Agenturmeldungen

Impflücken begünstigen aktuelle Masern-Ausbrüche

20.02.2017

2017 könnte ein Jahr mit relativ vielen Masernfällen werden, heißt es
vom Robert Koch-Institut. Das Virus ist keine bloße Kinderkrankheit -
auch wenn es zuletzt besonders in Schulen kursierte.

Frankfurt/Main (dpa) - Ein genauer Blick in den Impfpass gibt
Gewissheit: Die zweite Masernimpfung verspricht Schutz vor der
hochansteckenden Krankheit. Ob der Impfschutz reicht, haben
Gesundheitsämter nun an hessischen Schulen überprüft, an denen das
Virus kursierte. Wer nicht als immun galt, musste vorerst zu Hause
bleiben.

2017 könnte ein Jahr mit relativ vielen Masernerkrankungen werden,
sagt Dorothea Matysiak-Klose vom Robert Koch-Institut. Die Zahlen
schwanken von Jahr zu Jahr stark: 2016 waren es 442 Fälle, im Jahr
zuvor 2464 und 2014 lediglich 324. Zu viele sind es immer: Angestrebt
wird die Eliminierung der Masern.

Zwei Frankfurter Schulen und eine Berufsschule in Hofheim schlossen
Hunderte Schüler und Lehrer vom Unterricht aus, weil ihr Impfschutz
nicht ausreichte oder ihr Immunstatus unklar war. Seit Mitte Januar
hatten sich mehrere Menschen in Frankfurt und umliegenden Regionen
mit Masern angesteckt. Am Wetzlarer Klinikum wurden Mitte der Woche
zwei Masernfälle bekannt. Dem Sozialministerium liegen bisher 27
Fälle aus Hessen vor, wie ein Sprecher sagte.

Matysiak-Klose verweist auf mehrere Masernherde bundesweit seit
Jahresbeginn. Mehr als 40 Masernfälle seien bereits gemeldet worden.
Die Expertin für Impfprävention warnt «vor einem erhöhten Risiko,
sich dieses Jahr mit Masern anzustecken». Insgesamt seien die
Impfquoten in den vergangenen Jahren zwar gestiegen, sagt sie.
Besonders in Ballungsräumen hätten es die Viren aber immer noch recht
leicht, weil auf eine hohe Bevölkerungsdichte eine potenziell höhere
Zahl an Menschen komme, die keinen Schutz gegen Masern haben.

Ein unzureichender Impfschutz entsteht demnach unter anderem, wenn
Kinder oder Erwachsene die zweite Masern-Impfung verpassen. Eine
erste Impfung gegen Masern empfiehlt die Ständige Impfkommission
(Stiko) bei Kindern ab dem 11. Monat. Zur Absicherung rate die Stiko
zu einer zweiten Impfung, erläutert Matysiak-Klose. Auf die erste
Impfung reagiere das Immunsystem nicht immer ausreichend.

«Die Gründe für eine fehlende Masernimpfung sind vielfältig», sagt
Barbara Mühlfeld, Sprecherin des Berufsverbandes der Kinder- und
Jugendärzte in Hessen. Impfkritiker hielten Masern für eine harmlose
Kinderkrankheit und bezweifelten die Wirksamkeit einer Impfung. Die
Kinderärztin beobachtet, dass viele Eltern unsicher sind: Sie
informierten sich im Internet und ließen sich von Argumenten der
Impfgegner irritieren. «Sie wollen nur das Beste für ihre Kinder»,
sagt Mühlfeld. «Sie wissen oft nicht, wem sie glauben sollen.»

Die Ärztin hält es deshalb für notwendig, beispielsweise auch an
Schulen stärker über Impfungen aufzuklären. «Die Entscheidung zum
Impfen bleibt ja eine individuelle.» Der Berufsverband spricht sich
für eine Masern-Impfpflicht vor dem Eintritt in öffentliche
Einrichtungen aus. Besonders an Schulen und Kitas sei eine
Impfpflicht zum Schutze aller sinnvoll, sagt Mühlfeld.

2015 war während einer Masern-Epidemie in Berlin über eine
Impfpflicht diskutiert worden. Daraufhin wurde eine verpflichtende
Impfberatung vor dem Eintritt in Kitas eingeführt. Den
Aufklärungsbedarf hätten die Länder erkannt, sagt Matysiak-Klose und
verweist auf Kampagnen wie «Deutschland sucht den Impfpass». Doch
Masern gälten immer noch als Kinderkrankheit und würden gerade von
jungen Erwachsenen oft unterschätzt. Nach Berichten über Maserntote
gingen die Impfzahlen hoch.

Der Tod der kleinen Aliana aus Bad Hersfeld etwa schockierte im
vergangenen Jahr etliche Menschen. Die Sechsjährige war an einer
chronischen Masern-Gehirnentzündung SSPE (Subakute sklerosierende
Panenzephalitis) als Spätfolge des Virus gestorben. Alianas Mutter
war durchs Raster gefallen, als vor Jahrzehnten zum Teil nur
unzureichend oder gar nicht geimpft wurde.

Bei vielen entstanden so Impflücken, die auch Kindern zum Verhängnis
werden können. In den ersten Lebensmonaten können Mütter ihre Babys
über den sogenannten Nestschutz vor Masern und anderen ansteckenden
Krankheiten bewahren - allerdings nur, wenn sie selbst Antikörper
haben, weil sie geimpft wurden oder eine Masernerkrankung hatten.