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Psychische Erkrankungen sind in die Arbeitswelt ein zunehmend bedeutsames Thema: Die auf diese Krankheitsart zurückzuführenden Fehlzeiten der Beschäftigten sind zwar stetig gestiegen – allerdings gegenläufig zu Ergebnissen aus großen Bevölkerungsstudien, die keine Zunahme der Prävalenz von psychischen Erkrankungen in den vergangenen Jahren feststellen. Gleichzeitig wandelt sich die Arbeitswelt in vielen Bereichen, was neue Anforderungen besonders an die psychische Gesundheit und Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten stellt.

Gründe genug also, im Schwerpunktthema des BKK Gesundheitsreports psychische Belastungen und Erkrankungen insbesondere im Arbeitskontext in den Fokus zu rücken, aber auch psychisch gesunderhaltende bzw. gesundheitsförderliche Faktoren zu benennen. Um dem nachzugehen, wird in dieser, mittlerweile 43. Ausgabe des BKK Gesundheitsreports die gesundheitliche Lage der BKK Versicherten im Allgemeinen sowie anhand von zusätzlichen Sonderanalysen speziell in Hinblick auf die psychische Gesundheit von Beschäftigten betrachtet. Außerdem erweitern und bereichern wieder Beiträge zahlreicher Gastautoren aus Wissenschaft, Politik und Praxis den BKK Gesundheitsreport mit ihrer Expertise zum Schwerpunktthema. Es wird aufgezeigt, wo Handlungsbedarf in punkto psychische Gesundheit in der Arbeitswelt besteht, aber auch welche Lösungsansätze für die Gestaltung von gesunder Arbeit bereits bestehen.

Interviews zum Thema hören Sie in unserem Podcast.

Der Beitrag enthält Originalzitate von:

  • Franz Knieps, Vorstand BKK Dachverband e.V., Berlin
  • Dirk Rennert, Leiter Gesundheitsberichterstattung BKK Dachverband e.V., Berlin
  • Dr. Matthias Richter, Referent Gesundheitsberichterstattung BKK Dachverband e.V., Berlin
  • Dr. Ulrich Birner, Leiter Fachreferat Psychosocial Health, Siemens AG, München
  • Prof. Dr. Holger Pfaff, Institut für Medizinsoziologie, Versorgungsforschungund Rehabilitationswissenschaft, Universität Köln

Transkript

Weltweit zeigen Studien, dass Arbeit einen hohen Stellenwert genießt, ganz unabhängig vom jeweiligen Kulturkreis. Aber was macht Arbeit mit uns, mit unserer Gesundheit? Sie verursacht Krankheiten – einerseits. Andererseits hält sie uns gesund. Diesen Widerspruch klärt der diesjährige Gesundheitsreport der Betriebskrankenkassen auf. Der genaue Blick zeigt: Es sind die Bedingungen, unter denen wir arbeiten, die den Ausschlag geben über Weh und Wohlergehen, besonders was unsere seelische Verfassung anbelangt.

OT1     Prof. Pfaff       Generell muss man sagen, dass Arbeit eher gesund macht als krank macht. Darauf deuten die Arbeitslosigkeitsstudien hin aber auch die Verrentungsstudien. Man braucht als Mensch die Arbeit, wenn die Arbeit fehlt wird man krank. Unter bestimmten Bedingungen, wenn die Bedingungen sehr gesundheitsgefährdend sind, dann macht auch Arbeit krank. Aber in der Regel gilt: Arbeit macht gesund!

SPRECHER                   … sagt Holger Pfaff, Professor am Institut für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft der Universität zu Köln. Gleichsam macht uns die heutige Arbeitswelt durchaus zu schaffen, entgegnet Dirk Rennert. Er ist Leiter der Gesundheitsberichterstattung beim BKK Dachverband:

OT2     Rennert           Die Fehltage aufgrund psychischer Störungen steigen seit Jahren stetig an und haben sich in der letzten Dekade mehr als verdoppelt. Im gleichen Zeitraum hat sich aber laut Bevölkerungsstudien etwa vom Robert Koch Institut die Anzahl der Erkrankten gar nicht verändert – scheint ein Widerspruch, ist aber keiner!

SPRECHER                   Kein Widerspruch? Franz Knieps, Vorstand des Dachverbands der Betriebskrankenkassen, klärt auf:

OT3     Knieps             Zum einen weiß man heute mehr über psychische Erkrankungen und ist sicherer in der Diagnose. Zum anderen haben psychische Erkrankungen auch etwas das Stigma verloren. Es ist kein Tabu mehr, über psychische Erkrankungen zu reden und entsprechend klarer können auch Diagnosen gefasst sein, die sich früher dann vielleicht hinter Migräne, Kopfschmerzen, Unwohlsein verborgen haben.

