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Studie: Pflege durch osteuropäische Hilfskräfte nimmt zu

07.06.2017

Pflegebedürftige wollen ungern ihre geliebten vier Wände verlassen.
Doch Angehörigen fehlt oft die Zeit für die Betreuung. Aus diesem und
weiteren Gründen ziehen in immer mehr Haushalten Hilfskräfte ein.

Düsseldorf (dpa) - Pflegebedürftige in Deutschland werden zunehmend
von Hilfskräften aus Osteuropa versorgt. In schätzungsweise 163 000
Privathaushalten lebt bereits eine osteuropäische Hilfskraft für eine
«Rund-um-die-Uhr»-Betreuung eines Pflegebedürftigen, wie aus einer am
Mittwoch veröffentlichten Studie im Auftrag der gewerkschaftsnahen
Hans-Böckler-Stiftung hervorgeht. Das entspreche acht Prozent aller
Haushalte, in dem ein Pflegebedürftiger wohnt. Dieses Modell
erscheine vor allem für die Mittelschicht als Alternative zum Heim
attraktiv. Die osteuropäischen Hilfskräfte stünden jedoch unter einer
extremen Arbeitszeitbelastung. Sie benötigten täglich im Durchschnitt
rund zehn Stunden Zeit für ihre Pflege- und Betreuungsaufgaben.

In einer wachsenden Zahl von Haushalten mit einem hohen Pflege- und
Betreuungsaufwand werde nach Alternativen zur Heimunterbringung
gesucht. Einer Unterbringung in einem Pflegeheim stünden viele
Pflegebedürftige und Angehörige skeptisch gegenüber: Sie fürchteten
einen Verlust an Selbstständigkeit und an Pflege- beziehungsweise
Versorgungsqualität. Demenzkranken falle überdies ein Auszug aus der
vertrauten Umgebung besonders schwer. In diese Versorgungslücke
stießen Angebote zur «24-Stunden-Pflege». Dabei handele es sich um
Arbeitskräfte zumeist aus Polen und anderen osteuropäischen Ländern,
die in der Regel einige Wochen oder Monate mit im Haushalt wohnten
und die Versorgung des pflegebedürftigen Familienmitglieds leisteten.

Bei den meisten Pflegebedürftigen in Deutschland würden aber nach wie
vor nahe Angehörige die Betreuung schultern. Gut 70 Prozent aller
Pflegebedürftigen in Deutschland werden laut der Studie zu Hause
gepflegt. Am häufigsten ist die Tochter die Hauptpflegeperson (29
Prozent). Fast ebenso häufig übernehmen die Lebenspartner die Pflege.
Mehr als die Hälfte der befragten Haushalte verzichtet vollkommen auf
Unterstützung durch Pflegedienste oder andere professionelle Hilfe.

Schwierig ist die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, wie auch die
Autoren hervorheben: Rund ein Drittel der Hauptpflegepersonen im
erwerbsfähigen Alter habe die Arbeitszeit im Job reduziert. 44
Prozent dieser Gruppe seien gar nicht erwerbstätig. Die Pflegenden
riskierten damit, im Alter selber mit wenig Geld dazustehen.

Laut Studie, über die zuerst die «Süddeutsche Zeitung» berichtete,
erreichen Angebote zur Pflegeberatung Hauptpflegepersonen aus
bildungsfernen Schichten oft nicht. Auffällig sei, dass
Pflegebedürftige in einkommensstarken Haushalten oft in höhere
Pflegestufen eingruppiert seien als solche aus sozial schwächeren
Kreisen. Vermutlich gelinge es den Angehörigen höherer Schichten
besser, gegenüber der Pflegeversicherung einen größeren Bedarf
geltend zu machen.