Agenturmeldungen

Die unterschätzte alltägliche Gewalt in der Pflege

06.09.2017

Weder Pflegekräfte noch Pflegebedürftige sind jeden Tag gleich gut
drauf. Auch hier gehören Stress und Konflikte zum Alltag. Und immer
wieder auch Gewalt. Experten fordern «eine neue Kultur des
Hinschauens».

Berlin (dpa) - Der alte Herr hoch in den 90ern ist bettlägerig und
kann sich nicht mehr bewegen. Seine Gelenke sind steif. Er muss
regelmäßig umgelagert werden. In einer Nacht verhakt sich beim
Umlagern seine Hand im Gitter des Bettes. Die Pflegekraft zieht
weiter und bricht dem hilflosen alten Herrn den Arm. Sicherlich keine
Absicht. Es musste einfach schnell gehen. Gleichwohl: Die Pflegekraft
hat es an der nötigen Sorgfaltspflicht mangeln lassen. Das darf nicht
sein.

Das ist Gewalt in der Pflege. In der Pflege gilt nämlich ein
«erweiterter Gewaltbegriff». Denn es besteht eine besondere
Schutzbedürftigkeit des Pflegebedürftigen. Es geht hier nicht nur um
aktive Gewalt, es geht auch um Gewalt durch Vernachlässigung - etwa,
wenn der Toilettengang zu lange hinausgezögert wird, wenn die
Pflegebedürftigen zu wenig zu trinken bekommen oder zum Essen
gezwungen werden.

Gewalt ist auch, wenn Frauen gegen ihren Willen von Männern gewaschen
werden oder umgekehrt. Gewalt fängt schon mit dem «Duzen der Omi» an.
Unter solchen körperlichen oder seelischen Verletzungen litten die
Menschen, sie könnten sich nämlich nicht dagegen wehren, sagt Beate
Glinski-Krause vom Frankfurter Forum für Altenpflege, einem Verbund
der Pflegeeinrichtungen in der Mainmetropole.

Nach einer Mitte des Jahres veröffentlichten Studie des Zentrums für
Qualität in der Pflege (ZQP) zeigt sich Gewalt von Pflegekräften
gegen Pflegebedürftige am häufigsten in verbalen Übergriffen (oft: 2
Prozent, gelegentlich: 23 Prozent, selten: 55 Prozent). Auch
körperliche Gewalt kommt immer wieder vor (oft: 1 Prozent,
gelegentlich: 7 Prozent, selten: 38 Prozent), und noch häufiger
sogenannte Freiheitsentziehende Maßnahmen gegen den Willen des
Pflegebedürftigen (oft: 4 Prozent, gelegentlich: 5 Prozent, selten:
25 Prozent).

Gewalt wird häufig mit kriminellem Verhalten gleichgesetzt. In der
Pflege könne man aber auch Gewalt ausüben, ohne eine Straftat zu
begehen, sagt der Vorstandsvorsitzende des ZQP, Ralf Suhr, der dpa.
So könne jemand als Freiheitsentziehende Maßnahme auch am Bett
angeschnallt werden, ohne dass dies juristisch zu beanstanden sei. Es
bleibe aber ein Akt der Gewalt. Die Zahl der 2015 durch die
Betreuungsgerichte neu genehmigten Maßnahmen dieser Art sei mit knapp
60 000 nach wie vor viel zu hoch.

Zugleich gibt es aber auch kriminelles Verhalten, das immer wieder
schockiert. Ob es der als Patientenmörder verurteilte Niels H. ist,
der an Kliniken in Delmenhorst und Oldenburg getötet hat, oder die
Pflegemafia, die durch Abrechnungsbetrug das deutsche Sozialsystem um
viele Millionen, wenn nicht gar Milliarden betrügt. Das sind
Extremfälle mit enormer krimineller Energie. Sie haben aber das
Potenzial, die Gesellschaft aufzurütteln.

Denn sie zeigen, dass die Kontrolle nicht funktioniert. Da hat keiner
richtig hingeschaut. Und dies gilt noch mehr für die kaum greifbare,
schwer kontrollierbare alltägliche Gewalt, die in der Pflege unter
dem Radar läuft und tabuisiert wird, übrigens auch in der Familie.

Frank Weidner, Direktor des Deutschen Instituts für angewandte
Pflegeforschung in Köln (DIP), verlangt, in der Pflege in
Krankenhäusern, Altenheimen und in der ambulanten Versorgung müsse es
«endlich eine neue Kultur des Hinschauens und der Achtsamkeit geben».

Die regelmäßigen Überprüfungen von Pflegeeinrichtungen durch die
Medizinischen Dienste der Krankenkassen (MDK) seien unzureichend und
erfolgten angesichts der Missstände zu weitmaschig, schreibt Susanne
Moritz in ihrer sozialrechtlichen Arbeit «Staatliche Schutzpflichten
gegenüber pflegebedürftigen Menschen» (2013). Zudem war und ist die
Notengebung durch den sogenannten Pflege-TÜV wenig aussagekräftig,
weil nur Bestnoten vergeben wurden. Dabei wurde das Thema Gewalt in
der Pflege mehr oder weniger ganz ausgespart.

ZQP-Chef Suhr verlangt deshalb, dass bei der Überarbeitung des
Pflege-TÜVs bis 2019 das Thema Gewalt wesentlich stärker
berücksichtigt werden müsse. «Hier wäre es schon eine große
Weiterentwicklung, wenn Pflegeanbieter Strukturen und Prozesse zur
Gewaltprävention nachweisen müssten.» Es müsse verpflichtend sein,
klar darzustellen: Gibt es eine Fehlerkultur, gibt es ein
durchdachtes Präventionskonzept, wie wird mit gemeldeten Fehlern und
Beschwerden umgegangen?

Eine aktuelle Befragung des ZQP von Pflegekräften in der stationären
Pflege zeigt aber: In 28 Prozent der Einrichtungen werden Vorfälle
überhaupt nicht in einem Fehlerberichtssystem dargestellt. Und bei 20
Prozent ist der Umgang mit Aggression und Gewalt kein Thema des
Qualitätsmanagements.

Pflege ist heute zu einem nicht unwesentlichen Marktsegment einer
alternden Gesellschaft geworden, in dem mit dem Bedarf auch der
Fachkräftemangel zunimmt. Es ist bereits vom Pflegenotstand die Rede.
Zugleich werde das Patientenklientel schwieriger, sagt
Glinski-Krause. So habe die Zahl der Menschen mit psychischen
Erkrankungen oder Demenz deutlich zugenommen - und auch die
Übergriffe auf Pflegende.

Nach einer jetzt veröffentlichten DIP-Studie gab Ende vergangenen
Jahres knapp jeder siebte Pflegende (13,7 Prozent) an, in den
vergangenen drei Monaten selbst Opfer von Gewalt geworden zu sein.
11,2 Prozent erleben dies «eher häufig» und 2,5 Prozent sogar «sehr
häufig». Eine besserer Pflege-TÜV, der auch Gewalt in der Pflege zum
Thema macht, sollte also auch im Interesse der Pflegenden sein.