Agenturmeldungen

Langer Kampf - Spätes Glück: Erfolg für Opfer des Bluter-Skandals

31.03.2017

Sie wurden ausgegrenzt, rechneten mit einem frühen Tod - und hattenkeine Chance auf ein normales Leben. Nun jubeln die Opfer desBluter-Skandals über eine späte Genugtuung.

Berlin (dpa) - Das Aids-Virus bekam Michael Diederichs als Kind.
Damals, in den 80er Jahren, kam HIV für viele einem Todesurteil
gleich. Diederichs ist Bluter, das Blut aus Wunden gerinnt nicht oder
nur langsam. Das Virus bekam er über infiziertes Konzentrat, gewonnen
aus menschlichem Blutplasma, das gegen seine Krankheit helfen sollte.
Diederichs überlebte - wenn auch unter oft dramatischen Umständen.
Jetzt feiert Diederichs einen Erfolg im jahrelangen Kampf um
Anerkennung - wie Hunderte andere Betroffene des Bluter-Skandals, die
wegen schleppender Reaktionen der Behörden damals mit HIV infiziert
wurden.

Dabei geht es um Geld. Erst 1995 wurden die Opfer des
Bluter-Skandals anerkannt und mit Hilfszahlungen aus einer Stiftung
unterstützt. Doch der Stiftung droht das Aus, Ende 2018 dürfte das
Geld alle sein, wenn sich nichts tut. Weitere Finanzzusagen
beteiligter Pharmafirmen und des Deutschen Roten Kreuzes zu erhalten,
wurde immer schwieriger. Rund 1500 Hämophile (Bluter) wurden
HIV-infiziert und von dem Skandal aus der Bahn gerissen. Noch 300
Bluter bekommen Geld aus der Stiftung, dazu rund 250 andere Personen,
meist direkte Angehörige.

«Es gibt viele, die sagen: Wir geben uns die Kugel, wenn wir nichts
mehr bekommen», sagt Diederichs Freundin Lynn Sziklai, die als
Aktivistin für die Belange der infizierten Bluter kämpft. Eine Studie
des Instituts Prognos zeigt: Den Betroffenen geht es von Jahr zu Jahr
schlechter - gesundheitlich, psychisch, finanziell. Sie sind auf die
Hilfen der Stiftung angewiesen.

Jetzt hat sich die Politik bewegt. Bundesgesundheitsminister Hermann
Gröhe (CDU) hat den Koalitionsfraktionen - auch in der SPD gibt es
umtriebige Unterstützer der Skandalopfer - einen Gesetzespassus
zugleitet, der bald mit einem anderen Gesetz beschlossen werden soll.
Das Ziel des Manövers: Der Bund will für die Betroffenen zahlen. Er
beteiligte sich bisher schon an der Stiftung, doch nun soll den
Opfern die Hilfe lebenslang garantiert werden - und zwar in der Höhe
angepasst an die Rentenentwicklung. Kostenpunkt: neun bis zehn
Millionen Euro jährlich.

«Ich kann es nicht glauben, was nun passiert ist», sagt Michael
Diederichs. «Das war ein harter Kampf.» Viele seiner Leidensgenossen
seien derart stark körperlich beeinträchtigt, dass sie teure
Hilfsmittel bräuchten. Diederichs selbst arbeitet maximal zwei bis
drei Stunden am Tag ehrenamtlich beim betreuten Wohnen. Mehr geht
nicht. Seit Jahren wirbt er zudem öffentlich um Verständnis für die
Opfer des Bluter-Skandals. Wer HIV-positiv ist, aber noch ohne
Aids-Erkrankung, bekommt rund 760 Euro aus der Stiftung pro Monat,
Aids-Kranke rund 1500 Euro und Angehörige gut 500.

Heute ist Aids für viele Menschen kein Grund mehr, Kranke zu
stigmatisieren. Diederichs, inzwischen 41 Jahre alt, hat das oft
schon anders erlebt. In der Schule - in seiner Heimat Ulm - sagte er
niemandem etwas über die Krankheit. Erst mit 21 outete er sich als
Aids-Kranker. Es ging ihm damals zu schlecht, um die Krankheit weiter
zu verbergen.

Wenn nun tatsächlich im Bundestag beschlossen wird, dass die
HIV-infizierten Bluter ein Leben lang aus der Stiftung unterstützt
werden, hat sich für Diederich der Kampf gelohnt. «Wir haben es
geschafft, dass die Politiker uns ernst nehmen», sagt er. Auf jeden
Fall müssten die Betroffenen nun aber dran bleiben.