Agenturmeldungen

Ende der Pflegenoten - Wie der Pflege-TÜV reformiert werden soll

30.07.2018

Pflegeheime bekommen seit Jahren reihenweise Traumnoten - der
Pflege-TÜV lässt Menschen auf Heimsuche oft ratlos zurück. Jetzt wird
sichtbar, wie der Pflege-TÜV reformiert werden sollen.

Berlin (dpa) - Pflegebedürftige und ihre Angehörigen sollen bei der
Suche nach einem Heim künftig auf aussagekräftige Bewertungen
vertrauen können. «Es dürften erhebliche Unterschiede zwischen den
Einrichtungen sichtbar werden», sagte der Bielefelder
Pflegewissenschaftler Klaus Wingenfeld der Deutschen Presse-Agentur
in Berlin. Wingenfeld leitet ein Projekt, das die Grundzüge eines
neuen Pflege-TÜV liefern soll.

Beim Pflege-TÜV werden Heime und Pflegedienste vom Medizinischen
Dienst der Kassen geprüft und benotet. Der Hauptkritikpunkt an den
online abrufbaren Benotungen ist mangelnde Aussagekraft. So erzielten
im Juli die Pflegeheime eine bundesweite Durchschnittsnote von 1,2.
Von Land zu Land variieren die Noten zwischen 1,1 und 1,4. Mit
solchen durchgängigen Traumnoten dürfte künftig Schluss sein, sagte
Wingenfeld.

Die Reform des Pflege-TÜV ist seit langem überfällig. Bereits mit
einer 2015 in Kraft getretenen Pflegereform beauftragte der
Gesetzgeber die Pflegeeinrichtungen, Pflegekassen und Kommunen bis
März 2017 ein neues Prüfverfahren zu entwickeln. Die Vertreter der
Heime und der Kostenträger kommen dazu in einem Gremium namens
Qualitätsausschuss zusammen. Doch es gab immer wieder Verzögerungen.

Bis Ende Juli wollen die Wissenschaftler um Wingenfeld dem
Qualitätsausschuss nun ihren Abschlussbericht vorlegen. Die
bisherigen Heim-Prüfungen krankten vor allem daran, dass die Prüfer
schwerpunktmäßig die Dokumentation der Heime prüften, also das
Festhalten der Pflege-Arbeit in ihren Unterlagen.

Neuerdings soll geschaut werden, wie gut die Pflege wirklich ist: Wie
häufig sind Sturzverletzungen? Liegen sich Heimbewohner wund? Wie hat
sich ihre Mobilität binnen der letzten sechs Monate entwickelt? Dazu
müssen die Heime die entsprechenden Vorkommnisse erst einmal erfassen
- als Grundlage der künftigen Bewertung. Die Prüfer sollen dann
stichprobenartig prüfen, ob die Daten vertrauenswürdig sind. Aber
auch weitere Vor-Ort-Prüfungen sollen in die Heimbewertung
einfließen. Zur Information sollen Menschen auf Heimsuche noch
nachlesen können, ob ein Heim beispielsweise Haustiere zulässt oder
spezielle Angebote für Menschen mit ausländischen Wurzeln hat.

Geht es nach Wingenfeld, dessen Institut hier mit dem Göttinger
Aqua-Institut zusammenarbeitet, soll der neue Pflege-TÜV mit dem
alten wenig gemeinsam haben. «Qualitätsunterschiede und -defizite
werden sichtbar», sagt er. Statt der Noten könnten die Menschen
beispielsweise an Symbolen oder Punkten sehen, wie gut die Heime
sind. Wingenfeld führt frühere Projekte mit einem System aus fünf
Bewertungen als mögliche Vorbilder an: weit über Durchschnitt; etwas
über Durchschnitt; nah am Durchschnitt; etwas unter Durchschnitt,
weit unter Durchschnitt.

Allerdings: So weit ist es noch nicht. Die Deutsche Stiftung
Patientenschutz lobt die wissenschaftlichen Vorschläge zwar als
wichtig und richtig. «Doch mit der Umsetzung sind die Krankenkassen
und die Betreiber beauftragt», sagt Vorstand Eugen Brysch. «Im
Qualitätsausschuss ist also mit dem Widerstand der Lobbyisten der
Pflegedienste und Heime zu rechnen.»

Ein Sprecher des Kassen-Spitzenverbands erläuterte, im August wolle
der Qualitätsausschuss den Bericht der Wissenschaftler abnehmen. Erst
dann soll auch veröffentlicht werden, wie der Pflege-TÜV künftig
aussehen könnte. Dann sollten bei dem Ausschuss und beim
Kassenverband neue Prüfverfahren und die künftige Darstellung der
Prüfergebnisse vereinbart werden.

Die Bundesregierung rechnet damit, dass der neue TÜV für Pflegeheime
in gut einem Jahr endgültig starten wird. «Wir gehen davon aus, dass
im Herbst 2019 mit dem Regelbetrieb begonnen wird», sagt eine
Sprecherin des Gesundheitsressorts. Ein neues Verfahren für die
ambulanten Dienste werde bald darauf folgen.

«Wir brauchen endlich funktionierende Qualitätskontrollen und
qualitätsgesicherte Informationen zur Lebensqualität in den Heimen»,
fordert die Präsidentin des Sozialverband VdK Deutschland, Verena
Bentele. Bentele und Brysch sehen bei einer weiteren Verzögerung des
Pflege-TÜV Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gefordert.

Der Gesundheitsexperte der Bertelsmann Stiftung, Stefan Etgeton,
bedauert die bisherigen Verzögerungen der Pflege-TÜV-Reform. Für die
Betroffenen sei die Entscheidung für ein Pflegeheim oft eine
Entscheidung für den Rest des Lebens. «Dafür ist Transparenz nötig»,
sagt Etgeton.