Agenturmeldungen

Zwischen Euphorie und Vorsicht: Medizin-Cannabis auf dem Vormarsch

09.10.2017

Im Frühjahr wurde die Nutzung von Cannabis für medizinische Zwecke
liberalisiert, die Zahl der Therapien steigt rasant. Dabei ist der
Wirkstoff nicht völlig erforscht. Während Anbieter große Chancen
wittern, hakt es noch gehörig im System mit Krankenkassen und Ärzten.

Frankfurt/Berlin (dpa) - Cannabis auf Rezept - das war ein
historischer Schritt auf dem deutschen Arzneimarkt. Schwerkranke
können den Wirkstoff seit Mitte März in der Apotheke bekommen, ohne
Sondererlaubnis. Und während viele die Blüten bisher selbst bezahlen
mussten, sind die Krankenkassen nun verpflichtet, die Therapiekosten
zu übernehmen.

Doch die Bilanz gut ein halbes Jahr später fällt gemischt aus. Bei
etlichen Cannabis-Firmen herrscht zwar Goldgräberstimmung. Aber so
mancher Arzt fühlt sich allein gelassen mit den neuen Ansätzen, und
die Kassen sehen immense Zusatzausgaben auf sich zukommen.

Grundsätzlich kann der Cannabis-Wirkstoff THC etwa bei Multipler
Sklerose und gegen chronische Schmerzen helfen. Auch Appetitlosigkeit
bei Chemotherapien kann er lindern. In Kanada und in den USA ist die
Behandlung mit Hanf längst ein Milliardenmarkt, ähnlich in Israel.

In Deutschland indes ist die Zielgruppe für Cannabis-Therapien noch
klein. Nur rund 1000 Patienten hatten bisher eine Ausnahmegenehmigung
zum Kauf für medizinische Zwecke. Mit der Liberalisierung wächst
jedoch die Nachfrage: Im ersten Halbjahr seien über 10 000 Einheiten
an Blüten ausgegeben worden, berichtet der Apothekerverband ABDA. Die
Zahl der verschriebenen Behandlungen sei seit März von Monat zu Monat
kräftig gestiegen. Hinzu kämen etwa 12 500 Fertigarzneien.

Derzeit wird laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
(BfArM) medizinisches Cannabis vor allem aus den Niederlanden und
Kanada importiert. Dabei soll es nicht bleiben. Deutschland hat
Anfang März eine staatliche Cannabis-Agentur unter dem Dach des BfArM
gegründet, um die Versorgung von Patienten sicherzustellen. Sie soll
Hanf aber nicht selbst anbauen, sondern schreibt Aufträge EU-weit an
Firmen aus, die sich dann um die deutschen Plantagen kümmern. Mit der
ersten Ernte unter staatlicher Aufsicht rechnet das BfArM 2019.

Eines der Unternehmen, die hierzulande Cannabis-Wirkstoffe erforschen
und verkaufen, ist Bionorica. Die Bayern verzeichnen ein anziehendes
Geschäft. Es gebe ein «immens gestiegenes Interesse» von Ärzten an
Informationen über Cannabis-Therapien, sagt Chef Michael Popp.

Aber auch ausländische Anbieter drängen auf den Markt. Die aus Kanada
stammende Tilray mit etwa 11 000 versorgten Patienten weltweit will
Cannabis nach Deutschland importieren. «Wir beobachten ein großes
Interesse bei Ärzten und Apothekern und wenig kulturelle Ablehnung»,
sagt Deutschland-Chefin Marla Luther. Tilray forsche zudem an neuen
Wirkstoffen und wolle in fünf bis zehn Jahren die Zulassungen haben.

Bei den Krankenkassen hingegen hält sich die Begeisterung angesichts
hoher Kosten in Grenzen. Eine Cannabis-Therapie kostet im Monat im
Schnitt 540 Euro - so wird es im neuen Gesetz veranschlagt. Bei der
Bewilligung der Anträge hakt es, kritisiert Bionorica-Chef Popp.

