Audiobeiträge

Interview mit Prof. Dr. Frank Jacobi, Professur für Klinische Psychologie / Schwerpunkt Verhaltenstherapie, Psychologische Hochschule Berlin und Dipl.-Psych. Julia Bretschneider, Psychologische Hochschule Berlin.

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TRANSKRIPT

Fragekomplex I (Jacobi) PS – Grundlagen/Rates

F1 Psychische Störungen erhalten seit einigen Jahren eine zunehmende, mediale Aufmerksamkeit. Der Tenor: Menschen fallen aus, da sie den Anforderungen im Job immer weniger gewachsen scheinen. Haben psychische Störungen tatsächlich zugenommen?  

A1 Zunächst einmal sehen wir eine sehr verstärkte Aufmerksamkeit gegenüber psychischen Störungen, gerade auch im beruflichen Bereich, dass Leute heute häufiger krankgeschrieben werden deswegen. Krankschreibungen haben definitiv zugenommen!

F2 Woran liegt das?

A2 Heute gibt es in vielen Berufen, insbesondere im Dienstleistungsbereich, höhere Anforderungen an emotionale Beteiligung, an Kommunikation und Ähnlichem, was früher noch nicht so sehr gefordert war. Und Leute mit psychischen Störungen, zum Beispiel mit sozialen Ängsten etwa, haben deswegen auch heute deutlich mehr Stress und deutlich mehr Probleme im Arbeitskontext als das früher der Fall war, wo sie vielleicht ganz einfach durchs Leben gekommen sind.

F3 Sie betonten anfangs, dass die Krankschreibungen aufgrund psychischer Störungen zugenommen haben. Weshalb die Betonung auf Krankschreibung – gilt das nicht auch für die psychischen Störungen insgesamt?

A3 Interessanterweise haben wir solche hohen Raten psychischer Störungen auch schon vor 15, 20 Jahren in epidemiologischen Studien gefunden, das heißt, in Bevölkerungsstudien, wo wir ungeachtet dessen, ob die Leute wirklich krankgeschrieben sind, die Leute untersucht haben. Das heißt, psychische Störungen waren damals auch schon genauso verbreitet wie heute, sind aber noch nicht so oft aufgefallen und diagnostiziert worden.

Fragekomplex II (Jacobi) PS – Verteilung Gruppe

F4 Welche Teile der Gesellschaft oder auch Berufsgruppen sind vermehrt von psychischen Störungen betroffen?

A4 Zum einen sind insbesondere Berufsgruppen im Dienstleistungsbereich betroffen, in denen vermehrte Emotionsarbeit geleistet werden muss, zum Beispiel indem man ständig im Servicebereich ganz freundlich zu sein hat, obwohl man sich gerade gar nicht so gut fühlt. Zum anderen sind auch im Pflege- und sozialen Bereich Tätige betroffen, die einem enormen Zeitdruck heute ausgesetzt sind und ständig durch Qualitätssicherungsmaßnahmen überwacht werden und dort in Schwierigkeiten kommen, ihre Aufgaben erledigen zu können.

F5 Dienstleistungs- und sozialer Bereich, sagen Sie, immerhin recht große Berufsgruppen in der Gesellschaft – also ein gesamtgesellschaftliches Problem?

A5 Psychische Störungen müssen mittlerweile als Volkskrankheiten bezeichnet werden. Nicht nur, weil sie ausgesprochen häufig sind, sondern weil sie auch mit sehr hohen, indirekten Kosten verbunden sind. Die Krankheitslast besteht zum Beispiel in einer sehr hohen Rate von Frühberentungen, mittlerweile fast jeder zweite Fall durch psychische Störungen. Und viele Krankschreibungen, da insbesondere bei psychischen Störungen, anders als bei körperlichen Erkrankungen, auch Junge und Mittelalte besonders betroffen sind.

Fragekomplex III (Jacobi) PS – Verteilung Region

F6 Wie verteilen sich die Diagnosen psychischer Störungen in den Regionen?

