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Interview mit Franz Knieps, Vorstand BKK Dachverband e. V.

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Transkript

Die Bevölkerung in Deutschland schrumpft. Besonders betroffen sind die ländlichen Regionen Ostdeutschlands. Beispiel: Der Landkreis Oder-Spree rund um Frankfurt/Oder. In den vergangenen 10 Jahren verließ in der der Gruppe der 18 bis 30-jährigen jeder Vierte die Region. Die Jungen gehen, zurück bleiben Menschen im Rentenalter. Es fehlt an Fachkräften, fehlt an Unternehmen, an Ärzten.

FRAGE 1 Herr Knieps, Sie sind Vorstand des BKK Dachverbands in Berlin. Die Hauptstadt wächst. Gleich nebenan aber schlägt der demografische Wandel desto unerbittlicher zu. Wie stellt sich in Ihren Augen das Problem dar?

KNIEPS Also ich sehe demografischen Wandel nicht als Problem an. Dass Menschen älter werden und wir mehr ältere Menschen haben sehe ich erst einmal als einen Glücksfall für all diejenigen an, die in einer früheren Zeit früher verstorben wären. Aber es ist eine Herausforderung! Wir müssen unsere gesamten Strukturen und Prozesse wirklich im Kleinteiligen angucken und fragen: Sind die geeignet, die besonderen Probleme der Demografie zu bewältigen. Und sicherlich gibt’s tolle Sachen, die sehr hilfreich sind, aber es gibt auch Hindernisse. Die müssen wir identifizieren und müssen sie beseitigen.

FRAGE 2 Wo genau sehen Sie die Hindernisse, wo liegen die Schwierigkeiten?

KNIEPS Die Schwierigkeiten sehe ich darin zu erwarten, dass es eine Blaupause für die gesamte Republik gibt. Aber wenn man schon eine große Stadt sich ansieht, ich komme aus Berlin, in Charlottenburg ist die Welt völlig anders als in Berlin-Lichtenberg. In Brandenburg ist die Welt anders als in Potsdam und in Frankfurt/Oder. Und erst recht ist sie anders, wenn man von Frankfurt/Oder in kleinere Städte wie Eisenhüttenstadt geht oder aufs Land geht. Allein schon die Tatsache anzuerkennen, dass wir unterschiedliche Verhältnisse haben und dafür unterschiedliche Lösungen brauchen, ist für mich der wichtigste Schritt.

FRAGE 3 Jeder dritte Unternehmer im Landkreis Oder-Spree geht in den nächsten zehn Jahren in Ruhestand. Gleiches bei den Ärzten: Etwa 40 Prozent der niedergelassenen Ärzte in Eisenhüttenstadt sind über 60 Jahre. Wie lässt sich dem entgegentreten?

KNIEPS Sehr vielfältig! Man muss junge Ärztinnen und Ärzte davon überzeugen, dass man auf dem Land gut Arzt sein kann, dass der Inhalt der ärztlichen Tätigkeit da vielleicht eher zur Geltung kommt als in einer technisierten Gruppenpraxis in Berlin. Wer Medizin studiert, um Menschen helfen zu können, um den gesamten Menschen zu sehen, kommt auf dem Land häufig besser zurecht als im hektischen Großstadtbetrieb, wo man eher das einzelne Organ sieht und wo die Arbeitsteilung so ausgeprägt ist, dass man den ganzen Menschen aus dem Blick verliert. Man muss aber natürlich auch ordentliche Arbeitsbedingungen schaffen, sprich, man muss finanzielle Anreize geben, damit sich Menschen in strukturschwachen Gebieten niederlassen und man muss immer in Rechnung stellen, dass mit einem Arzt oder einer Ärztin dann auch der Partner, die Partnerin, mitkommt, dass dort möglicherweise Kinder sind, sprich, es geht um wesentlich mehr als nur um die Einrichtung einer Praxis. Es geht darum, wie sind Kulturmöglichkeiten, wie sind Bildungsmöglichkeiten in der jeweiligen Region, was macht eine solche Region aus, wo liegen die Vorzüge einer Region. Und vor allen Dingen darf man die Region nicht schlecht reden. Wer also permanent jammert und sagt, bei uns ist alles furchtbar, der darf doch nicht erwarten, dass junge Menschen eine Lebensentscheidung treffen, Geld in die Hand nehmen und eine Praxis kaufen oder aufmachen in dieser Region!

FRAGE 4 Mal den Blick fort von den Ärzten, hin zu Unternehmen. Welche betrieblichen Instrumentarien haben Unternehmen, um Mitarbeiter zu halten, sprich, in deren Gesundheit und Zufriedenheit zu investieren?