In den ersten zwei Monaten nach der Liberalisierung sei eine
«mittlere vierstellige Zahl» von Anträgen für Cannabinoide
eingegangen, erklärt der GKV-Spitzenverband. «Deutlich über die
Hälfte konnten positiv beschieden werden, da die gesetzlichen
Anforderungen als erfüllt anzusehen waren.» Einige Kassen bemängeln,
dass Anträge nicht vollständig oder fehlerhaft seien. Oft gebe es
keinen Nachweis, dass andere Behandlungsmethoden ausgeschöpft seien.

Die Kassen würden bei jedem zugelassenen verschreibungspflichtigen
Medikament die Kosten übernehmen, betont der GKV. Anders als bei
üblichen Medikamenten habe Cannabis aber nicht vorab über Studien
nachweisen müssen, dass es sicher wirke. Auch verlässliche Daten zu
möglichen Neben- und Wechselwirkungen mit anderen Substanzen fehlten.

Cannabis-Firmen wie THC Pharm aus Frankfurt sehen die Entwicklung
differenziert. «Die Liberalisierung bedeutet einen großen Schritt
nach vorn», sagt Holger Rönitz, Direktor für Geschäftsentwicklung.
«Aber es gibt auch viele neue Firmen, die das große Geschäft wittern
und mit unhaltbaren Heilsversprechungen werben.» Teils kursierten
zudem halbseidene Studien. «Man kann auch nicht jeden Krebs mit
medizinischem Cannabis lindern, wie manche behaupten.»

Und gerade bei Cannabis-Blüten komme es «zu einer Vermischung von
Freizeitkonsum und medizinischem Bedarf», sagt Rönitz. Wichtig sei,
dass Schwerkranke Zugang zu schmerzlinderndem Cannabis oder den
pharmazeutisch geprüften Inhaltsstoffen der Pflanze bekämen.

Ärztevertreter weisen auf lückenhafte Therapieerfahrungen hin. Es sei
schwer, Verschreibungen genau zu begründen, wenn es auf Basis weniger
Studien «keine gesicherte medizinische Indikation» gebe, meint Josef
Mischo aus dem Vorstand der Bundesärztekammer. Überdacht werden müsse
zudem die Vorgabe, dass Cannabis nur abzurechnen ist, wenn gängige
Schmerztherapien ausgeschöpft sind: «Auch schon in früheren Stadien
versprechen sich Patienten etwas von Cannabis als Schmerzmittel.»

Ein regulierter Markt in Deutschland sei überfällig, da sind sich die
Befürworter einig. «Mir war das Cannabis-als-Medizin-Gesetz ein
besonderes Anliegen, weil ich möchte, dass schwerkranke Patienten,
denen Cannabis wirklich hilft, dieses auch erhalten können - in
Arzneimittel-Qualität und auf Kosten der Krankenkassen», sagt Marlene
Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung. «Dass Ärzte und
Krankenkassen jeden Fall genau prüfen, ist aber völlig richtig.»

Bei der Lizenzvergabe für Cannabis-Importe gibt es indes noch keinen
Zuschlag für Lieferverträge. «Die Frist zur Teilnahme ist abgelaufen,
das Verfahren aber noch nicht abgeschlossen», erklärte das BfArM.

Bis Cannabis in einigen Jahren in Deutschland angebaut wird, könnte
bereits das nächste Thema auf die Agenda rücken: Legalisierung auch
für den privaten Verbrauch? FDP, Linke und Grüne machen sich für die
Freigabe von Anbau und Besitz kleiner Mengen und einen kontrollierten
Verkauf stark. In einer möglichen Jamaika-Koalition aus Union,
Liberalen und Grünen könnte das «Gras» daher für Unruhe sorgen - als
wäre das Durcheinander beim medizinischen Cannabis nicht schon genug.