SPRECHER                   Migräne, Kopfschmerz, Unwohlsein – tatsächlich verbirgt sich dahinter nicht selten ein seelisches Leiden. Dr. Matthias Richter, Referent für die Gesundheitsberichterstattung beim BKK Dachverband:

OT4     Richter             Die Fehlzeiten aufgrund psychischer Störungen werden von zwei Krankheitsarten dominiert. Zum einen sind das die neurotischen, Belastungs- und somatoformen Störungen. Darunter fallen Zwänge, Ängste und Belastungsreaktionen zum Beispiel auf Traumata oder Lebenskrisen. Die zweite Gruppe sind die affektiven Störungen. Darunter sind die Depressionen im Wesentlichen zu zählen. Beide Krankheitsgruppen sind zusammen für über 90 Prozent aller Fehlzeiten aufgrund psychischer Störungen verantwortlich.

SPRECHER                   So sehr die Diagnose ernüchtert, sieht BKK Vorstand Franz Knieps dennoch die Chance, Arbeit positiv, im Sinne der Gesundheit, zu gestalten:

OT5     Knieps             Der eine Punkt ist, dass die Menschen die Arbeit als Entfaltung ihrer Möglichkeiten ansehen, dass sie Autonomie haben, was sie wann, wie machen können, dass der Freiraum groß ist. Die andere Bedingung ist, dass die jeweilige Führungskraft Gesundheit bewusst zum Teil der Führungsarbeit macht, dass sie sich kümmert um die gesundheitlichen Belange, dass sie Dinge frühzeitig erkennt und dass sie bei der Förderung die Gesundheit in den Vordergrund stellt.

SPRECHER                   Beispiel Siemens. Digital werden dort Manager geschult, auf seelische Leiden zu reagieren – unter dem Motto #Hashtag Breaking the Silence! Dr. Ulrich Birner, Leiter des Fachreferats Psychosocial Health der Siemens AG:

OT6     Birner              Führungskräfte lernen hier sehr genau hinzuschauen, Veränderungen wahrzunehmen und werden ermutigt diese Veränderung anzusprechen, also nicht irgendwelche Vermutungen anzustellen oder mit irgendwelchen Diagnosen gar zu kommen, sondern einfach nur die Mitarbeitenden auf diese Veränderungen anzusprechen und den Mitarbeitenden so die Gelegenheit zu geben sich zu öffnen oder auch zu sagen: Nein, da möchte ich jetzt nicht darüber sprechen! 

SPRECHER                   Hinsehen, ansprechen … zu erkennen, dass ein Kollege seelisch leidet, ist gar nicht mal so schwer:

OT7     Birner              Psychische Störungen lassen sich in einem Arbeitskontext manchmal fast besser erkennen als in einem privaten, denn man kennt die Kollegen über längere Zeit, kennt ihr Leistungsverhalten, kennt ihr Sozialverhalten. Und wenn das sich verändert, wenn mehr Fehler stattfinden, wenn sich Personen zurückziehen, wenn sie weniger gepflegt am Arbeitsplatz erscheinen, wenn sie stärker emotional sind, wenn sie früher vielleicht kontrollierter waren, öfter krank sind, mit den Gedanken woanders sind. Und wenn sich so etwas über längere Zeit häuft, dann ermutigen wir Kolleginnen und Kollegen und Führungskräfte den Betroffenen anzusprechen und zu sagen: Du, mir fällt einfach auf du veränderst dich! Ist denn irgendwas?

SPRECHER                   Eine Ermutigung, die sich durchaus für Unternehmen rechne, so der Kölner Medizinsoziologe Prof. Holger Paff:

OT8     Prof.Pfaff       Wir haben direkte Kosten, das sind die Absentismus-Kosten. Die Leute fehlen bei der Arbeit. Und die Präsentismus-Kosten sind die Kosten, die entstehen durch Anwesenheit bei der Arbeit, obwohl eine Krankheit da ist. Das kann sich eben auswirken auf die Konzentrationsfähigkeit, die Leistungsfähigkeit bei der Arbeit. Und wenn diese eingeschränkt ist, haben wir oft das zwei- bis Dreifache der Kosten der direkten Abwesenheit von der Arbeit.

SPRECHER                   Arbeit bereichert – und das nicht bloß materiell. Das gelungene Zusammenspiel von Führungskraft und Mitarbeitenden kann dabei, bildlich gesprochen, wie ein Antidepressivum wirken, sei’s in Gestalt von e-Learnings oder dem persönlichen Gespräch. BKK Vorstand Franz Knieps mit einem Fazit:

OT9     Knieps             Ich muss schon eine Hemmschwelle überwinden, eine Hemmschwelle bei mir als Führungskraft und auch eine Hemmschwelle bei dem jeweiligen Mitarbeiter oder der Mitarbeiterin, die sich ja oft nicht freiwillig offenbart. Aber ich habe positive Erfahrungen damit gemacht, das Thema ganz offen anzusprechen und zu fragen: Was kann denn das Unternehmen tun? Gibt es Dinge, die wir abstellen können? Und dann muss man in die Diskussion kommen, welche gesundheitlichen Angebote, ärztliche Betreuung, psychologische Betreuung, gegebenenfalls