Agenturmeldungen

Weltstillwoche startet: Mütter zwischen Wunsch und Wirklichkeit

26.09.2017

Berlin (dpa) - Selig nuckelnde Babys. Stolz lächelnde Muttis. Weiches

Licht. Selfies stillender Mütter sind inzwischen in den sozialen

Medien an der Tagesordnung. Dort scheint es, als sei es für die

heutige Generation von Mamas das Normalste der Welt, die Brust zu

geben. Supermodels und Stars haben es vorgemacht, die privaten

Momente im Netz zu teilen. Sogar ein eigenes Stichwort ist dafür

entstanden: #Brelfie, ein Mix aus Selfie und Breastfeeding, wie

Stillen auf Englisch heißt. Aber stimmt der Eindruck aus dem Netz -

kommt tatsächlich seltener Milchpulver ins Fläschchen? 

 

Für Experten klafft zwischen Wunschvorstellung und Praxis beim

Stillen eine große Lücke. «Dass Stillen gut für Kinder ist, hat sich

herumgesprochen. Viele Frauen fangen mit dem Stillen an», sagt die

Stillbeauftragte des Deutschen Hebammenverbandes, Aleyd von Gartzen,

vor der Weltstillwoche (2. bis 8. Oktober). Dann kommt das große

Aber: Viele Mütter stillten oft nach wenigen Wochen ab, sagt von

Gartzen. Studien belegen dies, Erhebungen liegen teils aber längere

Zeit zurück.

 

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dagegen empfiehlt, sechs Monate

ausschließlich zu stillen und danach bis zu einem Alter von zwei

Jahren Stillen und Beikost zu kombinieren. Wenn gewünscht, kann noch

länger gestillt werden. Muttermilch gilt heute als optimale Nahrung

für Säuglinge und als förderlich für die Bindung von Mutter und Kind.

Beide Seiten profitieren gesundheitlich: Beim Baby sinkt etwa das

Risiko für Infektionskrankheiten, Allergien und Asthma. Bei Müttern

kann Stillen das Risiko für Brust- und Eierstockkrebs reduzieren.

 

Als Grund für frühes Abstillen vermutet von Gartzen unrealistische

Vorstellungen vom Leben mit Baby und ein Gefühl der Überforderung vom

Stillen in der ersten anstrengenden Zeit. Aber es mangele auch an

Wissen zur Praxis des Stillens, bei den Frauen und in deren Umfeld.

 

Die Weichen für erfolgreiches Stillen werden bereits im Krankenhaus

nach der Geburt gestellt. Dort fehle aber zunehmend die richtige

Betreuung, sagt von Gartzen, die auch Mitglied der Nationalen

Stillkommission (NKS) ist, ein Gremium zur Förderung des Stillens.

Werde das Kind falsch angelegt, hätten die Mütter oft schon nach zwei

oder drei Tagen derartige Schmerzen durch lädierte Brustwarzen, dass

sie sich von guten Vorsätzen verabschiedeten. Und das, bevor der

Milchfluss überhaupt richtig in Gang gekommen sei.

 

Von Gartzen sieht eine große Verunsicherung: Frauen werde mit der

Vielzahl von Vorsorgeuntersuchungen und Kontrollen bereits in der

Schwangerschaft das Gefühl vermittelt, dass die Abläufe nicht von

alleine funktionieren. Der Glauben an sich selbst - und damit auch an

das intuitiv richtige Verhalten des Babys - werde jungen Müttern

genommen. Die Flasche zu geben und zum Beispiel genau zu wissen, wie

viel das Kind getrunken hat, suggeriert am Ende mehr Kontrolle. 

 

Doch auch an den Mitmenschen dürfte das Stillen in der Praxis teils

scheitern. Laut einer kürzlich erschienenen Studie im Auftrag des

Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) sind explizit negative

Reaktionen auf öffentliches Stillen zwar eher selten. Allerdings

stand jeder vierte Befragte dem Stillen im öffentlichen Raum

zwiespältig oder ablehnend gegenüber. Für jede Zehnte der befragten

Mütter, die bereits abgestillt hatten, sei die ablehnende Haltung in

der Öffentlichkeit ein Grund für das Abstillen gewesen, hieß es.

 

Gerade in Restaurants und Cafés kann Stillen als unangebracht

empfunden werden, wie vor gut einem Jahr auch ein Fall aus Berlin

zeigte. Eine junge Mutter geriet mit einem Café-Besitzer aneinander

und startete daraufhin eine Petition für einen gesetzlichen Schutz

des Stillens in der Öffentlichkeit. Das Thema wurde zwar breit

diskutiert, ihre Forderung blieb am Ende aber folgenlos.

 

Die Nationale Stillkommission, die ihren Sitz am BfR hat, will Frauen

darin bestärken, in der Öffentlichkeit zu stillen. In einer

Stellungnahme spricht sie sich für einen klaren Appell an die

Bevölkerung und an Mütter aus: Stillen sei gesund, könne nicht warten

- egal unter welchen Umständen.

 

Fotos von stillenden Promis sind womöglich ein Schritt in die

richtige Richtung. Sie könnten eine breite Vorbildfunktion haben,

glaubt Expertin Aleyd von Gartzen. Ob Mütter heute mehr und über

einen längeren Zeitraum stillen als noch vor 20 Jahren - und aus

welchen Gründen -, das wollen Forscher nun in Erfahrung bringen.

Befragt werden sollen in einer Studie im Auftrag der Deutschen

Gesellschaft für Ernährung (DGE) Mütter, aber auch Hebammen, Ärzte

und Pflegepersonal. Ergebnisse werden 2020 erwartet.