Agenturmeldungen

Organspende-Anhörung: Viele Experten für große Reform

24.09.2019

Wie kann man zu mehr lebensrettenden Organspenden kommen? Und mit
welchen ethischen Folgen? Der Bundestag berät über zwei Alternativen,
und beide Lager sammeln Argumente - auch von Sachverständigen.

Berlin (dpa) - Im Ringen um mehr Organspenden in Deutschland wird vor
einer Experten-Anhörung im Bundestag viel Unterstützung für eine
tiefgreifende Reform deutlich. Mehrere geladene Organisationen und
Initiativen sprechen sich in ihren Stellungnahmen für die Einführung
einer «doppelten Widerspruchslösung» aus, die eine Abgeordnetengruppe
um Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) anstrebt. Demnach sollen alle
Volljährigen als Organspender gelten. Man soll dazu aber später Nein
sagen können, ansonsten wäre auch noch bei Angehörigen nachzufragen.
Dagegen wenden sich unter anderem die beiden Kirchen. Bisher sind
Organentnahmen nur bei ausdrücklich erklärter Zustimmung erlaubt.

Die Bundesärztekammer erklärt in ihrer Stellungnahme für die Anhörung
im Gesundheitsausschuss an diesem Mittwoch, es sei «seit zehn Jahren
keine durchschlagend positive Entwicklung der Spenderzahlen» zu
verzeichnen. Es sei an der Zeit, den Aspekt der Organspende als
solidarische und auf Gegenseitigkeit beruhende Gemeinschaftsaufgabe
durch die doppelte Widerspruchslösung auch gesetzlich eindeutig
abzubilden. Die Deutsche Transplantationsgesellschaft betont, damit
dokumentiere eine Gesellschaft eine «Kultur pro Organspende». Dies
bedeute, dass in Ländern mit Widerspruchsregelung das Überprüfen der
Möglichkeit zu einer Spende der Regelfall am Lebensende sei.

Die großen Kirchen melden indes «erhebliche rechtliche und ethische
Bedenken» gegen eine Widerspruchslösung an und unterstützen einen
anderen Vorschlag einer Gruppe um Grünen-Chefin Annalena Baerbock.
Dieser sehe «behutsame Modifikationen» im System vor, erklären die
evangelische und die katholische Kirche. Sie seien geeignet, «das
Vertrauen in die Organspende zu erhöhen und Menschen zu befähigen,
eine informierte Entscheidung zu treffen».

Der Entwurf schlägt vor, alle Bürger mindestens alle zehn Jahre beim
Ausweisabholen auf das Thema Organspende anzusprechen. Dazu soll ein
bundesweites Online-Register gehören, in dem man seine Entscheidung
für oder gegen eine Spende eintragen und ändern kann. Zudem sollen
Hausärzte bei Bedarf alle zwei Jahre informieren.

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation gibt zu bedenken, dass bei
dieser Vorgehensweise eine mehrjährige Umsetzungszeit zu erwarten
sei. Eine von Gesellschaft und Politik getragene Widerspruchslösung
gäbe «ein klares Signal an die Bevölkerung im Hinblick auf die
Organspende». Dafür spricht sich auch die Stiftung Eurotransplant
aus, die für die Zuteilung von Spenderorganen in acht europäischen
Ländern zuständig ist. Die Einführung der Widerspruchslösung sei
nötig «zum Erhalt der Solidarität» im Verbund. Ab kommendem Jahr
hätten sie alle Eurotransplant-Länder außer Deutschland.

Dagegen argumentiert der Vorstand der Deutschen Stiftung
Patientenschutz, Eugen Brysch, das Selbstbestimmungsrecht des
Einzelnen werde eingeschränkt. Menschen könnten sich zur Organspende
gedrängt fühlen, was die Vertrauenskrise verschärfe. Der Erlanger
Theologe Peter Dabrock warnt, die Widerspruchslösung sei auch mit
Blick auf Sorgen der nächsten Angehörigen und die Auswirkungen auf
die Gesellschaft «schädlich und damit insgesamt unverhältnismäßig».
Die Bezeichnung «doppelte» Widerspruchslösung sei zudem irreführend.
Davon wäre nur zu sprechen, wenn Angehörige eine eigenständige
Entscheidungsmöglichkeit hätten - das werde aber eigens verneint.

Über die beiden Gesetzentwürfe soll der Bundestag voraussichtlich
noch in diesem Jahr in freier Abstimmung entscheiden. Auch die AfD
hat einen Antrag vorgelegt. Ziel ist es, angesichts von fast 10 000
Menschen auf den Wartelisten zu mehr Spenden zu kommen. Die Zahl der
Spender war nach langem Abwärtstrend 2018 wieder spürbar gestiegen -
auf 955. In diesem Jahr gab es aber zunächst wieder einen Rückgang.
Von Januar bis August waren es 614 Spender - nach 650 im selben
Zeitraum des Vorjahres. Unabhängig von der Debatte gelten inzwischen
neue Regeln, um die Organspende-Bedingungen in Kliniken zu verbessern
- mit mehr Geld und mehr Freiraum für Transplantationsbeauftragte.