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Luststeigerndes Medikament für Frauen: «Pink Viagra»

20.08.2015

Flibanserin wird «Viagra für Frauen» genannt, unterscheidet sich aber komplett vom Männer-Produkt. Es wirkt nicht direkt auf den Körper, sondern soll die Psyche luststeigernd stimulieren. Die Zielgruppe ist klein, die Nebenwirkungen sind beträchtlich.

New York (dpa) - Die Gründe sind vielfältig, wenn Frauen selten oder nie Lust auf Sex mit ihrem Partner haben. Zumindest einigen von ihnen soll ein in den USA zugelassenes Medikament helfen. Flibanserin war ursprünglich als Antidepressivum gedacht, zufällig wurde eine leicht luststeigernde Wirkung entdeckt. Wie funktioniert das auch als «Pink Viagra» bezeichnete Mittel und welche Frauen könnten profitieren? Einige Antworten.

Was ist die Zielgruppe?

Flibanserin soll nur zum Einsatz kommen, wenn mentale Gründe für Unlust wie Erschöpfung oder Stress und körperliche Ursachen ausgeschlossen sind. Im Englischen gibt es dafür den Begriff «Hypoactive Sexual Desire Disorder» (HSDD). Geprüft wurde es zudem lediglich für Frauen vor der Menopause.

Wie wirkt Flibanserin?

Während Viagra direkt eine Erektion auslöst, wenn der Mann Lust auf Sex hat, ist Flibanserin ein Psychopharmakon und soll der Lust von Frauen überhaupt erst auf die Sprünge helfen. Der Wirkstoff erhöht die Aktivität der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin und senkt die des Serotonins. Damit beeinflusst er die natürlichen Abläufe im Nervensystem. Manche Frauen mit schwacher Libido entwickeln mit dem Präparat mehr Lust auf Sex, zeigen die vorliegenden Studien. Die Pille muss aber jeden Tag eingenommen werden.

Haben viele Frauen mit mangelnder Lust auf Sex zu kämpfen?

Das Problem ist wohl relativ weit verbreitet. «Man muss davon ausgehen, dass 30 bis 40 Prozent der Frauen davon betroffen sind», schätzt Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte. Häufiger treffe es Frauen in langen Beziehungen. «Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, warum Frauen keine Lust mehr auf Sex haben.» Dazu gehörten Stress, Überlastung, Gewohnheit und körperliche Leiden.

Kann Flibanserin all diesen Frauen helfen?

Nein. «Nur zwischen 8 und 13 Prozent der Frauen haben überhaupt eine «Verbesserung» erfahren - als Verbesserung galt dabei bereits eine halbe «sexuell befriedigende Erfahrung» mehr im Monat», erklärt Jakob Pastötter, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung (DGSS). Die eigentlichen Probleme seien oft nicht medikamentös zu lösen. «Viele Frauen werden sie mit großen Erwartungen nehmen und dann merken: Da passiert ja gar nichts.»

Auch die Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS), Verena Klein, erklärt: «Wenn Sexualität in der Partnerschaft nicht so gut läuft, dann lässt sich das nicht auf die Biologie der Partnerin oder des Partners reduzieren.»

Hat das Präparat Nebenwirkungen?

Ja, und das nicht zu knapp. Als Nebenwirkungen werden unter anderem Schwindel, Müdigkeit, Übelkeit, Schlafstörungen und Mundtrockenheit angegeben, zudem gibt es Wechselwirkungen bei gleichzeitigem Alkoholgenuss und mit hormonellen Verhütungsmitteln. Noch gar nicht untersucht seien die Wechselwirkungen mit anderen psychoaktiven Stoffen, gibt der Sexualwissenschaftler Pastötter zu bedenken.

Was passiert, wenn man Psychopharmaka wie Addyi längerfristig nimmt und dann absetzt?

«Wenn man Pech hat, gibt es Entzugserscheinungen: innere Unruhe, Schlaflosigkeit - und eventuell rutscht das sexuelle Verlangen ganz in den Keller», erklärt Pastötter.

Wird es Flibanserin bald auch in Deutschland geben?

Bei der deutschen Zulassungsbehörde, dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), sei noch kein Antrag eingegangen, hieß es am Mittwoch. Auch bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA lag kein Antrag vor. «Es wird nicht lange dauern, bis die Substanz auch nach Europa kommt», ist der Pharmazeut Prof. Manfred Schubert-Zsilavecz von der Universität Frankfurt überzeugt.

Was für gesellschaftliche Aspekte sehen Experten?

«Der Druck auf Frauen wird durch Pink Viagra größer - vor allem der innere Druck: Ich muss wieder funktionieren», sagt Pastötter. «Und wieder wird in Sachen gelebte Sexualität beziehungsweise Spaß am Sex die Verantwortung den Frauen zugewiesen und nicht der Beziehung als Ganzes oder dem Mann.»

Die Psychologin Verena Klein vom Institut für Sexualforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf fürchtet, dass mit Addyi die Sexualität der Frau in den Bereich der Krankheit rückt. «Es wird so getan, als gäbe es ein Defizit der Frau, das durch ein Medikament behoben werden könne», sagt die Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS).

Dass die Pharmaindustrie Frauen mit geringer Libido mit einem Krankheitsbild versehe, sei «grässlich», kritisiert auch TV-Sex-Expertin Ann-Marlene Henning («Make Love», ZDF). Schon jetzt laste oft ein hoher Druck auf Paaren. «Ich kann gar nicht sagen, wie bescheuert ich dieses Produkt finde.»