Agenturmeldungen

Kassenärzte: «Mehr Sprechstunden heißt auch mehr Geld»

09.04.2018

Millionen Bürger sollen künftig schneller an Termine beim Arzt
kommen. Für die neue Bundesregierung ist das ein wichtiges Ziel. Nun
formulieren auch die Mediziner Erwartungen - und einige Skepsis.

Berlin (dpa) - Die Kassenärzte fordern bei der geplanten Ausdehnung
der Sprechzeiten für gesetzlich versicherte Patienten zusätzliche
Vergütungen. «Ein Viertel mehr Sprechstunden heißt auch ein Viertel
mehr Geld», sagte der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung
(KBV), Andreas Gassen, der Deutschen Presse-Agentur. «Da gehört ein
Preisschild dran. Das ist die Minimalvoraussetzung.» Die schwarz-rote
Koalition will die Sprechzeiten für Kassenpatienten von bisher 20 auf
25 Stunde pro Woche ausweiten, damit sie schneller an Termine kommen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bekräftigte, es gehe um
ein «Bündel von Maßnahmen», um Wartezeiten für gesetzlich Versicherte
zu verkürzen: «Einerseits es für Ärzte attraktiver machen, Patienten
schneller dranzunehmen; andererseits aber auch das Angebot für
die Patienten ausweiten», sagte er dem Sender NDR Info. Ihm schwebten
auch verpflichtende offene Sprechstunden vor. Für mehrere Stunden
mindestens ein bis zwei Mal die Woche könnten sich Patienten dann ins
Wartezimmer setzen. «Da muss man an dem Morgen vielleicht mal etwas
länger warten, ist dann aber an dem Tag sicher dran und muss nicht
erst noch drei oder vier Wochen warten», sagte Spahn.

KBV-Chef Gassen äußerte sich skeptisch zu Überlegungen für Tage ohne
feste Termine. «Beim Hausarzt ist das fast die Regel. Da geht man ja
hin, wenn man akut krank geworden ist.» Bei vielen Fachärzten, die
etwa Belastungs-EKGs oder Kernspin machten, könne man Patienten aber
nicht einfach hereinlaufen lassen. «Das wäre Chaos pur. Da macht man
um 8.00 Uhr morgens die Pforten auf, und der letzte Patient geht
nachmittags nach sieben Stunden Rumsitzen raus.»

Mit Blick auf die geplanten Vorgaben für längere Sprechzeiten sagte
Gassen: «Es wäre sicherlich bei entsprechender Vergütung noch etwas
Ressource für die Behandlung gesetzlich Versicherter zu heben.» Es
dürfte aber schwer werden, so etwas flächendeckend umzusetzen. Nicht
in jeder Praxis gebe es den gleichen Anteil gesetzlich und privat
Versicherter. «In einem System, in dem Haus- und Fachärzte schon
jetzt nicht alle Leistungen bezahlt bekommen, kann man auch nicht
erwarten, dass alle freudig sagen: Nun machen wir noch mehr umsonst.»

Der KBV-Chef betonte: «Ärzte arbeiten ja nicht nur in den
Öffnungszeiten, die auf dem Praxisschild stehen, für die Patienten.»
Daneben seien etwa Befunde auszuwerten oder Hausbesuche zu machen.
Für mehr Sprechzeiten gebe es daher zwei Möglichkeiten: «Entweder
fordert man noch mal fünf Stunden mehr Arbeitsleistung von den Ärzten
ab. Das ist bei einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 52
Stunden natürlich schon eine Ansage. Oder man muss überlegen, was
Ärzte weniger machen sollen.» Hausbesuche, Bereitschaftsdienste oder
Fortbildungen kämen wohl kaum infrage.

Gassen wandte sich gegen eine Dramatisierung. «Das gefühlte Problem
langer Wartezeiten auf Termine wird wie eine Monstranz durch die
Gegend getragen.» Wartezeiten hätten sich aber «auf sehr niedrigem
Niveau» stabilisiert. «Der vermeintliche Vorteil von wenigen Tagen,
den Private bei manchen Terminen hatten, verringert sich jetzt auch
noch.» Der KBV-Chef kritisierte zudem «eine absurde Diskussion» über
eine falsche Verteilung der Ärzte. «Da heißt es: In großen Städten
gebe es zu wenig Termine, aber umgekehrt seien große Städte auch
total überversorgt. Wenn man Praxen aus Städten herausverlagert,
würde das Terminprobleme aber ja noch mal verschärfen.»

Um die Versorgung auf dem Land perspektivisch zu sichern, müsse man
auch über flexible Lösungen nachdenken, sagte Gassen. «Zum Beispiel,
dass ein HNO-Arzt einmal in der Woche für eine Sprechstunde
rausfährt, und die Praxisräume stellt die Gemeinde zur Verfügung.» Im
ländlichen Raum werde es aber immer längere Anfahrtswege geben, wie
es etwa auch bei Fahrten zum Tanken oder zum Supermarkt normal sei.
«Forderungen wie «In jedem Dorf ein Arzt» sind Quatsch. Das gibt es
vielleicht im Fernsehen beim Landarzt.»

Für eine Praxis brauche es einen gewissen Patientenstamm, damit es
sich rechne - bei einem Hausarzt ein Einzugsgebiet von einigen
tausend Menschen. «Das habe ich in einer Großstadt ganz schnell, auf
dem Land muss aber eine größere Fläche zusammengefasst werden.»