Agenturmeldungen

HIV: Kein Rückgang bei Neuinfektionen, Tausende unwissentlich positiv

23.11.2017

Berlin (dpa) - 2500 Männer und 570 Frauen in Deutschland haben sich

nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) im vergangenen Jahr

mit HIV angesteckt. Die Zahl der Neuinfektionen bleibe damit im

Vergleich zu 2015 konstant, teilte das Institut am Donnerstag

in Berlin mit und berief sich auf neue Modellrechnungen. Diese Zahlen

sind nicht zu verwechseln mit den tatsächlich erfassten

HIV-Diagnosen, da diese oft erst Jahre nach der Infektion erfolgen.

Nach den Schätzungen sind auch Tausende Menschen unwissentlich

HIV-positiv.

Je nach Gruppe beschreiben die RKI-Experten unterschiedliche

Entwicklungen: Die Neuinfektionen bei der größten Betroffenen-Gruppe

- Männern, die Sex mit Männern haben - gingen auf 2100 zurück. Als

Ursache wird ein verbessertes Testangebot gesehen. Anstiege gab es

hingegen bei Heterosexuellen (750) und bei Drogenkonsumenten (240).

«Geschätzte 12 700 der 88 400 Menschen mit HIV wissen nicht, dass sie

infiziert sind», erklärte RKI-Präsident Lothar Wieler. Es sei ein

wichtiges Ziel, diese hohe Zahl zu senken. Vor allem Heterosexuelle

seien betroffen, weil bei ihnen oft nicht an HIV gedacht wird. Test

und Diagnose kommen bei dieser Gruppe verhältnismäßig spät. Solange

besteht auch die Gefahr, dass das Virus unwissentlich weiter

übertragen wird.

In vielen Fällen wird HIV den Angaben nach erst diagnostiziert, wenn

bereits ein fortgeschrittener Immundefekt vorliegt. Ist Aids erstmal

entstanden, bedeutet das erhöhte Behandlungskosten und auch ein

höheres Sterberisiko. Nach den Daten des RKI starben vergangenes Jahr

460 Menschen mit oder an HIV.

«Deutschland gehört zu den Ländern mit den niedrigsten

HIV-Neuinfektionsraten in Europa», erklärte Bundesgesundheitsminister

Hermann Gröhe (CDU). Die Daten zeigten, dass man mit Prävention und

Behandlungsangeboten «auf dem richtigen Weg» sei.

Anders wertet das die Deutsche Aids-Hilfe: «Die HIV-Infektionszahlen

könnten sinken, wenn Deutschland alle verfügbaren Schutzmethoden zum

Einsatz bringen würde», erklärte Vorstand Sven Warminsky. Um die

Zahlen zu senken, gebe es durchaus Spielraum: Wer HIV mit

Medikamenten vorbeugen will, kann bislang nicht mit einer

Kostenübernahme durch die Krankenkassen rechnen. Auch müssten

drogenabhängige Häftlinge Zugang zu sauberen Spritzen erhalten,

forderte die Aids-Hilfe. Und für Menschen ohne Papiere müsse es

«endlich einen anonymen Zugang zur HIV-Therapie» geben. Noch scheuten

diese Menschen den Gang zum Arzt - wegen drohender Abschiebung.