Agenturmeldungen

Cannabis als Therapie: Hohe Erwartung mit vielen Fragezeichen

01.06.2017

Cannabis auf Rezept - seit ein paar Wochen ist das für Schwerkranke
möglich. Die Hoffnungen der Patienten sind hochgeschraubt - zu hoch
vielleicht. Behörden und Verbände halten sich mit einer Beurteilung
zurück.

München (dpa) - Die Geschichten ähneln sich: Schwerkranke, die mit
Cannabis schmerzfrei leben können. Patienten mit chronischen
Schmerzen, die sagen: «Nur damit habe ich wieder Lebensqualität.»
Oder: «Cannabis ist das einzige, was mir hilft.» Einige klagten vor
Gericht auf eine Erlaubnis zur Eigenproduktion. Andere landeten vor
Gericht, weil sie den Hanf zuhause angebaut hatten. Solche Fälle
haben zuletzt für hohe Erwartungen in Cannabis als Medizin gesorgt.

Mittlerweile können Menschen bei schwerwiegenden Erkrankungen, bei
chronischen Schmerzen und als Palliativ-Behandlung im Einzelfall
Cannabis auf Rezept bekommen. Kann der Arzt nachweisen, dass es keine
andere anerkannte Therapie für den Patienten gibt und die
Cannabis-Gabe erfolgversprechend ist, sollen die Krankenkassen die
Kosten für Cannabispräparate oder für getrocknete Cannabisblüten
bezahlen. Im März hatte ein Gesetz von Gesundheitsminister Hermann
Gröhe (CDU) den Weg dafür frei gemacht.

Etwa 1000 Patienten bundesweit durften bisher schon legal Cannabis
nehmen. Sie hatten eine Sondergenehmigung des Bundesinstituts für
Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Ob mit dem neuen Gesetz die
Zahl der Cannabis-Patienten steigen wird, ist unklar. Das
Bundesgesundheitsministerium hat noch keine Informationen, wie vielen
Menschen Cannabis bereits verordnet wurde. «Das Gesetz ist noch keine
drei Monate in Kraft», sagte ein Sprecherin.

In der Berliner Fachpraxis für Schmerztherapie des Klinikkonzerns
Vivantes beobachtet die Medizinerin Corinna Schilling allerdings
einen Ansturm von Patienten, die gerne Cannabis auf Rezept verordnet
haben möchten. «Generell hatten wir vor der Gesetzesänderung keine
Anfragen zu Cannabis, obwohl es das Produkt ja schon gab», sagt
Schilling. Nun gebe es sehr viele Anfragen, denen man gar nicht
gerecht werden könne. Die Menschen gäben an, sie litten unter
chronischen Schmerzen und hofften auf eine Cannabis-Verordnung.

Nach Schillings Einschätzung wurde die Gesetzesänderung von Laien
teils so aufgefasst, dass es massenhaft Anwendungsgebiete für
Cannabis gebe - dabei sei das in den allermeisten Fällen «überhaupt
keine Therapieoption», betont die Ärztin. Sie sieht angesichts der
Nachfrage, die aus ihrer Sicht aus teils irreführenden
Medienberichten und gleichzeitig schwammiger gesetzlicher
Formulierung resultiert, Risiken: «Tor und Tür sind dem Missbrauch
hier weit geöffnet.»

Medizinisches Cannabis kann man auf verschiede Weisen einnehmen.
Vom Rauchen rät das BfArM wegen Nebenwirkungen ab. Die Wirkstoffe
lassen sich auch über ölige Lösungen und Tropfen inhalieren oder
schlucken.

Bei dem Cannabis-Gesetz gibt es Anlaufschwierigkeiten - mit
Unklarheiten seitens der Ärzte, der Patienten und der Kassen. Einige
Betroffene, die bereits eine Sondergenehmigung vom BfArM hatten,
hätten von der Kasse nun eine Ablehnung erhalten. «Das ist
unverständlich und sicher nicht im Sinne des Gesetzgebers», sagt
Michael Schäfer, Schmerzexperte von der Charité in Berlin. Die Ärzte
wiederum betreten Neuland. Zwar sind die meisten potenziellen
Cannabis-Empfänger lange in Behandlung. Doch man sieht niemandem die
Stärke seiner Schmerzen an. «Die Ärzteschaft ist nicht vorbereitet,
sie braucht noch Handlungsanweisung», sagt Schäfer. Richtlinien der
Fachgesellschaften seien noch in Arbeit. 

Der Chef der Arbeitsgruppe Sucht und Drogen in der Bundesärztekammer,
 Josef Mischo, rechnet mit einer gewissen Ausweitung der Therapien,
das Ausmaß sei aber offen. Die neue Cannabisagentur des Bundes will
ab 2019 Marihuana in Deutschland anbauen lassen, die Mengen sollen
gemäß der Ausschreibung jährlich steigen. 2021 und 2022 sollen
demnach im staatlichen Auftrag je 2000 Kilogramm Cannabis in
Deutschland geerntet werden. Bei einem durchschnittlichen Tagesbedarf
von einem Gramm wäre das rechnerisch die Jahresmenge für fast 5500
Patienten.

Wie wirksam Cannabis jeweils sein kann, ist vielfach nicht klar. Die
Studienlage zu den Anwendungsgebieten ist uneinheitlich und oft dünn.
Untersuchungen beruhen häufig auf kleinen Gruppen von Patienten.

Bei chronischen Schmerzen, etwa bei Rückenschmerzen oder Rheuma,
dürfen Ärzte nun testen, ob es den Menschen mit Cannabis besser geht.
Als gesichert gilt, dass Cannabisblüten bei Spastiken helfen, die bei
Multipler Sklerose und bei Nervenverletzungen auftreten. Cannabis
soll darüber hinaus Übelkeit und Erbrechen bei Chemotherapien
unterdrücken und den Appetit bei Aids anregen. Bei Epilepsie,
Alzheimer, Juckreiz und Depressionen sind die Erkenntnisse über die
Wirksamkeit bisher eher gering. Manche Patienten bekommen auch
Nebenwirkungen zu spüren: Schwindel, Verwirrtheit, Müdigkeit. «Das
ist gar nicht mal so unbeträchtlich», sagt Schäfer.

«Zur Evidenz von Cannabis-Therapien gibt es bislang relativ wenig
Daten», sagt auch Samir Rabbata, Sprecher der Bundesärztekammer.
Deshalb sei es gut, dass das neue Gesetz von einer entsprechenden
Erhebung begleitet werde. «Durch sie lassen sich deutlich bessere
Daten darüber generieren, wofür Cannabis tatsächlich sinnvoll ist und
für welche Krankheiten dies weniger der Fall ist.»

Gut möglich, dass sich dann die hoch gesteckten Hoffnungen in die
vermeintliche Wunderpflanze relativieren. Das Gesetz sei, auch wenn
es noch Umsetzungsprobleme gebe, ein wichtiger Schritt nach vorne,
sagt Thomas Isenberg, Geschäftsführer der Deutschen
Schmerzgesellschaft. Aber: «Cannabis in der Medizin ist kein
Allheilmittel.»