KNIEPS Das geht erst einmal damit los, dass man eine Statuserhebung macht und sich ansieht, wie gesund bzw. krank sind denn meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wo liegen Krankheitsschwerpunkte. Wenn die Betriebe dann größer sind, warum liegen die dort. Sehr oft liegt es an der Führung des Betriebs bzw. eines Betriebsteils. Dann muss man wirklich auf der Basis dieser Erhebung mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, da wo es Betriebsräte gibt mit den Belegschaftsvertreterinnen und Vertretern, reden und sagen, was bedrückt euch, was können wir tun. Und dann muss man individuell entsprechende Gesundheitsprogramme entwickeln und auch nachhaltig betreiben. Also es reicht nicht einmal darüber zu reden, vielleicht einen Gesundheitstag im Betrieb zu machen und dann zu erwarten, dass alles von selbst läuft. Es geht häufig um Verhaltensänderungen, um Verhältnisänderungen. Die müssen wirklich erkämpft werden und müssen nachhaltig weiter betrieben werden. Gesundheit muss Führungsaufgabe werden. Der Chef, die Chefin, der Inhaber, die Inhaberin, aber auch die leitenden Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen eines Unternehmens müssen das vor-leben und müssen sich für die Gesundheit Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter interessieren. Und dann hat man einen ganzen Instrumentenkasten, der bei der Bewegung und Ernährung anfängt, der über Führungsverhalten geht, über systematisches Verhaltenstraining in allen gesundheitlichen Fragen bis hin zur Ergonomie, dass Arbeitsplätze körpergerecht gestaltet werden, dass sie den Größenverhältnissen jüngerer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angepasst werden. Ein großer Automobilhersteller hat als zentrale Ursache für die Rückenprobleme jüngerer Mitarbeiter festgestellt, dass die Azubis von heute zehn Zentimeter größer sind als die Azubis von vor 20 Jahren.    

FRAGE 5 Welchen Beitrag kann oder muss Politik leisten, um ärztliche Versorgung  auch in strukturschwachen Regionen sicherzustellen?

KNIEPS Aus meiner Sicht ist die wichtigste Aufgabe der Politik, Dinge zu ermöglichen und nicht zu sagen, wir haben ein starres System nur mit Kollektivverträgen, nur mit Einzelpraxen, sondern die Politik muss sagen, ok, wenn sich hier ein Krankenhausarzt bereitfindet auch ambulant tätig zu werden, dann muss er diese Lücke füllen können. Und dann kann man nicht damit kommen, ja, aber ambulante Versorgung wird nur durch niedergelassene  Ärzte sichergestellt. Wenn Ärzte bereit sind, sich auf Probleme zu spezialisieren, besondere Sprechstunden einzurichten, beispielsweise für Schmerzpatientinnen und Schmerzpatienten, dann muss man das möglich machen, dann muss man das auch ausreichend vergüten, so dass ein ökonomischer Anreiz besteht, das zu machen. Und dann muss die Kasse, die in so etwas investiert, aus dem großen Gesundheitsfond dann auch dieses Geld erstattet bekommen, sprich, ich muss förderliche Bedingungen schaffen für Veränderungen.

FRAGE 6 Also mehr Flexibilität, Pragmatismus statt ideologischen Festhaltens in der Gesundheitspolitik – oder verstehe ich Sie da falsch?

KNIEPS Nein, da verstehen Sie mich völlig richtig! Die Ideologie hilft nicht weiter! Nochmal: Wir haben nicht einheitliche Verhältnisse innerhalb einer großen Stadt und erst recht nicht einheitliche Verhältnisse zwischen Stadt und Land.

FRAGE 7 Sehen Sie trotz des demografischen Wandels Perspektiven für die Region? Warum sollten die Menschen bleiben?

KNIEPS Friedrich Hölderlin hat mal gesagt: Wo die Not groß ist, wächst das Rettende auch. Und diese Region ist ja dynamisch. Die Leute sind veränderungsbereiter als in anderen Regionen, weil diese Veränderung aus den Mangelsituationen heraus erforderlich ist. Also für mich ist der Osten, sind diese Regionen, auch Avantgarde, weil hier Dinge gemacht werden, die woanders nicht gemacht werden, weil man hier beispielsweise wenn man sich als junger Mediziner oder junge Medizinerin niederlässt, kriegt man einen Investitionskostenzuschuss von der Kassenärztlichen Vereinigung, möglicherweise kostenfrei eine Praxis plus Wohnung zur Verfügung gestellt, hier sind andere Freizeitmöglichkeiten, hier bin ich näher an der Natur, hier gibt’s Historie wie Kloster Neuzelle und ähnliches, hier hat man eigene Reize. Nicht umsonst ziehen ja viele gestresste Berlinerinnen und Berliner ins Umland.

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