Audiobeiträge

Interview mit 

  • Franz Knieps, Vorstand BKK Dachverband, Berlin
  • Kathrin Wormann, Vorständin Brandenburgische BKK, Frankfurt/O.
  • Dr. Ulrich Müller, Präsident IHK Ostbrandenburg, Frankfurt/O.
  • Till Frohne, Geschäftsführer Städtisches KKH Eisenhüttenstadt
  • Dr. Matthias Kretzschmar, Chefarzt Innere Medizin Städtisches KKH Eisenhüttenstadt

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Transkript

SPRECHER Reich an Seen, unendliche Wälder, malerische Dörfer – die Kulisse so mancher Region Ostdeutschlands ist atemberaubend. Atemberaubend ist allerdings auch der demografische Wandel, der diesen Regionen zusetzt. Die Jungen gehen, zurück bleiben die Älteren. Es fehlt an Fachkräften, an Unternehmen, an Ärzten. Dr. Ulrich Müller, Präsident der Industie- und Handelskammer Ostbrandenburg in Frankfurt/Oder:

MÜLLER Wir haben in den letzten zehn Jahren eine Verringerung der Auszubildenden um die Hälfte. Das heißt also: 50 Prozent derer, die vor zehn Jahren noch eine Ausbildung gesucht haben, sind heute noch da. Auf der anderen Seite werden immer mehr Ältere vorzeitig in den Ruhestand gehen, so dass wir von zwei Seiten den Druck haben, auf den wir reagieren müssen.

SPRECHER Zahlen, die nachdenklich stimmen. So wird jeder dritte Unternehmer im Landkreis Oder-Spree in den kommenden zehn Jahren den Ruhestand antreten. Gleiches Bild bei den Ärzten. Kathrin Wormann, Vorständin der Brandenburgischen BKK:

WORMANN Langsam stoßen wir an unsere Grenzen. Es gibt jetzt noch 50 niedergelassene Ärzte in Eisenhüttenstadt, 19 davon sind über 60, acht sind bereits 65 und älter. Und wenn da kein neuer Nachschub, sprich, wenn neue, junge Ärzte nicht in den nächsten Jahren in die Region kommen, dann wird es auch für uns problematisch, die Versorgung sicherzustellen.

SPRECHER Soweit die Beschreibung des Problems. Und das Gegenkonzept? Nein, ein Patenrezept gebe es nicht, sagt Kathrin Wormann. Wohl aber pragmatische Lösungen je nach Situation und Bedarf – ein Beispiel:

WORMANN Vor fünf Jahren hat der letzte Kardiologe in Eisenhüttenstadt seine Praxis geschlossen. Wir standen vor der Herausforderung, insbesondere für unsere älteren Patienten, eine wohnortnahe Versorgung sicherzustellen. Wir haben die Lösung gefunden, dass wir uns mit dem Krankenhaus Eisenhüttenstadt an einen Tisch gesetzt haben und gefragt haben, ob eine ambulante Versorgung über die kardiologische Abteilung des Krankenhauses möglich ist. Das Krankenhaus hat Ja gesagt. Sie leisten seit 2010 die ambulante kardiologische Betreuung für die Versicherten der Brandenburgischen BKK. Und das waren nur in 2015 760 Untersuchungen, die dort geleistet worden sind.

SPRECHER Mehr Pragmatismus, Flexibilität, anstelle starrer Regularien. Das fordert auch Franz Knieps, Vorstand des Berliner BKK Dachverbands:  

KNIEPS Aus meiner Sicht ist die wichtigste Aufgabe der Politik, Dinge zu ermöglichen und nicht zu sagen, wir haben ein starres System nur mit Kollektivverträgen, nur mit Einzelpraxen, sondern die Politik muss sagen, ok, wenn sich hier ein Krankenhausarzt bereitfindet auch ambulant tätig zu werden, dann muss er diese Lücke füllen können. Und dann kann man nicht damit kommen: Ja, aber ambulante Versorgung wird nur durch niedergelassene  Ärzte sichergestellt. Wenn Ärzte bereit sind, sich auf Probleme zu spezialisieren, dann muss man das möglich machen, dann muss man das auch ausreichend vergüten.

