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Interview mit Franz Knieps, BKK Dachverband e.V., Dirk Rennert, BKK Dachverband e.V., Prof. Dr. Frank Jacobi, Psychologische Hochschule Berlin zu den Ergebnissen des BKK Gesundheitsatlas 2015.

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TRANSKRIPT

SPRECHER Burnout, der – ins Deutsche übersetzt: Ein Zustand des Ausgebrannt-, Verausgabt, Verheizt-Seins. Die Bedeutung des Worts ist klar: Es geht nicht weiter. Schluss. Aus. Vorbei. Aber was ist gemeint, wenn wir im medizinischen Sinne von einem Burnout sprechen? Was hat es auf sich mit dem Begriff als Diagnose? Julia Bretschneider, Diplom-Psychologin an der Psychologischen Hochschule Berlin:

BRETSCHNEIDER Ja, das ist eine gute Frage! Bisher gibt es tatsächlich keine einheitlichen, diagnostischen Kriterien und Messinstrumente dafür. Und eigentlich handelt es sich beim Burnout auch nicht um eine offizielle Diagnose. Es ist im Gegenteil so, dass Burnout häufig eher mit anderen psychischen Störungen einhergeht oder sich überlappt, könnte man sagen, wie zum Beispiel Angsterkrankungen oder depressiven Erkrankungen. Und entsprechend wird in Deutschland auch häufig eine Depression eher als Burnout bezeichnet.  

SPRECHER Tatsache ist: Die Krankentage in den Betrieben, verursacht durch ein Burnout, nehmen zu. Zumindest weisen die Daten dahin, erhoben im jüngst erschienenen Gesundheitsatlas der Betriebskrankenkassen. Zuständig dafür, Dirk Rennert, Referent für Datenmanagement beim Berliner BKK Dachverband:

RENNERT In den letzten zehn Jahren konnten wir bei den Krankentagen einen kontinuierlichen Anstieg bei den Burnout-Fällen beobachten, wobei wir in den letzten zwei bis drei Jahren uns eher auf einem gleichen Niveau bewegen. Interessanterweise sind hier vor allem Selbständige und Personen in mittleren und höheren Führungspositionen betroffen.

SPRECHER Der Burnout also eher ein Problem der so genannten Leistungsstarken? Ein Phänomen, abhängig vom jeweiligen, sozialen Status? Zumindest scheint der Begriff hier gebräuchlicher, so Julia Bretschneider:

BRETSCHNEIDER Der Begriff Burnout stammt ursprünglich aus dem Pflegebereich und auch heute ist es ja so, dass er vor allem eben mit der Arbeitswelt in Verbindung gebracht wird. Stichwort: Manager-Burnout oder Manger-Depression zum Beispiel. Und tatsächlich ist es so, dass vor allem Männer mit einem hohen sozioökonomischen Status häufiger von einem Burnout berichten.

SPRECHER Allein, ganz so klar liegen die Dinge nicht. Franz Knieps, Vorstand des BKK Dachverbands in Berlin, sieht Erklärungsbedarf, vor allem mit Blick auf die regionale Verteilung der Diagnose:

KNIEPS Unsere Detailanalysen der Abrechnungsdaten zeigen enorme Schwankungsbreiten. Die reichen bis zum 48-fachen eines gemessenen Wertes. Das heißt also in Region A haben den Wert 1. In der Region B den Wert 48. Da haben wir bisher sehr wenig Detailarbeit, aber durchaus Vermutungen, dass es abhängig von der Arztdichte ist, dass es abhängig vom kulturellen Verhalten von Ärzten und Patienten ist. Anders können wir uns das nicht erklären.

SPRECHER Auch wirft die Datenlage etliche Fragen auf, scheint ein Ost-West-Gefälle kaum von der Hand zu weisen – zumindest was die Krankschreibungen betrifft:

KNIEPS In einem Kreis in Thüringen haben wir den niedrigsten Wert gemessen mit 0,3 Prozent der BKK Versicherten, die eine solche Diagnose erhalten. Höchster Wert im Kreis Ansbach in Bayern, dort fast zehnmal so hoch, 3,4 Prozent. Und wenn wir uns näher ansehen wie dieses Burnout-Syndrom bekämpft wird, nämlich mit der Verordnung von Antidepressiva, dann reichen die Schwankungsbreiten von 4,4 Prozent in Sachsen bis zum höchsten Wert in Straubing in Bayern mit 11,5 Prozent.

SPRECHER Kein Zweifel. Eine veränderte Arbeitswelt schafft neue Bedingungen und damit auch neue Belastungen. Frank Jacobi, Professor für Klinische Psychologie und Verhaltenstherapie an der Psychologischen Hochschule Berlin:

JACOBI Heute gibt es in vielen Berufen, insbesondere im Dienstleistungsbereich, höhere Anforderungen an emotionale Beteiligung, an Kommunikation und Ähnlichem, was früher noch nicht so sehr gefordert war. Und Leute mit psychischen Störungen, zum Beispiel mit sozialen Ängsten etwa, haben deswegen auch heute deutlich mehr Stress und deutlich mehr Probleme im Arbeitskontext als das früher der Fall war, wo sie vielleicht ganz einfach durchs Leben gekommen sind.

SPRECHER Doch entscheidet allein der Beruf, eine Tätigkeit etwa als Manager, Dienstleister oder im sozialen Bereich, über das Risiko eines Burnouts? Für Julia Bretschneider stellt sich die Frage umgekehrt:

BRETSCHNEIDER Nun ist aber die Frage: Sollte man eine psychische Störung tatsächlich über die Arbeit definieren, oder sollte man nicht eher umgedreht schauen, welche spezifischen Belastungsfaktoren auf Arbeit tragen denn dazu bei, dass man eine psychische Störung wie eben auch eventuell eine Depression entwickelt?

SPRECHER Erhöhte Aufmerksamkeit Belastungen gegenüber und, wenn nötig, schnelles Handeln. Auch BKK Datenexperte Dirk Rennert sieht darin einen entscheidenden Schritt, eine Chance, seelischen Leiden beizukommen – wie schon anderen Erkrankungen zuvor:

RENNERT Krankentage aufgrund Rückenleiden haben in den letzten Jahren kontinuierlich abgenommen. In den Betrieben wird einfach mehr für Rückenleiden getan. Dagegen haben psychische Störungen zwar zugenommen, aber man muss sagen, dass sie auch gleichzeitig stärker wahrgenommen werden. Somit besteht die Hoffnung, dass sie auch in den Betrieben stärker und frühzeitig wahrgenommen werden.