Audiobeiträge

Das BKK-System braucht seine Innovationskraft im Vergleich mit anderen Kassenarten nicht zu scheuen. Über 60 Betriebskrankenkassen beteiligen sich aktiv an 37 Projekten des Innovationsfonds. Exemplarisch stellte die Veranstaltung BKK INNOVATIV: Halbzeit beim Innovationsfonds – Rückblick und Zukunftsperspektive drei geförderte Innovationsprojekte und deren erste Erkenntnisse vor. Im Vordergrund aller Projekte steht die Patientenperspektive und die Verbesserung der Versorgung.


„Durch die Projekte des Innovationsfonds wurde eine Kooperationskultur innerhalb des BKK-Systems ausgelöst und befördert, die es vorher so nicht gab. Ein wichtiger Effekt dieser Kooperation ist, dass innovative Versorgungsprojekte zu Themen entwickelt werden konnten, die für Trägerunternehmen eine große Bedeutung haben und für eine größere Zahl dieser Unternehmen verfügbar gemacht werden konnten. Solche Projekte haben damit auch eine strategische Bedeutung für die Betriebskrankenkassen und stärken das BKK-System im Verhältnis zu anderen Kassenarten“, erklärt Franz Knieps, Vorstand des BKK Dachverbandes. 

O-TON-Footages von Herrn Franz Knieps, Vorstand BKK Dachverband und Prof. Dr. Holger Pfaff, Universität zu Köln, zum Thema Innovationsfonds finden Sie hier.

Interview Hr. Kniep


 

Transkript des Beitrages:

ANMODERATION

Wie wollen wir leben? Wie unsere Standards in einer sich verändernden Welt erhalten? Antworten darauf berühren ganz maßgeblich die Frage nach der Versorgung – sei’s bei der Ernährung, Energie oder auch der Gesundheit, der Versorgung mit Gesundheitsleistungen. Veränderte Bedingungen zwingen andere, neue Konzepte, neudeutsch: Innovationen. Zu diesem Zweck hat die Bundesregierung den sogenannten Innovationsfonds aufgelegt. Ziel ist Projekte innerhalb der gesetzlichen Krankversicherung zu fördern, die neue Formen und Wege der Versorgung einschlagen.


Dazu begrüße ich Holger Pfaff. Er ist Professor für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft an der Universität zu Köln. Gleichzeitig sitzt er dem Expertenbeirat vor, der die neuen, innovativen Versorgungsprojekte wissenschaftlich berät und Empfehlungen zur Förderung ausspricht.

FRAGE 1       
Herr Prof. Pfaff, der Begriff Innovation lässt viel Spielraum. Wie lässt sich feststellen, ob ein Projekt tatsächlich innovativ ist?

OT1           
Es gibt verschiedene Definitionen von Innovation. Die wichtigste ist, dass Innovation nicht bloß aus einer Neuerung besteht. Die Innovation ist erst dann eine Innovation, wenn sie sich im Markt durchgesetzt hat. Generell unterscheiden wir im Versorgungsbereich zwischen Strukturinnovation, dann hat man neue Strukturen, zum Beispiel neue Zentren, medizinische Versorgungszentren. Oder neue Prozesse, neue Abläufe, dann sprechen wir von Prozessinnovation. Der Innovationsfonds geht also vor allem in Richtung neuer Prozess- und Strukturinnovationen.

FRAGE 2       
Sie sagten, Innovationen müssen sich am Markt durchsetzen, Erfolg haben. Wie zeigt sich, ob ein Versorgungsprojekt wirklich erfolgreich ist?


OT2          
Den Erfolg eines Projekts kann daran festmachen, ob es erstens läuft im Sinne dass alle Dinge, die man sich vorgenommen hat, tatsächlich realisiert werden. Der zweite Punkt ist, gibt es entsprechende Ergebnisse dieser neuen Struktur und neuen Prozesse. Sehen wir also Verbesserungen in der Patientenzufriedenheit, in der Patientenzentrierung, in den Abläufen und Prozessen. Ich sage immer, die Maschine muss stehen. Und zweitens muss die Maschine gut produzieren und gute Ergebnisse, gute Produkte liefern – das ist die zweite Bedingung. Und die zweite Bedingung werden wir durch die Evaluation feststellen.

FRAGE 3       
Der Innovationsfonds fördert zwar neue Projekte, ist aber zeitlich begrenzt. Ende war ursprünglich 2019. Jetzt soll’s noch ein wenig weitergehen. Nur sollte das Ziel von Innovationen sein, dass sie uns allen und zwar unbefristet zugutekommen, sprich, in die Regelversorgung gelangen. Wie kann das gelingen?


OT3          
Wir werden es am Schluss mit einem relativ großen Luxusproblem zu tun haben, dass viele Projekte erfolgreich sind. Dann stellt sich die Frage, welches dieser Projekte soll tatsächlich in die Realität umgesetzt werden. Dazu müssen die Krankenkassen und auch andere Akteure priorisieren. Die andere Aufgabe ist es, Know-how, was in den einzelnen Modellprojekten jetzt gesammelt wird, dass das nicht verloren geht. Wir müssen also die Leute nach den drei Jahren erst einmal weiterbeschäftigen in den erfolgreichen Projekten, damit sie mithelfen die Idee dieses Projektes in ganz Deutschland zu verbreiten.

FRAGE 4        
Ideen, Know-how zu verbreiten ist die eine Seite – die andere deren konkrete, flächendeckende Umsetzung – auch eine Kostenfrage?

OT4           
Die entscheidende Frage ist: Wie kann man ein Projekt, das in Bayern funktioniert hat, nach Niedersachsen transportieren? Für all diese Aktivitäten braucht man Geld. Und das kann nicht aus dem Innovationsfonds bezahlt werden. Kurz gesagt: Alle Folgekosten, die notwendig sind, um die erfolgreichen Projekte in die Fläche zu bringen, sollten vom Gesundheitsfonds bezahlt werden – das ist meine Meinung.

FRAGE 5       
Sprich, auch der Staat steht in der Pflicht zusätzliche Mittel bereit zu stellen und nicht allein die gesetzlichen Kassen, die den Innovationsfonds ausschließlich finanzieren – habe ich Sie richtig verstanden?

OT5           
Wenn es darum geht erfolgreiche Projekte in die Regelversorgung zu bringen, sind mindestens zwei Dinge erforderlich: Erstens müssen die Know-how-Träger in den Modellprojekten weiterfinanziert werden, damit ihr Wissen nicht verloren geht. Zweitens müssen Implementierungen stattfinden in den einzelnen Regionen. Für diese Implementierungsmaßnahmen können nicht die Kassen verantwortlich gemacht werden. Hier muss die Bundesregierung und der Staat herangezogen werden, um die Verbreitung in der Fläche sicherzustellen.