SPRECHER Anreiz durch Vergütung – für Dr. Matthias Kretzschmar, Chefarzt für Innere Medizin am Städtischen Krankenhaus Eisenhüttenstadt, reicht das schon nicht mehr aus. Inzwischen gelte es auch und gerade in strukturschwachen Regionen, den Blick auf das soziale Umfeld künftiger Ärzte zu wahren:

KRETZSCHMAR Das ist eigentlich schon fast notwendig zu sagen: Wir suchen eine Wohnung, wir suchen Kindergartenplätze, wir suchen Arbeitsstellen für Ehepartner. Da muss unglaublich viel gemacht werden, sonst gehen die Kollegen natürlich in große Städte ….

SPRECHER …und da wäre noch die Arbeit selber. Berufe im Krankenhaus oder Pflegebereich belasten die Gesundheit überdurchschnittlich. Chefarzt Matthias Kretzschmar:

KRETZSCHMAR Wir haben Situationen, wo man schon fast sagen würde, wir sind gar nicht mehr richtig arbeitsfähig. Stellen Sie sich eine kleine Abteilung vor: Da sind acht Krankenschwestern. Zwei Krankenschwestern sind im Beschäftigungsverbot, weil sie schwanger geworden sind. Und jetzt werden noch zwei krank. Und Sie kriegen heutzutage nicht mehr innerhalb von 14 Tagen, vier Wochen, Ersatz für ausgefallene Kollegen. Und die verbliebenen Kollegen haben doppelte und dreifache Arbeit. Da ist natürlich eine Frage der Zeit, wo sie dann sagen: Ich kann nicht mehr! Und da finde ich die Idee, die entwickelt worden ist mit der BKK, ganz wichtig, dass man sagt: Ok, wir fragen die Kollegen, wir bieten denen Gesundheitsvorsorge an.

SPRECHER Gesundheitsvorsorge beispielsweise in Gestalt eines betrieblichen Gesundheitsmanagements. Till Frohne, Geschäftsführer des Eisenhüttenstädter Städtischen Krankenhauses, erläutert das Modell:

FROHNE Wir haben mit Hilfe der Brandenburgischen BKK eine Erhebung gemacht, welche Berufsgruppen betroffen sind – und das ist leider so: Gerade und besonders der pflegerische Dienst zeichnet sich durch einen hohen Krankenstand aus. Wir sind jetzt gezwungen, uns mit diesem Tatbestand auseinanderzusetzen und dann müssen wir da entsprechend drauf reagieren, bis hin zum Thema, warum steht denn der Schrank links und warum steht er nicht rechts? Warum werden denn Überkopfarbeiten gemacht und warum kann man nicht die ganze Situation nach unten ziehen? Weil – beispielsweise – eine der Hauptdiagnosen sind die orthopädischen Diagnosen.

SPRECHER Es beginnt im Kleinen. Der Eisenhüttenstädter Weg, sozusagen. Keine Blaupause für die gesamte Republik. Unterschiedliche Regionen erfordern unterschiedliche Lösungen, pragmatisch, flexibel, und auf die Betroffenen je zugeschnitten. Noch einmal der Vorstand des Berliner BKK Dachverbands, Franz Knieps, mit einem Plädoyer:

KNIEPS Friedrich Hölderlin hat mal gesagt: Wo die Not groß ist, wächst das Rettende auch. Und diese Region ist ja dynamisch. Die Leute sind veränderungsbereiter als in anderen Regionen, weil diese Veränderung aus den Mangelsituationen heraus erforderlich ist. Also für mich ist der Osten, sind diese Regionen, auch Avantgarde, weil hier Dinge gemacht werden, die woanders nicht gemacht werden, weil man hier beispielsweise, wenn man sich als junger Mediziner oder junge Medizinerin niederlässt, kriegt man einen Investitionskostenzuschuss von der Kassenärztlichen Vereinigung, möglicherweise kostenfrei eine Praxis plus Wohnung zur Verfügung gestellt, hier sind andere Freizeitmöglichkeiten, hier bin ich näher an der Natur. Nicht umsonst ziehen ja viele gestresste Berlinerinnen und Berliner ins Umland.

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