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Krankenkassen: Patienten bekommen oft nicht die passenden Medikamente

13.07.2016

Neue Arzneimittel werden exakt daraufhin geprüft, was sie welchen Patienten bringen. Dumm nur: Ärzten bleiben die wertvollen Infos oft verborgen. Folge: Eigentlich unnötige Risiken für die Patienten.

Berlin (dpa) - Ärzte verordnen Patienten in Deutschland nach Ansicht der Krankenkassen mangels ausreichender Informationen oft nicht die passenden Medikamente. Heute wüssten die Mediziner in ihren Praxen in der Regel nicht, was nach aktuellem wissenschaftlichem Stand optimal für die Patienten sei, sagte der Vizechef des Kassen-Spitzenverbandes, Johann-Magnus von Stackelberg, am Mittwoch bei einer Veranstaltung in Groß Behnitz bei Berlin.

Er unterstützte im Grundsatz Reformpläne von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), nach denen Ärzte Informationen darüber, welche Mittel genau für welche Patientengruppen passen, automatisch in den Computer bekommen sollen. Folgen mangelnder Informationen könnten heute demnach sein, dass Kranke teurere Medikamente bekommen als nötig, mehr Risiken durch Nebenwirkung eingehen oder schlicht nicht das für sie beste Mittel bekommen.

Hintergrund ist, dass offizielle Stellen wie der Gemeinsame Bundesausschuss von Kassen, Ärzten und Kliniken in aufwendigen Verfahren die neuen Arzneimittel daraufhin prüfen, ob sie einen Zusatznutzen haben gegenüber älteren Mitteln - und für welche Patienten genau. Diese Ergebnisse bekommen die Ärzte der Kritik zufolge aber oft nicht mit. Nötig sei es, die Infos in einer neutralen Softwaren für die Ärzte einzuspeisen, die sich regelmäßig erneuern sollte, forderte von Stackelberg.

An anderer Stelle kritisierte von Stackelberg die Gröhe-Pläne für eine Reform des Arzneimittelgesetzes AMNOG als unzureichend. Es geht um die Preise besonders teurer, neuer Medikamente. Die Pharmakonzerne können die Preise für diese Mittel im ersten Jahr frei festsetzen, bevor die Krankenkassen niedrigere Erstattungspreise mit den Herstellern ausgehandelt haben - je nach zusätzlichem Nutzen des jeweiligen Mittels. Die freien Preise zu Anfang werden von den Kassen seit Jahren als oft viel zu hohe «Mondpreise» kritisiert.

Gröhe will - so sehen es Eckpunkte für eine Gesetzesnovelle vor - eine Umsatzschwelle. Erreicht das Mittel diese Schwelle, gilt der ausgehandelte Erstattungspreis rückwirkend. Im Gespräch waren Anfang des Jahres dafür 250 Millionen Euro gewesen. Von Stackelberg forderte, dass der niedrigere Erstattungspreis auf jeden Fall rückwirkend gilt - und zwar unabhängig von Umsatzschwellen und ab dem ersten Tag der Markteinführung.

Der Kassenverband wies auf die enormen Bruttoumsätze mehrerer Arzneimittel in deren erstem Jahr hin: Harvoni gegen Hepatitis C erzielte demnach 783 Millionen Euro, Sovaldi ebenfalls gegen Hepatitis C 495 Millionen und Tecfidera gegen Multiple Sklerose 326 Millionen Euro. 

Insgesamt könnten im Jahr 245 Millionen Euro zusätzlich eingespart werden, wenn rückwirkend ab dem 1. Tag die niedrigeren Erstattungspreise gelten würden, so die Kassen unter Berufung auf den jüngsten Arzneiverordnungsreport. Insgesamt hätten die Beitragszahler durch das AMNOG bisher seit 2012 1,5 Milliarden Euro gespart. 

Von Stackelberg kritisierte auch, dass die Erstattungspreise geheim blieben - dies benachteilige andere europäische Länder und Konkurrenten auf Seiten der Pharmaindustrie. Der Chef des AOK-Bundesverbands, Martin Litsch, mahnte, Gröhes AMNOG-Reform dürfe kein «Pharmawunschkonzert» werden.