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Interview mit Franz Knieps zum BKK Gesundheitsreport 2015

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Transkript

Fast die Hälfte aller Fehltage bei den beschäftigten BKK Mitgliedern geht auf das Konto von Langzeiterkrankungen mit einer Dauer von mehr als sechs Wochen. Das zeigt der aktuelle Gesundheitsreport der Betriebskrankenkassen. Vor zehn Jahren lag deren Anteil noch fünf Prozentpunkte niedriger. Herr Knieps, Sie sind Vorstand des BKK Dachverbands. Wo sehen Sie Gründe und Ursachen für diese kräftige Zunahme?

KNIEPS Langzeiterkrankungen, Erkrankungen über sechs Wochen, haben keine monokausalen Ursachen, sondern sind häufig das Ergebnis unterschiedlicher beruflicher und persönlicher Situationen, gepaart mit speziellen Belastungen, aber häufig auch entstehend oder gefördert durch ein sehr stark fragmentiertes Gesundheitssystem.

Inwiefern fördert das, wie Sie sagten, stark fragmentierte Gesundheitssystem Langzeiterkrankungen – wo liegt das Problem?

KNIEPS Ich sehe die hauptsächlichen Probleme darin, dass unsere gesamte Organisation auf Säulen aufgebaut ist, Hausarzt, Facharzt, Krankenhaus, Arzneimittelversorgung und nicht Patienten orientiert, als eine Art workflow organisiert. Also der Patient geht zum Hausarzt, von dort wird er überwiesen an den Facharzt. Der Facharzt informiert den Hausarzt über die wesentlichen Dinge, die er festgestellt hat und macht. Krankenhausaufenthalt wird nur nach einem Konzil mit Facharzt, Hausarzt und Patienten vorgenommen. Häufig weist der Patient sich selber ein, weil er zu lange auf einen Termin warten muss, weil er am Wochenende keinen direkten Ansprechpartner findet. Aus dem Krankenhaus erfolgt nur langsam eine Information an den Hausarzt oder behandelnden Facharzt. Es dauert Monate bis der maschinell geschriebene Arztbrief dort anläuft. Die elektronische Vernetzung zwischen den Akteuren ist nur unzureichend ausgebildet.

Bedeutet das, dass wir uns auch künftig auf eine Zunahme von Langzeiterkrankungen einstellen müssen?

KNIEPS Ja, das müssen wir! Wir wissen, dass mit steigendem Alter Langzeiterkrankung und Chronifizierung zunimmt. Wir wissen, dass die Bevölkerung altert, die Lebenserwartung steigt. Das heißt, der Anteil von Langzeiterkrankungen wird auch weiterhin zunehmen.

Wo sehen Sie innerhalb des Gesundheitssystems Möglichkeiten diesen langwierigen oder auch chronischen Erkrankungen entgegenzusteuern?

KNIEPS Ich sehe zwei Möglichkeiten den Langzeiterkrankungen entgegenzusteuern. Die erste Möglichkeit ist die deutliche Ausweitung von Gesundheitsförderung und Prävention, damit diese Krankheiten gar nicht erst entstehen, damit sie möglichst spät entstehen und damit der Verlauf nicht schnell schwierig wird. Da kann man sehr, sehr viel machen durch eine Kombination von Verhaltens- und Verhältnisprävention. Der zweite Punkt ist, wir müssen die Vernetzung der Versorgung verbessern. Es muss jemand da sein, der diese Versorgung koordiniert, der zentraler Ansprechpartner ist für den Patienten. Und der Patient muss systematisch durch das System geleitet werden und nicht spontan mal da aufschlagen, mal dort aufschlagen.

Welche Rolle spielt der Gesetzgeber? Anders gefragt: Auf welche Kernpunkte sollte sich Gesundheitspolitik konzentrieren, um Menschen mit Langzeiterkrankungen eine bessere Versorgung zu ermöglichen?

KNIEPS Gesundheitspolitik muss erst einmal zur Kenntnis nehmen, dass sich das Leitbild der Versorgung ändern muss, weg von der Akuterkrankung, hin zur chronischen Erkrankung, zu Multimorbidität mit Langzeitwirkung. Wenn dieses Leitbild anders wird, dann werden sich auch Maßnahmen verändern. Zum Zweiten muss Politik eine moderierende Rolle spielen. Man hat außerordentlich positive Erfahrungen mit dem nationalen Krebsplan gemacht. Warum setzt sich Hermann Gröhe, der Bundesgesundheitsminister, nicht an die Spitze derjenigen, die einen Masterplan chronischer Erkrankungen, Langzeiterkrankungen fordern und die so etwas einleiten? In einer Zeit wo wesentliche Teile des Koalitionsvertrages abgearbeitet sind, bestände nach meiner Ansicht ausreichend Spielraum, dass das Bundesministerium für Gesundheit einen solchen Masterplan zur Chefsache erklärt.

Und wie sähe ihrer Meinung nach ein solcher Masterplan aus?

KNIEPS Der Masterplan müsste damit beginnen, dass man die Betroffenen mal zu Wort kommen lässt, dass man die Erfahrungen, die normale in Anführungsstrichen Patientinnen und Patienten mit dem Gesundheitssystem machen, wenn sie chronisch krank werden, wenn sie mehrere Erkrankungen haben, wenn sie lange krank sind, gemacht haben. Aus einer solchen Bestandsaufnahme ließen sich eine Reihe von Mängeln abarbeiten. Wir sind ein extrem arbeitsteiliges Gesundheitssystem. Wenn man aber Mängel erkannt hat und die Mängel stark darauf zurückzuführen sind, dass schlecht miteinander kooperiert wird, dann besteht die Notwendigkeit die Leute an einen Tisch zu bekommen. Wenn man Sachen ändern will, muss man sich ein Ziel setzen und darüber entscheiden, was packe ich zuerst an und was sind Folgeschritte. Also Gesundheitsziele definieren und daraus praktische Maßnahmen ableiten, längerfristige Maßnahmen, kurzfristige Maßnahmen. Dann nach einer Zeit wieder zusammenkommen und zu sagen, was hat sich geändert, was hat gut funktioniert und warum, was hat nicht funktioniert und warum. Und dann an der Beseitigung dieser Mängel weiterarbeiten und Jahr für Jahr zusammenkommen und zu sagen Kurs stimmt noch oder muss korrigiert werden, Tempo stimmt oder muss erhöht oder verlangsamt werden und für das Folgejahr nehmen wir uns die und die Dinge vor.