Audiobeiträge

Interview mit Dipl.-Psych. Dirk Rennert; Referent Datenmanagement, Empirie, IT beim BKK Dachverband e. V. in Berlin.

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TRANSKRIPT

Fragekomplex I a AU - Total

F1 Während der letzten Jahre stiegen Krankentage in den Betrieben – wenn auch leicht. Sie haben die Zahlen für 2014. Bestätigt sich der Trend?  

A1 Die Krankentage haben im Jahr 2014 im Vergleich zum Vorjahr leicht abgenommen um zirka einen halben Tag pro Mitglied. Primär ist das auf die ausbleibende Grippewelle in 2014 zurückzuführen.

F2 Welche Erkrankungen verursachen die Fehltage?

A2 Nach wie vor auf Platz 1 stehen die Muskel- und Skeletterkrankungen mit zirka einem Viertel aller AU-Tage. Danach kamen bisher die Atemwegserkrankungen, jetzt abgelöst durch die psychischen Störungen mit zirka 15 Prozent aller AU-Tage. Diese Krankheitsgruppe dauert im Durchschnitt pro Fall 40 Tage.

Fragekomplex I b AU – Regionale Verteilung

F3 In welchen Bundesländern/Regionen treten die meisten Fehltage auf?

A3 Die meisten Fehlzeiten treten nach wie vor in den neuen Bundesländern auf. Beispielhaft sei hier genannt: Brandenburg und Sachsen-Anhalt mit besonders hohen Raten. Bei den psychischen Störungen zeigt sich da ein etwas anderes Bild. Da sind auch die Alt-Bundesländer stark betroffen wie zum Beispiel Bayern, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz.

F4 Wie lässt sich dieses deutliche Ost-West- bzw. Nord-Süd-Gefälle erklären?

A4 Die Erklärungsansätze sind zum Beispiel ältere Beschäftigte oder schwierigere Beschäftigungssituationen vor allem in den neuen Bundesländern. Für den BKK-Gesundheitsatlas haben wir zudem die medizinische Versorgung vor Ort untersucht und haben festgestellt, dass da, wo es besonders viele Haus- und Fachärzte gibt, auch besonders häufig psychische Störungen diagnostiziert werden.

Fragekomplex II a Psychische Störung - Total

F5 Wie haben sich die Fehlzeiten aufgrund psychischer Störungen in den vergangenen Jahren entwickelt?

A5 Die Fehlzeiten bei den psychischen Störungen haben in den letzten Jahren rasant zugenommen. Wir haben allein in den letzten zehn Jahren eine Zunahme von 135 Prozent zu verzeichnen. Keine andere Krankheitsgruppe kann da mithalten.

F6 Inwiefern bereiten Fehlzeiten wegen psychischer Störungen überhaupt ein Problem?

A6 Psychische Störungen – da handelt es sich meist um langwierige Erkrankungen. Das bedeutet meist langwierige Therapien. Unter Umständen muss man auch lebenslang Arzneimittel einnehmen. Und man kann sich vorstellen, dass die Rückkehr zur Arbeit dann nicht leichtfällt

Fragekomplex II b Psychische Störung – Regionale Verteilung

F7 Wie verteilen sich die Diagnosen psychischer Störungen in den Regionen?

A7 Auffällig ist vor allem die Häufung psychischer Störungen in den großstädtisch geprägten Regionen. An der Spitze zu nennen ist hier Hamburg mit 2,9 Fehltagen pro Versicherten. Aber auch Großstädte wie Berlin oder München oder auch Bremen sind hier mit zu nennen.

F8 Worin sehen Sie die Gründe für diese regionalen Unterschiede?

A8 Neben dem Alter und der Beschäftigtenstruktur haben wir unter anderem im BKK-Gesundheitsatlas auch die medizinische Versorgung vor Ort untersucht. Wir konnten feststellen, dass je mehr Haus- und Fachärzte vor Ort sind, desto häufiger auch psychische Störungen diagnostiziert werden.

Fragekomplex II c Psychische Störung – Verteilung Gruppen

F9 Welche gesellschaftlichen Gruppen weisen die stärkste Zunahme bei psychischen Störungen auf.

A9 Insbesondere Arbeitslose und Rentner sind besonders häufig von psychischen Störungen betroffen. Hier konnten wir besonders hohe Werte feststellen. Aber auch die Gruppe der 20- bis 24-jährigen, die klassischen Berufseinsteiger weisen besonders viele Krankentage aufgrund psychischer Störungen auf.

F10 Welche Berufsgruppen zeigen sich am anfälligsten für psychische Störungen bzw. weisen dahingehend die meisten Fehltage auf?

A10 Beschäftigte im Dienstleistungsgewerbe weisen mehr psychische Störungen auf als solche im verarbeitenden Gewerbe. Im Dienstleistungsgewerbe besonders hervorzuheben sind Gesundheits- und Sozialwesen, öffentliche Verwaltung, aber auch die Postdienste. Dagegen ist zum Beispiel im Baugewerbe eine relativ niedrige Betroffenenquote festzustellen.

Fragekomplex III Burnout & Ausblick

F11 Im Kontext psychischer Störungen macht vor allem in der Arbeitswelt ein Begriff die Runde: Burnout. Wie haben sich in diesem Bereich die Zahlen entwickelt?

A11 In den letzten zehn Jahren konnten wir bei den Krankentagen einen kontinuierlichen Anstieg bei den Burnout-Fällen beobachten, wobei wir in den letzten zwei bis drei Jahren uns eher auf einem gleichen Niveau bewegen. Interessanterweise sind hier vor allem Selbständige und Personen in mittleren und höheren Führungspositionen betroffen.

F12 Wagte man einen Ausblick – wie sehen Sie in Zukunft sich die Krankschreibungen wegen psychischer Störungen entwickeln?

A12 Krankentage aufgrund Rückenleiden haben in den letzten Jahren kontinuierlich abgenommen. In den Betrieben wird einfach mehr für Rückenleiden getan. Dagegen haben psychische Störungen zwar zugenommen, aber man muss sagen, dass sie auch gleichzeitig stärker wahrgenommen werden. Somit besteht die Hoffnung, dass sie auch in den Betrieben stärker und frühzeitig wahrgenommen werden.