Agenturmeldungen

Kostenschub bei Krebsmedikamenten - Schärfere Kontrollen gefordert

18.12.2017

Berlin (dpa) - Angesichts explodierender Kosten sollen neue

Krebsmedikamente nach dem Willen des führenden Gremiums im

Gesundheitswesen künftig schärfer überprüft werden. Die Mittel

brächten den Patienten oft nur einige Monate mehr Lebenszeit, hätten

aber oft starke Nebenwirkungen und seien extrem teuer, sagte der

Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses, Josef Hecken, der

Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Auch der Spitzenverband der

gesetzlichen Krankenkassen forderte die Politik auf, Lücken bei der

Bewertung des Mehrwerts der Mittel für die Patienten zu schließen.

 

Vergangenes Jahr stiegen die Kosten der Kassen im Arzneibereich um

mehr als 3 Prozent auf 38,5 Milliarden Euro. Im Bundesausschuss

entscheiden die Spitzenorganisationen der Kassen, Ärzte und Kliniken

über die medizinische Versorgung in Deutschland. Anhand

wissenschaftlicher Studien bewertet das Gremium seit 2011, inwiefern

neue Arzneimittel mehr nutzen als ältere. In seiner letzten Sitzung

des Jahres an diesem Donnerstag fallen die nächsten Beschlüsse zu

einzelnen Mittel. Die Bewertung ist Basis von Preisverhandlungen

zwischen Kassen und Herstellern.

 

«Nach wie vor werden Onkologika überdurchschnittlich gut bewertet»,

sagte Hecken. Nur jedem fünften der 88 insgesamt bewerteten

Krebsmittel sei kein Zusatznutzen beschieden worden. «Aber: Die

meisten dieser Therapien bringen den Patienten lediglich ein längeres

Leben von im Schnitt drei bis sechs Monaten», so Hecken. Mehr

Lebensqualität gebe es selten. Viele Mittel kombinierten

Chemotherapien - Nebenwirkungen stiegen so oft dramatisch an.

 

Oft handele es sich um biologische Arzneimittel, die gezielt am Tumor

ansetzen, aber extrem teuer seien. «Die Jahrestherapiekosten betragen

zu Beginn im Schnitt 100 000 Euro mit steigender Tendenz, noch

ausgeprägter ist die Kostensteigerung bei den jetzt häufigen

Kombinationstherapien.» So stiegen die Arzneikosten bei Hautkrebs mit

Metastasen auf rund 200 000 Euro pro Patient und Jahr.

 

Johann-Magnus von Stackelberg, Vizechef des Kassen-Spitzenverbands,

kritisierte zudem: «Insbesondere Arzneimittel gegen Krebs werden

immer öfter ohne finale klinische Prüfungen zugelassen.» Hersteller

müssten eigentlich aussagekräftige Daten zum Nutzen-Risiko-Verhältnis

nachliefern. «Die Praxiserfahrungen sind leider andere.»

 

Hecken verlangte gleich mehrere Verschärfungen: «In Zukunft müssen

neue Wirkstoffe schlechter bewertet werden, wenn keine Angaben zur

Lebensqualität vorliegen.» Preisverhandlungen sollten zudem für

ähnliche Medikamente zur Behandlung einer Erkrankung ermöglicht

werden - statt wie heute nur für einzelne Mittel. Sonst solle es

pauschale Abschläge für alle beteiligten Hersteller geben.

 

Der Pharmaverband vfa betont den Wert «innovativer Onkologika». Sie

seien hochwirksam. Unnötige Therapien und Therapieabbrüche würden

vermieden. Eingesetzt würden sie nur, «wo es keine

Behandlungsalternative gibt oder wo sie aufgrund ihrer besseren

Wirksamkeit im Vergleich zu bestehenden Therapien sinnvoll sind».

 

Gerade bei biologischen Arzneimitteln forderte Hecken aber «bessere

Einspareffekte». Für diese mit Gentechnik in lebenden Zellen

hergestellten Biologika gibt es oft günstigere Nachfolge-Präparate,

sogenannte Biosimilars. Ihr Preisabstand zum Original betrage heute

höchstens 20 Prozent. Er solle auf bis zu 40 Prozent wachsen. Ärzte

würden zudem zu oft lieber beim teuren Original bleiben, obwohl ein

Biosimilar ebenso wirke. Die Arzneimittelkommission der Ärzte hatte

dies kürzlich mit «Desinformation auf Fachkongressen» begründet.

 

Zu wenig Klarheit über den Mehrwert gibt es laut Hecken und

Stackelberg auch bei Mitteln gegen seltene Krankheiten, sogenannten

Orphan Drugs. Um auch solche Mittel schnell an die Patienten zu

bringen, gilt ein Zusatznutzen bis zu einem Umsatz von 50 Millionen

Euro auch ohne die sonst übliche Prüfung als belegt. «Für Arzt und

Patient birgt das die Gefahr einer Fehlinformation», sagte

Stackelberg. Sie wüssten nicht, ob die Mittel mehr brächten. Das

solle sich ändern. Hecken forderte «strengere Bewertungsstufen». 

 

Am Donnerstag will der Bundesausschuss etwa über ein solches Mittel

mit Kosten von rund 750 000 Euro pro Patient und Jahr entscheiden. Es

handelt sich um das Mittel Brineura gegen Kinderdemenz, bei der

kleine Kinder ihre Sehkraft, dann ihre kognitiven und motorische

Fähigkeiten verlieren und oft im Grundschulalter sterben.