A6 Betrachtet man sich die Krankschreibungszahlen oder auch die Diagnosezahlen der Krankenkassen gibt es ganz erhebliche Variationen zwischen verschiedenen Regionen. Interessanterweise aber in unseren epidemiologischen Studien kaum. Einen, den wir aber auch regelmäßig finden, sind erhöhte Raten mancher Diagnosen im großstädtischen Bereich gegenüber ländlichen Bereichen.

F7 Wo sehen Sie die Gründe psychischer Störungen gerade im großstädtischen Raum?

A7 Dass man zum Beispiel Depressionen oder auch so genannte psychotische Störungen in Großstädten häufiger findet, hängt mit zwei Perspektiven zusammen: Zum einen gibt es dort mehr Stressfaktoren wie etwa soziale Benachteiligung oder mangelnden sozialen Zusammenhalt. Andererseits zieht es offensichtlich auch vorbelastete und anfälligere Personen vermehrt in Großstädte.

Fragekomplex IV (Bretschneider) PS – Burnout

F8 Im Kontext psychischer Störungen macht vor allem in der Arbeitswelt ein Begriff die Runde: Burnout. Was ist das eigentlich? Was meint man damit?

A8 Ja, das ist eine gute Frage! Bisher gibt es tatsächlich keine einheitlichen, diagnostischen Kriterien und Messinstrumente dafür. Und eigentlich handelt es sich beim Burnout auch nicht um eine offizielle Diagnose. Es ist im Gegenteil so, dass Burnout häufig eher mit anderen psychischen Störungen einhergeht oder sich überlappt, könnte man sagen, wie zum Beispiel Angsterkrankungen oder depressiven Erkrankungen. Und entsprechend wird in Deutschland auch häufig eine Depression eher als Burnout bezeichnet.

F9 Welche Berufsgruppen sehen Sie am häufigsten und aus welchen Gründen vom Burnout betroffen?

A9 Der Begriff Burnout stammt ursprünglich aus dem Pflegebereich und auch heute ist es ja so, dass er vor allem eben mit der Arbeitswelt in Verbindung gebracht wird. Stichwort: Manager-Burnout oder Manger-Depression zum Beispiel. Und tatsächlich ist es so, dass vor allem Männer mit einem hohen sozioökonomischen Status häufiger von einem Burnout berichten. Nun ist aber die Frage: Sollte man eine psychische Störung tatsächlich über die Arbeit definieren, oder sollte man nicht eher umgedreht schauen, welche spezifischen Belastungsfaktoren auf Arbeit tragen denn dazu bei, dass man eine psychische Störung wie eben auch eventuell eine Depression entwickelt.

Fragekomplex V (Jacobi & Bretschneider) Fazit & Ausblick

F10 Auch nehmen die Krankschreibungen zu, erhalten psychische Probleme noch immer nicht die gesellschaftliche Akzeptanz wie etwa körperliche Erkrankungen. Wie lässt sich dem entgegensteuern?  

A10(J) Wir dürfen nicht vergessen, dass psychische Störungen auch ungünstige Auswirkungen auf körperliche Erkrankungen haben können. Personen mit körperlichen Erkrankungen sind zum Beispiel deutlich länger krankgeschrieben, wenn zusätzlich noch eine psychische Diagnose vorliegt. Und manche psychischen Diagnosen wie Nikotinabhängigkeit oder Alkoholabhängigkeit haben auch enorme Zusatzfolgeprobleme im körperlichen Bereich. So gesehen sollten wir die psychische Gesundheit im Teil der Gesamtgesundheit unserer Gesellschaft einen größeren Raum einräumen.

A10(B) Dass psychische Störungen heute häufiger als früher diagnostiziert werden hat auch etwas Gutes. So ist möglicherweise in den letzten Jahren auch die Hemmschwelle gesunken wegen psychischen Beschwerden oder psychischen Problemen zum Arzt zu gehen und Hilfe aufzusuchen. Und das könnte auch bedeuten, dass Betroffene heute weniger Angst vor Stigmatisierung haben.