Agenturmeldungen

Kinderärzte: mehr Kinder mit chronischen Leiden in Deutschland

23.06.2017

Fast Food an jeder Ecke hat Folgen. Kinderärzte sehen jetzt schon
mehr kleine Patienten, die durch Übergewicht unter Bluthochdruck und
Diabetes leiden. Für die Zukunft rechnen sie mit noch mehr
chronischen Erkrankungen - aus vielen Gründen.

Berlin (dpa) - Kinderärzte rechnen in Zukunft mit mehr chronisch
kranken Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Ursachen dafür seien
unter anderem die Folgen von Übergewicht, mehr Autoimmunerkrankungen
und auch mehr Verhaltensauffälligkeiten, sagte Klaus-Michael Keller
vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte am Freitag vor dem
Beginn des 47. Kinder- und Jugendärztetages in Berlin. 

«Die Verführung durch Zucker und Fast Food lauert für Kinder an jeder
Ecke», ergänzte Keller, der wissenschaftlicher Leiter des Kongresses
ist. Bereits jetzt sei jedes sechste Kind zu dick - und jedes 16.
krankhaft fettleibig. Das habe Folgen. Häufiger als früher müssten
Kinder wegen Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck und Fettlebern behandelt
werden.

Nach Verbandsangaben haben heute jedes sechste Kind und jeder vierte
Jugendliche, die in einer Kinderarztpraxis behandelt werden, eine
chronische Grunderkrankung. Dazu zählen zum Beispiel Allergien,
Asthma, Neurodermitis, chronische Darmentzündungen, Rheuma,
Epilepsien und Krebs. Das Robert Koch-Institut berichtet nach
Verbandsangaben in seiner Langzeit-Kindergesundheitsstudie (Kiggs)
von 11,4 Prozent Mädchen und 16 Prozent Jungen zwischen 0 und 17
Jahren mit chronischen Gesundheitsstörungen, die länger als ein Jahr
andauern. Ältere Statistiken zum Vergleich gibt es laut Verband
nicht.

Mehr kleine Patienten mit chronischen Leiden sind aber auch ein
Ergebnis moderner Medizin. Extreme Frühchen und Kinder mit
angeborenen Herzfehlern hätten heute oft einen langen medizinischen
Versorgungsbedarf, sagte Keller. «Vor 30 Jahren hätten wir ihnen aber
gar nicht helfen können, sie wären nach der Geburt gestorben.»
Besser als früher ließen sich auch seltene Leiden wie Mukoviszidose
behandeln. Viele Kinder mit dieser Stoffwechselstörung erreichten
heute das Erwachsenenalter - früher starben sie häufig als
Jugendliche.

Verbandspräsident Thomas Fischbach sieht aber auch eine Zunahme
psychosozialer Erkrankungen bei Kindern. Dazu zählten vor allem die
Aufmerksamkeitsstörung ADHS, aber auch Folgen von Bindungsstörungen
und Vernachlässigung.