werden kann», sagte der
Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), Dietrich Munz,
der dpa. Die Psychotherapeuten sollten also bei Bedarf auch auf
Hilfsangebote verweisen, die nicht zu den Leistungen der gesetzlichen
Krankenversicherung gehören, wie Selbsthilfe, (Ehe-)Beratungsstellen
oder gemeindepsychiatrische Versorgung.

Gibt es für dieses erweiterte Angebot mehr Psychotherapeuten?

Die Zahl der psychischen Störungen ist seit Jahren relativ konstant.
Doch die Zahl derer, die sich deswegen behandeln lassen, nimmt zu.
Das hängt auch damit zusammen, dass das Thema psychische Erkrankung
enttabuisiert wurde und wird. Es gibt mehr Bedarf als
Psychotherapeutenpraxen, klagt Munz und fordert endlich eine
angemessene Bedarfsplanung in der Psychotherapie. Sie müsse sich
«endlich an der Häufigkeit der Erkrankungen orientieren. Und sie muss
auch regionale Besonderheiten berücksichtigen.» Praxissitze in stark
überversorgten Städten sollten geschlossen und dafür auf dem Land
eröffnet werden. Das erweiterte Angebot dürfte diese Forderung noch
dringlicher machen.