Agenturmeldungen

Trotz Warnsignal des Körpers: Herzpatienten rauchen häufig weiter

26.02.2019

Fast jeder zweite Todesfall in Europa geht Experten zufolge auf
Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurück. Vielen Rauchern dürfte bewusst
sein, dass es für ihr Herz weitaus gesünder wäre, vom Glimmstängel zu
lassen. Erstaunlich viele versuchen es erst gar nicht.

Würzburg/London (dpa) - Trotz Herzerkrankung rauchen viele Menschen
weiter oder verhalten sich anderweitig ungesund. Zu diesem Ergebnis
kommt eine internationale Studie, für die mehr als 8200 Herzpatienten
aus 27 Ländern untersucht und befragt wurden. In der Mitte Februar im
«European Journal of Preventive Cardiology» veröffentlichten
«Euroaspire»-Studie gaben 19 Prozent der Patienten an, weiter zu
rauchen, 82 Prozent waren übergewichtig und 34 Prozent bewegten sich
zu wenig. Die Mehrheit der Raucher hatte nie versucht, mit dem
Rauchen aufzuhören und beabsichtigte es auch nicht.

Fast jeder zweite Todesfall in Europa geht laut den Studienautoren um
Kornelia Kotseva vom Imperial College London auf
Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurück. Was die Forscher besonders
verwundert: Eigentlich gebe es genügend Präventionsmöglichkeiten. Der
Rat von Fachgesellschaften, dass Herzpatienten bei Reha-Maßnahmen
einen gesundheitsbewussten Lebensstil erlernen, scheine nur bedingt
zu wirken.

In der Studie gab jeder sechste Raucher an, noch nie Hilfe bei der
Rauchentwöhnung angeboten bekommen zu haben, fast jeder Zweite hatte
nach eigener Aussage noch nie Ratschläge erhalten, wie sich Bewegung
in den Alltag integrieren lässt. Verglichen mit einer Vorgängerstudie
vier Jahre zuvor sind die Zahlen sogar schlechter geworden: Es gibt
mehr Raucher und weniger Teilnahme an Reha-Programmen.

Aus Deutschland haben Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für
Herzinsuffizienz (DZHI) in Würzburg und der Würzburger Uniklinik an
der Studie mitgewirkt. Etwa 400 Patienten aus und um Würzburg
(Bayern), Tübingen (Baden-Württemberg), Halle und Merseburg (beide
Sachsen-Anhalt) wurden 6 bis 24 Monate nach einer Herzdiagnose
untersucht und befragt. Die Teilergebnisse für Deutschland liegen
noch nicht vor.

Stefan Störk, Mitautor der Studie und Leiter der Klinischen Forschung
am DZHI, sieht das Problem zum Teil im Gesundheitssystem: «Bei einem
Krankenhausaufenthalt ist die Zeit stark verdichtet. Manchmal findet
sich dann nur im Entlassungsbrief ein Hinweis, dass ein Rauchstopp
sinnvoll wäre», so Störk. Dabei hörten Patienten eher mit dem Rauchen
auf, wenn sie bei einem Krankenhausaufenthalt nachdrücklich auf die
Gefahr des Rauchens angesprochen würden. «Wir sollten die
Schnittstelle zwischen Klinik und Reha verbessern», sagt Störk.

Viele der von Experten in den Leitlinien zur Prävention von
Herz-Kreislauf-Erkrankungen empfohlenen Maßnahmen richten sich nicht
an Betroffene, sondern an Politik und Industrie. Sie sehen etwa vor,
den Gehalt an zugesetztem Zucker bei Lebensmitteln zu verringern und
Steuern auf ungesunde Lebensmittel einzuführen. Ebenso empfehlen die
Wissenschaftler, Rauchverbote für öffentliche Plätze auszusprechen
und Tabakwerbung ganz zu verbieten.

Herzexperte Norbert Donner-Banzhoff, Professor für Allgemeinmedizin,
Präventive und Rehabilitative Medizin in Marburg, weiß aus anderen
Studien und aus seinem Alltag, dass Patientenverhalten und
Arztempfehlungen oft auseinanderklaffen. «Denn es geht zunächst um
ganz abstrakte Ziele, wie die Verhütung eines Herzinfarktes in ferner
Zukunft», sagt der Mediziner. Eine Behandlung von Rückenbeschwerden
dagegen lasse sich unmittelbar spüren.

Auch Donner-Banzhoff, der an der aktuellen Studie nicht beteiligt
war, spricht sich vehement für ein Verbot von Tabakwerbung aus und
wünscht, dass Überweisungen an Raucherberatungsstellen einfacher
werden. Er appelliert aber ebenfalls, Patientenverhalten zu
akzeptieren - wenn Patienten sich gut informiert dafür entschieden
haben. «Wir Ärzte dürfen nicht enttäuscht sein oder Patienten
geringschätzen, wenn sie andere Prioritäten im Leben setzen als
gesundheitsbewusstes Verhalten.»