Agenturmeldungen

Sachverständige und Kassen fordern Reform der Notfallversorgung

07.09.2017

Notaufnahmen beklagen zu viele Patienten, die sich wiederum über
lange Wartezeiten ärgern. Und das ist nicht das einzige Problem in
der Notfallversorgung. Alle Beteiligten sind sich einig: So kann es
nicht so bleiben - und machen Vorschläge für Reformen.

Berlin (dpa) - Die Notaufnahmen sind überlastet, das medizinische
Personal ist frustriert: Aus Sicht eines Expertengremiums herrscht
bei der Notfallversorgung in Deutschland großer Reformbedarf - auch
Kassen und Kassenärzte wollen Änderungen. Der Sachverständigenrat zur
Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) hat Vorschläge
gesammelt und am Donnerstag vorgestellt.

Der SVR plädiert für Leitstellen, die unter einer zentralen Nummer
erreichbar sein sollten. Separate Rufnummern für den Rettungsdienst
(112) und den Ärztlichen Bereitschaftsdienst (116117) entfielen. Die
telefonische Beratung soll - etwa auch durch Ärzte in der Leitstelle
- besser werden. Letztlich sollen die Anrufer gezielt gesteuert
werden: Benötigen sie einen Notarzt, den Hausbesuch eines
Bereitschaftsarztes oder genügt ein Hausarztbesuch am nächsten Tag?

So könnten die Notaufnahmen um 20 bis 30 Prozent entlastet werden,
sagte Marion Haubitz vom SVR. Aktuell würden der Kapazitäten der
Notaufnahmen «überfahren». Auch die Techniker Krankenkasse (TK) hatte
eine gemeinsame Leitstelle für 112 und 116117 vorschlagen.

Ein zweiter zentraler Vorschlag des Gremiums sind sogenannte
integrierte Notfallzentren an den Krankenhäusern. Sie sollen -
ähnlich wie eine Telefonleitstelle - die drei Bereiche
Rettungsdienst, Ärztlicher Bereitschaftsdienst und Klinikambulanz
kombinieren. Es brauche einen Eingang mit einem Tresen, betonte der
Ratsvorsitzende, Ferdinand Gerlach. Konkret sollten diese Zentren von
Kassenärztlichen Vereinigungen und Kliniken gemeinsam getragen
werden. Der Betrieb sollte durch die Kassenärzte erfolgen. So sollen
Anreize für die Krankenhäuser vermieden werden, mehr Patienten
stationär aufzunehmen als vielleicht nötig ist.

Der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch,
begrüßte die Vorschläge. Es sei wichtig, dass eine erste Einschätzung
zur Schwere der Krankheit und anschließende Wegweisung der Patienten
in einer Anlaufstelle erfolge. Niedergelassene Ärzte und
Krankenhäuser müssten diese Aufgabe künftig gemeinsam wahrnehmen. Die
Techniker Krankenkasse (TK) sprach sich ebenfalls dafür aus,
sogenannte Portalpraxen zu errichten, um den Patientenstrom besser
steuern zu können.

Ähnlich äußerte sich der Vize-Vorstandsvorsitzende vom
GKV-Spitzenverband, Johann-Magnus von Stackelberg: «Wenn sich Ärzte
und Kliniken darum streiten, wer ein größeres Stück vom Notfallkuchen
bekommt, ist niemandem geholfen.»

Die Kassenärzte hatten vor kurzem angekündigt, zur besseren
Versorgung von Notfallpatienten enger mit den Krankenhäusern
zusammenarbeiten zu wollen. Bereitschaftsdienste der niedergelassenen
Ärzte und Notfallambulanzen der Kliniken sollten dabei so aufeinander
abgestimmt werden, dass unnötige Doppelstrukturen vermieden würden.
Dazu müsse den Patienten endlich die Bereitschaftsnummer 116117 der
niedergelassenen Ärzte bekannter gemacht werden.

Aus Sicht des SVR sollte es außerdem zur Entlastung der Notaufnahmen
mehr Anreize für Hausärzte geben, ihre Praxen länger zu öffnen. Zudem
sollte die Vergütung des Rettungsdienstes geändert werden: Anstatt
wie bisher nur die Transportleistung abzurechnen, sollte man die
medizinische Leistung honorieren.

Im zweiten Quartal 2018 will der SVR seine Empfehlungen dem
Bundesgesundheitsministerium übergeben. Auch Bundestag und Bundesrat
bekommen die Vorschläge übermittelt.