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Hebamme mit Bachelor - Zwischen Kreißsaal und Uni

26.10.2018

Hebammen trösten, motivieren und entscheiden bei Notfällen im
Kreißsaal in wenigen Sekunden, was zu tun ist. Und das dank einer
klassischen Berufsausbildung. Nun dürfen Geburtshelfer auch an die
Uni. Ziel: fit fürs Ausland, obwohl hierzulande Hebammen fehlen.

Tübingen (dpa) - Für den Anfang ersetzt Stoff den Säugling. 30 junge
Frauen sitzen in einem Seminarraum. Die eine Hälfte stülpt sich
Schals und Jacken unter die Kleidung, die andere befühlt die
entstandenen Kugeln. Kichern. «Später stellt Ihr so fest, wie sehr
sich die Gebärmutter anspannt», erklärt Dozentin Bettina Duesmann.
Später heißt: Wenn die jungen Frauen statt den
Pseudo-Schwangerschaftsbäuchen echte abtasten. Seit dem
Wintersemester 2018/2019 sind sie Studentinnen der
Hebammenwissenschaft - die ersten an der Universität Tübingen. Und
ihre Arbeit ist gefragt, denn bundesweit fehlen Geburtshelfer.

Bisher lernten Hebammen ihr Fach vorrangig in einer dreijährigen
Ausbildung. Künftig soll das nur noch über einen dualen
Hebammenstudiengang möglich sein, wie sie einige Hochschulen bereits
anbieten, verkündet Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) Mitte
Oktober. Damit will er eine EU-Vorgabe umsetzen, die eine
Akademisierung der Hebammenausbildung bis 2020 vorschreibt.
Deutschland ist das letzte EU-Mitgliedsland, in dem dies noch nicht
so ist.

Ein Vollhochschulstudium wie das in Tübingen gibt es nach Angaben des
Deutschen Hebammenverbands (DHV) bundesweit noch nicht. Es unterteilt
sich in Vorlesungseinheiten und solche beispielsweise im
Simulationskreißsaal - Theorie und Praxis sollen so besser verknüpft
werden, sagt Duesmann. Nach sieben Semestern winkt der Bachelor.

Josina Gebhard, 20, setzt einige Hoffnungen in das Studium: «Man kann
mit abgeschlossenem Studium mehr auf Augenhöhe mit einem Arzt reden.
Außerdem können wir später auch in die Forschung gehen.»

Ihre Ziele dürften Diethelm Wallwiener, Direktor der Tübinger
Universitäts-Frauenklinik und kommissarischer Leiter des neuen
Studiengangs, gefallen. Seinen Angaben nach will sich die
Medizinische Fakultät damit breiter aufstellen und eine
internationale Spitzenstellung in der Forschung festigen. «Wir gehen
davon aus, dass die Hebammen-Studentinnen nach dreieinhalb Jahren bei
uns noch ihren Master machen, eine Doktorarbeit schreiben, sich
habilitieren, Spitzenwissenschaftlerinnen werden.»

Von den 122 Bewerberinnen - ein Mann war nicht darunter - bekamen nur
die besten Abiturientinnen einen der 30 Studienplätze. Der Numerus
clausus lag bei 1,5.

Wallwiener hätte deshalb nichts dagegen, würden die 75 Plätze der
Tübinger Hebammenschule, an der parallel zum neuen Studiengang der
Beruf erlernt wird, künftig ins akademische System überführt. Ob das
bis 2020 tatsächlich gelingt, ist ungewiss. Er glaube nicht, «dass
Jens Spahn sich Gedanken gemacht hat, was eine Vollakademisierung bis
in zwei Jahren kostet», sagt der Mediziner.

Denn während an Hebammenschulen Lehrhebammen die Ausbildung
übernähmen, dürften vor Studenten nur Akademiker dozieren.
Entsprechend mehr Professoren müssten berufen werden. Bezahlen müsste
das Land. Wie der Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums,
Sebastian Gülde, erklärt, wird die Finanzierung der akademischen
Hebammenausbildung derzeit in Abstimmung mit den Ländern geprüft.

Unter anderem weil Frauen erst in höherem Alter oder zunehmend mit
Begleiterkrankungen Kinder bekommen, wird Wallwiener zufolge die
Geburtshilfe komplexer. Akademisierte Hebammen könnten ihren Beruf
zudem in allen EU-Mitgliedsstaaten ausüben.

Der DHV beklagt seit Jahren einen Mangel an Hebammen in Deutschland.
Zahlreiche der rund 2000 Krankenhäuser arbeiten unrentabel und
schließen Abteilungen - auch Geburtsstationen. Der Weg für Schwangere
in den Kreißsaal wird länger. Gab es 1991 bundesweit noch 1186
Krankenhäuser mit Geburtshilfe, waren es 2014 nur noch 725. Und auf
der «Landkarte der Unterversorgung» meldeten sich bislang etwa 22 500
Schwangere, die keine Hebamme zur Betreuung fanden.

«Unsere Hebammen sagen teilweise pro Tag 30 Leuten ab, das ist sehr
frustrierend», sagt DHV-Sprecher Robert Manu. Arbeitsbelastung und
-verdichtung seien zudem vielerorts an der Tagesordnung. Das schreckt
Erstsemesterin Leonie Sinclair nicht. Ihre Mutter arbeitet ebenfalls
als Hebamme. «Das ist ein Zwiespalt: Der Beruf ist schön, aber es
gibt große Probleme», erzählt die 23-Jährige und verweist auf die
hohen Haftpflichtversicherungssummen, die Beleghebammen aufbringen
müssten. Dabei käme ihr eine freiberufliche Arbeit wegen der
flexibleren Zeiteinteilung entgegen, da sie selbst bereits ein Kind
hat.

Allerdings herrscht auch unter den an Krankenhäusern angestellten
Hebammen eine «eklatante Unzufriedenheit» - zu diesem Fazit kommt
jedenfalls eine Studie des DHV aus dem Jahr 2015. Die Teilnehmerinnen
gaben demnach an, dass sie viele Überstunden und Arbeiten, die
eigentlich nicht zu ihrem Berufsbild zählten, erledigen und zu viele
Gebärende gleichzeitig betreuen müssten.

Auch Dozentin Duesmann beschönigt nicht: «Die Arbeitsdichte nimmt
sehr zu.» Dann reicht sie einer der angehenden
Hebammenwissenschaftlerinnen einen Säugling. Ihre Kommilitonin, die
mit Stethoskop seinen Herzschlag prüfen soll, seufzt: «Man hört
nichts.» Die Gruppe lacht. Es ist ja auch nur eine Übungspuppe.