Agenturmeldungen

Per Heli zum Patienten: Bessere Chancen bei Schlaganfall

27.02.2019

Wenn ein Helikopter an einem Krankenhaus landet, bringt er meist
schwer kranke Patienten zur raschen Behandlung. In München haben
Ärzte das Szenario bei Schlaganfällen umgedreht: Sie fliegen zu ihren
Patienten.

München (dpa) - Als Christian Maegerlein, Oberarzt am Münchner
Klinikum Rechts der Isar, zum Helikopter eilt, zählt jede Minute. Die
erst 39 Jahre alte Patientin in der knapp 70 Kilometer entfernten
Klinik in Rosenheim hat einen schweren Schlaganfall erlitten. «Sie
war komplett halbseitig gelähmt. Es war klar: Wenn man nichts tut,
geht das Gehirn irreversibel kaputt.» Der Neuroradiologe hat die
Computertomographie-Bilder der Frau schon angesehen und weiß, wo das
Blutgerinnsel in ihrem Gehirn steckt. 35 Minuten nach dem Start in
München steht der Arzt im OP in Rosenheim. Die Patientin liegt
bereits in Narkose. Der Arzt kann sofort mit dem Eingriff beginnen.
Mit Hilfe eines Katheters gelingt es ihm, das Blutgerinnsel aus dem
Gehirn zu entfernen. Die Durchblutung ist wieder hergestellt.

Die Rosenheimerin war eine von bisher rund 60 Patienten des
fliegenden Schlaganfall-Teams des Klinikums Rechts der Isar der
Technischen Universität München und der München Klinik Harlaching.
Bei dem bundesweit einmaligen Pilotprojekt fliegen Ärzte seit einem
Jahr zu Patienten in Bayern. Erste Auswertungen zeigen, dass mit dem
Heli-Einsatz von der Diagnose bis zum Eingriff im Mittel 56 Minuten
vergingen. Wurden die Patienten hingegen erst nach München zu den
Spezialisten gebracht, dauerte es durchschnittlich 166 Minuten.

«Wir wissen seit Jahren, dass die Zeit bei der Schlaganfallbehandlung
extrem wichtig ist», sagt Projektleiter Gordian Hubert. Pro Minute
sterben knapp zwei Millionen Hirnzellen ab. «Je länger wir warten,
bis das Gefäß eröffnet wird, desto mehr Gehirnzellen sterben.»

Seit einigen Jahren behandeln Spezialisten Patienten, bei denen ein
großes Blutgerinnsel den Schlaganfall verursacht hat, mit der
sogenannten Thrombektomie. Ein Katheter wird durch die Leistenarterie
ins Gehirn geschoben. Der Blutpfropf wird dort mit einem
Metallgeflecht gegriffen und über die Arterie entfernt. In Kliniken
auf dem Land oder in kleineren Städten wie Rosenheim gibt es bisher
keine Experten, die den schwierigen Eingriff vornehmen können.  

Der Thrombektomie erzielt laut Wolf-Rüdiger Schäbitz von der
Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft in bestimmten Fällen sehr gute
Erfolge. «Wenn die Methode erfolgreich durchgeführt wird, kann man
damit im günstigsten Fall bei jedem zweiten Patienten eine deutliche
Verbesserung des Behinderungsgrades erreichen», sagt Schäbitz, der
die Neurologie am Evangelischen Krankenhaus Bethel leitet. Etwa 260
000 Menschen erleiden in Deutschland jährlich einen Schlaganfall. Die
Thrombektomie kommt laut Schäbitz für etwa drei bis fünf Prozent der
Patienten in Frage.

Der Heliflug zum Schlaganfallpatienten ist ein Novum. Ein
vergleichbares Projekt sei ihm nicht bekannt, sagt Hubert. Er habe
bisher nur von einem Einzelfall in den USA gehört, bei dem ein Arzt
für den Eingriff zu einem Patienten geflogen wurde.

Eine siebenstellige Summe kostet das von den Krankenkassen
finanzierte und von der bayerischen Staatsregierung unterstützte
Projekt pro Jahr. Wenn sich die Zeitersparnis bestätige und die
Behandlung vor Ort ebenso gut möglich ist wie in den Zentren, könne
das hohe Folgekosten sparen, sagt Hubert. «Man muss auch einrechnen:
Was sind die Pflegekosten hinterher?» Um belastbare Zahlen darüber zu
erhalten, müssten die nächsten beiden Projektjahre abgewartet werden.

«Das Projekt kann für den Patienten den Zugang zu einer
lebensrettenden Therapie bedeuten», sagt Schäbitz. «Es kann zu einer
schnelleren Versorgung führen - und damit zu geringeren
Folgeschäden.» Aber: «Der Aufwand ist beträchtlich und bindet viele
Ressourcen, um einen einzigen Patienten zu behandeln.» Immerhin sei
ein Arzt stundenlang dafür unterwegs.

«Deshalb glaube ich, das ist tendenziell etwas für strukturschwache,
weitläufige und bevölkerungsarme Regionen», so der Bielefelder
Neurologe. In Deutschland werde der Flug eher «ein Nischenprodukt»
sein, da die Schlaganfallversorgung sehr gut organisiert sei. Um die
Zeit bis zur Behandlung zu verkürzen, gibt es mehrere Ansätze. In
Heidelberg und Hamburg zum Beispiel werde es mit dem Auto versucht,
so Hubert, in Berlin und im Saarland gebe es spezielle
Schlaganfallmobile, in denen sofort eine Therapie beginnen kann.