Agenturmeldungen

Digitale Brillen gegen Demenz

15.09.2017

Krefeld (dpa) - Plötzlich sind die Erinnerungen zurück. Die Häuser,

die Geschäfte, die Autos - alles ist wie damals in den 50er und 60er

Jahren. An einem Krefelder Klinikum können Demenzpatienten erstmals

virtuell in ihre eigene Vergangenheit reisen. Software-Entwickler

haben hierfür eigens eine 360-Grad-Version einer historischen

Straßenszene rekonstruiert. Die Patienten können sich darin mithilfe

einer Virtual-Reality-Brille umsehen und sich sogar in der vertrauten

Umgebung bewegen.

 

Die Idee zu dem Projekt kam den Entwicklern, als der Vater einer der

Firmengründerinnen an Demenz erkrankte: «Dadurch hatten wir eine

persönliche Motivation», erzählt Lukas Kuhlendahl, von der

Software-Agentur Weltenweber. «Durch die Beschäftigung mit aktuellen

Therapiemethoden wie der Erinnerungstherapie und der Tatsache, dass

der Vater sich immer noch bestens in Krefeld auskennt, sind wir auf

die Idee gekommen.»

 

Tatsächlich sei diese Methode im Rahmen sogenannter Biografie-Arbeit

durchaus sinnvoll, bestätigt auch Susanna Saxl von der Deutschen

Alzheimer Gesellschaft. «Dabei wird versucht, positive Erinnerungen

und Lebensfreude zu wecken. Das kann den Krankheitsverlauf

verlangsamen», so Saxl. Der Einsatz dieser Technik sei allerdings

eher im frühen Stadium der Krankheit sinnvoll.

 

Zwar gebe es auch die Gefahr, dass die Patienten durch den schnellen

Wechsel zwischen Realität und Fiktion verwirrt würden. Man habe

jedoch mit Computerspielen - beispielsweise mit virtuellem Kegeln an

der Spielkonsole - bereits gute Erfahrungen gemacht, so Saxl.

 

«Ich finde es besonders toll, dass auch Menschen, die wahrscheinlich

noch nie ein Videospiel gespielt haben, von einer für uns Gamer schon

fast alltäglichen Technologie wie Virtual Reality profitieren

können», sagt Svenja Bhatty, Vorstandsvorsitzende des Vereins Gaming

Aid e.V. Die gemeinnützige Vereinigung von Spielern und

Produktherstellern hat das Projekt mit dem Titel «Krefeld im

Wirtschaftswunder» gemeinsam mit den Ärzten des Krankenhauses und

einem Entwickler-Team ins Leben gerufen. 

 

Die Technik wird von den Patienten bislang gut angenommen, freut sich

Chefarzt Friedhelm Caspers vom Krefelder Klinikum. «Das ist ganz toll

für die alten Menschen», sagt er. «Man schafft tatsächlich eine

Brücke in die Gegenwart. Und man kommt anschließend darüber ins

Gespräch.»

 

Die Kommunikation ist auch ein wichtiger Teil der Therapie. Denn mit

dem bloßen Anschauen der virtuellen Umgebung sei es nicht getan,

erklärt Saxl. «Erinnerung nur für sich alleine hilft wenig.» Das

Wichtigste sei der anschließende Austausch mit anderen Menschen.

 

Nach Angaben der Alzheimer-Gesellschaft ist die Zahl der

Demenz-Kranken in Deutschland in den vergangen Jahren kontinuierlich

gestiegen. So seien 2004 geschätzt etwa eine Millionen Menschen von

der Krankheit betroffen gewesen, aktuell seien es etwa 1,6

Millionen. Für das Jahr 2050 prognostizieren die Experten gar eine

Verdopplung auf rund drei Millionen Patienten.

 

Trotz dieser drastischen Entwicklung ist eine Heilung der

Demenzerkrankung noch nicht in Sicht. «Bei den Medikamenten sind wir

im Grunde seit zehn Jahren nicht weiter gekommen», beklagt Saxl. Eine

Zeit lang schaffen es die alten Erinnerung zwar, das Vergessen zu

verdrängen und alte Erinnerungen wieder zu wecken. Aufhalten können

sie die Demenz allerdings noch nicht.