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(Fragen & Antworten) Unnötig auf der Intensivstation - Behandlungsfehler und die Folgen

04.04.2018

Fehlende Geräte im OP, unentdeckte Bauchverletzungen: Bei weitem
nicht alle Probleme in Klinik und Praxis enden für die Patienten
harmlos. Experten pochen auf einen Ausbau der Sicherheitskultur.

Berlin (dpa) - Tausende Patienten werden jedes Jahr Opfer von
Behandlungsfehlern. Allein die zuständigen Stellen der Ärzte stellten
2017 in 2213 Fällen Fehler fest, wie die Bundesärztekammer am
Dienstag in Berlin mitteilte. Untersucht hatten sie
Verdachtsmeldungen Betroffener. Allerdings sind sie nicht die
einzigen Stellen, an die sich Betroffene wenden können. Wie viele
Fälle sind es insgesamt, wo liegen die Risiken - und was kann getan
werden?

Wie viele Behandlungsfehler gibt es?

Das weiß niemand so genau. Schätzungen gehen von 40 000
Patientenbeschwerden pro Jahr bei Krankenkassen, Ärzteschaft,
Versicherungen und Gerichten aus. Anderen Schätzungen zufolge enden
0,1 Prozent aller Krankenhaus-Behandlungen vermeidbar tödlich, wie
das Aktionsbündnis Patientensicherheit erklärt. Das entspricht 20 000
Todesfällen. Das Wissenschaftliche Institut der AOK hat alle Fehler
im Krankenhaus - unabhängig von einem tödlichen Verlauf - auf knapp
200 000 pro Jahr taxiert.

Was kann beispielsweise passieren?

Oft ist mangelnde Absprache in Kliniken für Probleme verantwortlich.
Das zeigen Fälle, die medizinisches Personal anonym im Internet
meldet, um aus Fehlern zu lernen. So sollte bei einem Patienten eine
Hüfte ersetzt werden. «Der Patient liegt bereits in Narkose, als der
Pflegekraft im OP auffällt, dass ein unentbehrliches Instrument für
die OP fehlt», so die Fehlermeldung. Der Patient wird aus der Narkose
geweckt - das Instrument war zur Reparatur gegeben worden. Eine
entsprechende Markierung war aber nicht aufgefallen.

Welche Beispiele für Behandlungsfehler gibt es noch?

Fälle aus allen Bereichen veröffentlicht die norddeutsche
Schlichtungsstelle der Ärzteschaft. So ging ein 22-jähriger Kranker
nach einem Madagaskar-Urlaub mit Malaria-Verdacht zum Hausarzt.
Dieser leitete laut Schlichtungsstelle aber nicht gleich die für
einen Akutfall geeigneten Diagnose- und Therapieschritte ein. Der
junge Mann wurde nach drei Tagen auf eigene Faust in einer
Tropenklinik vorstellig - und erst dort richtig behandelt.

Was sind typische Probleme?

Vor allem falsch diagnostizierte oder gar nicht entdeckte Leiden. In
Praxen sind Probleme bei der Diagnostik die häufigste festgestellte
Fehlerursache, in Kliniken die zweithäufigste. So kam nach einem
Streit ein 39-Jähriger mit einer Stichverletzung ins Krankenhaus.
Trotz akuter Behandlung sowie Untersuchung des Bauchs mit
Bauchspiegelung und Ultraschall wurden Dick- und
Dünndarm-Verletzungen zunächst nicht erkannt. Folge: Der Mann musste
18 Folge-Operationen über sich ergehen lassen und zwei Monate in der
Klinik bleiben, davon zwei Drittel auf der Intensivstation mit einem
Luftröhrenschnitt zur Dauerbeatmung.

Weswegen beschweren sich Patienten am häufigsten?

Besonders in Zusammenhang mit Knie- und Hüftgelenksarthrosen sowie
Unterschenkel- und Sprunggelenkbrüchen. «Patienten merken
Beeinträchtigungen der Extremitäten sehr viel schneller als zum
Beispiel eine fehlerhafte Medikamentengabe», erläutert die
Geschäftsführerin der norddeutschen Schlichtungsstelle, Kerstin Kols.

Stehen Patienten mit Sorgen wegen möglicher Fehler alleine da?

Lange beklagten Patientenvertreter, Betroffene träfen bei Ärzten oft
auf eine Mauer des Schweigens. Das hat sich laut Aktionsbündnis
Patientensicherheit gebessert. «Das Thema ist keine
Geheimwissenschaft mehr», sagt Geschäftsführer Hardy Müller.
Patienten fragten oft schon vorher, wie es in einer Klinik um die
Handhygiene bestellt oder wie hoch die Fehlerwahrscheinlichkeit sei.
Und Ärzte erläuterten Patienten etwa, warum ihnen beim Transport
durchs Krankenhaus Armbänder umgelegt werden - nämlich damit sie vom
Transportdienst nicht verwechselt werden können. Offenheit,
Transparenz, Checklisten bei Operationen, Fehlermelde-Systeme - so
soll laut Experten die Sicherheitskultur weiter ausgebaut werden.

Was kann man bei konkretem Fehlerverdacht tun?

Die Ärzteschaft wirbt für ihre Schlichtungsstellen und Gutachter. Die
stünden in ihren Beurteilungen nicht auf der Seite verdächtigter
Ärzte, kosteten Patienten nichts und handelten mit Verfahren unter
eineinhalb Jahren relativ schnell. Maßstab der Prüfungen ist dabei,
ob eine Behandlung dem aktuellen «anerkannten Standard» entsprach.
Darin fließen etwa Forschungsveröffentlichungen, Richtlinien und
Herstellerangaben ein. Vor Gericht ziehen können Patienten danach
dann immer noch. Daneben schreiben auch die Medizinischen Dienste der
Krankenkassen rund 15 000 Gutachten zu Verdachtsfällen pro Jahr.

Wie könnte geschädigten Patienten noch schneller geholfen werden?

Durch einen Patienten-Entschädigungsfonds. Vorschläge dazu will die
Regierungskoalition prüfen. Patientenvertreter Müller fordert, die
Möglichkeiten dazu gründlich zu diskutieren und eine Probephase zu
starten. Dass bei einer Fondsentschädigung unabhängig vom Verursacher
die Schuldfrage in den Hintergrund rücke, könne die Sicherheitskultur
stärken - weil sich niemand in die Ecke gedrängt fühle.