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Kasse: Arzneimittelmarkt-Reform bringt zu wenig Einsparungen

09.09.2015

Die vor vier Jahren eingeführte Preisbremse für Arzneimittel funktioniert laut Techniker Krankenkasse nicht richtig. 2014 sei zu wenig eingespart worden. Die Halbjahreszahlen des Gesundheitsministeriums lassen für 2015 auf Besseres hoffen.

Berlin (dpa) - Die Techniker Krankenkasse (TK) dringt auf deutliche höhere Einsparungen bei Arzneimittelverordnungen. Die Arzneimittelmarkt-Reform (AMNOG) habe auch im vierten Jahr ihr Ziel deutlich verfehlt. Geplant seien Einsparungen bei Verordnungen von zwei Milliarden Euro jährlich. 2014 seien gerade einmal 320 Millionen erreicht worden, erklärte der TK-Vorstandsvorsitzende Jens Baas am Mittwoch in Berlin.

Die Arzneimittelmarkt-Reform müsse konsequent weiterentwickelt werden, forderte Baas bei der Vorstellung des Arzneimittel-Innovationsreports 2015. Mit der Reform wurde 2011 eine frühe Nutzenbewertung neuer Arzneimittel eingeführt. Nach dem Report bleibt diese Bewertung hinter den Erwartungen zurück. Von den 20 Präparaten, die 2012 auf den Markt kamen, seien nur 12 vollständig bewertet worden, heißt es darin.

Nach dem Halbjahresbericht des Gesundheitsministeriums sind die Arzneimittelausgaben der Krankenkassen in den ersten sechs Monaten 2015 je Versichertem um 4,8 Prozent gestiegen. 2014 verzeichneten die Kassen noch einen Zuwachs von 9,4 Prozent. Auffällig seien hohe Ausgaben für neu zugelassene Hepatitis-C-Präparate, die in dem Zeitraum rund 0,6 Milliarden Euro ausmachten und somit einen erheblichen Teil des Anstiegs erklären könnten. Andererseits seien die Kassen weiter durch Rabattvereinbarungen mit Pharmaunternehmern entlastet worden.

Baas mahnte nun, wenn die Arzneimittelmarkt-Reform als Kostendämpfung endlich in den Arztpraxen ankommen solle, müssten ausnahmslos alle neuen Arzneimittel auf ihren Zusatznutzen für Patienten bewertet werden. Offenbar gelinge es den Pharmaunternehmen immer wieder, die Kosten-Nutzen-Bewertung zu umgehen, hieß es.

Der TK-Chef kritisierte, dass sich die Arzneimittelforschung auf die seiner Ansicht nach falschen Bereiche konzentriere. Statt neuer Antibiotika stünden hauptsächlich Krankheiten im Mittelpunkt, bei denen die Pharmaindustrie größte Renditen erwarte.

Von den 20 neuen Präparaten 2012 seien 5 zur Behandlung seltener Krankheiten zugelassen und 9 gegen Krebs. Diesem zunächst positiven Trend stünden extrem hohe Preise gegenüber. Die zunehmende Patientenzahl in einer alternden Gesellschaft, die längere Behandlungsdauer und die Vielzahl teurer Präparate ließen die Kosten in der Krebsbehandlung an die Grenze der Belastbarkeit steigen, warnte der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig.

Die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes forschender Pharmaunternehmen, Birgit Fischer, widersprach Baas. «Keiner weiß, woher die Zahl von zwei Milliarden Euro kommt. Sie ist wohl ein Mythos. Fakt ist aber, dass Innovationen immer seltener beim Patient ankommen.»

Die Gesundheitspolitikerin der Linken-Fraktion, Kathrin Vogler, forderte die Politik auf, schleunigst auf die Kostenexplosion bei neuen Arzneimitteln zu reagieren. Bei vielen Krebsmitteln und Wirkstoffen gegen Hepatitis C oder Multiple Sklerose stünden die von den Herstellern festgelegten «Mondpreise» in keinem Verhältnis zum klinischen Nutzen.