Agenturmeldungen

Zehntausende Arztpraxen nicht ohne Barrieren zu erreichen

22.05.2018

Rollstuhlfahrer und andere Menschen mit Beeinträchtigungen tun sich
beim Arztbesuch oft schwer - die wenigsten Praxen sind ohne Stufen
oder Treppen zu erreichen.

Berlin (dpa) - Der Großteil der rund 100 000 Arztpraxen in
Deutschland ist nicht ohne Stufen oder Treppen zu erreichen. Das geht
aus einer der Deutschen Presse-Agentur vorliegenden Antwort der
Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hervor.
Demnach verfüge nur gut jede dritte Praxis (34,4 Prozent) über
mindestens ein Merkmal der Barrierefreiheit. Solche Merkmale sind
etwa barrierefreier Zugang, barrierefreie Räumlichkeiten, auch
Leitsysteme für Menschen mit Sehbehinderung zählen dazu.

Bei Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) sei der Anteil der
barrierefreien Einrichtungen mit 45,9 Prozent deutlich höher. Denn
MVZ hätten sich in der Regel erst in den vergangenen zehn Jahren
etabliert. Sie verfügten über eine etwas modernere Bausubstanz. Die
Regierung beruft sich bei ihren Angaben auf die Kassenärztliche
Bundesvereinigung (KBV).

Die Linke-Sozialexpertin Sabine Zimmermann, die die Anfrage gestellt
hatte, nannte es «überaus bedauerlich», dass in nur so wenigen
Arztpraxen Patienten mit Beeinträchtigungen behandelt werden könnten.

«Unter anderem Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer können in
vielen Praxen nicht behandelt werden, angefangen damit, dass keine
behindertengerechten Parkplätze zur Verfügung stehen, über den nicht
ebenerdigen Zugang oder nicht vorhandenen Aufzug, bis hin zu den
nicht rollstuhlgerechten Praxisräumen», sagte Zimmermann der dpa. De
facto sei für viele Menschen mit Beeinträchtigungen die gesetzlich
verbriefte freie Arztwahl daher nicht gewährleistet.

Die KBV sieht es als Aufgabe an, dass Menschen mit Handicap Zugang zu
den Praxen hätten, wie ein Sprecher der dpa sagte. «Bei Neubauten
gelten strengere Vorschriften entsprechend dem aktuellen Baurecht»,
erläuterte er. Ältere Praxen barrierefrei zu machen, sei teilweise
allerdings mit hohen Kosten verbunden. Dem einzelnen Arzt seien die
nötigen Investitionen oft nicht zuzumuten. Die KBV rege daher
entsprechende Programme der Staatsbank KfW oder anderer Förderbanken
an.

Zimmermann forderte: «Die Bundesregierung muss deutlich mehr für die
Barrierefreiheit von Arztpraxen tun.» Hier müsse es auch darum gehen,
Geld zur Verfügung zu stellen und die Ärzte zu unterstützen. «Im Jahr
2009 trat die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland in Kraft,
die Menschen mit Behinderungen Zugang zur Gesundheitsversorgung
gewährleisten soll», sagte sie. «Dieses Ziel muss dringend umgesetzt
werden.»

Ähnlich äußerte sich die neue Präsidentin des Sozialverbandes VdK,
Verena Bentele. «Die Politik muss endlich dafür sorgen, dass
Einrichtungen und Angebote der medizinischen Versorgung barrierefrei
zugänglich sind», forderte Bentele am Montag. Ihr Verband fordere ein
KfW-Förderprogramm im Umfang von 80 Millionen Euro zum barrierefreien
Umbau von Arztpraxen. Davon profitierten nicht nur Menschen mit
Behinderung, sondern auch Ältere und alle, die zeitweise in ihrer
Mobilität eingeschränkt seien.

Die gesetzlichen Krankenkassen sehen auch die Ärzte in der
Verantwortung. «Eine Berufsgruppe, die sich vor allem um Kranke
kümmert, sollte von diesen auch gut zu erreichen sein. Hier scheinen
sich die niedergelassenen Ärzte mehr anstrengen zu müssen», sagte der
Sprecher des GKV-Spitzenverbandes, Florian Lanz, der dpa.