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Die Revolution kam auf leisen Sohlen. Kein Kanonengebrüll oder industrielles Maschinen-Geschnaufe geben Mikroprozessoren inzwischen den Takt vor, elektrische Signale in binäre Codes diskret übersetzt. Ebenso diskret wie abstrakt lautet denn auch ihr Schlachtruf: Digitale Transformation! Und tatsächlich ist diese Transformation, ist die Veränderung allumfassend, sortieren sich in der Folge unsere sämtlichen, bisherigen Lebens- und Arbeitsgewohnheiten neu. Ein entsprechendes Bild zeichnet der diesjährige Gesundheitsreport der Betriebskrankenkassen mit einer repräsentativen Umfrage unter 3000 Beschäftigten.

Von dieser und mehr hören Sie in unserem Podcast, den Sie hier anhören und downloaden können. Der Beitrag enthält Originalzitate von

  • Franz Knieps, Vorstand BKK Dachverband e.V., Berlin
  • Dirk Rennert, Leiter Gesundheitsberichterstattung BKK Dachverband e.V., Berlin
  • Dr. Matthias Richter, Referent Gesundheitsberichterstattung BKK Dachverband e.V., Berlin
  • Prof. Dr. Jan Dettmers, Institut für Arbeits- und Organisationspsychologie, Medical School Hamburg (MSH)
  • Prof. Dr. Holger Pfaff, Institut für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft, Universität Köln


Transkript des Beitrages:

ANMODERATION

SPRECHER

Die Revolution kam auf leisen Sohlen. Kein Kanonengebrüll oder industrielles Maschinen-Geschnaufe geben Mikroprozessoren inzwischen den Takt vor, elektrische Signale in binäre Codes diskret übersetzt. Ebenso diskret wie abstrakt lautet denn auch ihr Schlachtruf: Digitale Transformation! Und tatsächlich ist diese Transformation, ist die Veränderung allumfassend, sortieren sich in der Folge unsere sämtlichen, bisherigen Lebens- und Arbeitsgewohnheiten neu. Ein entsprechendes Bild zeichnet der diesjährige Gesundheitsreport der Betriebskrankenkassen mit einer repräsentativen Umfrage unter 3000 Beschäftigten. Dirk Rennert, Leiter Gesundheitsberichterstattung beim Berliner BKK Dachverband:

Rennert

Digitalisierung durchdringt mittlerweile alle Arbeits- und Lebensbereiche. Bei unserer Umfrage zeigt sich, dass 50 Prozent der Beschäftigten digitale Technik permanent bei der Arbeit einsetzen. Weitere 40 Prozent geben an, dies zumindest teilweise zu tun. Das heißt also, neun von zehn Beschäftigten sind heute schon direkt bei der Arbeit mit Digitalisierung befasst.    

SPRECHER

Nur bleibt es nicht dabei, ragt der permanente Gebrauch digitaler Technik auf Arbeit ins Private hinein:

Rennert

Immerhin 70 Prozent der Beschäftigten geben an dienstliche Mails oder Telefonate auch in der Freizeit zu bearbeiten. Davon sind es 80 Prozent, die das einmal die Woche oder seltener tun. Aber immerhin jeder Fünfte bearbeitet dienstliche Mails oder Telefonate mehr als einmal die Woche oder sogar täglich.

SPRECHER

Ständig erreichbar, allzeit verfügbar. Unternehmen operieren am Markt, stehen im Wettbewerb, schwankende Nachfrage, höhere Flexibilität. Entsprechend ist die Erwartung an Mitarbeiter, sich ebenfalls flexibel zu zeigen, sozusagen erweitert verfügbar. Jan Dettmers, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Medical School Hamburg:

Dettmers

Erweiterte Verfügbarkeit kann einerseits dazu führen, dass man schlicht mehr arbeiten muss. Aber auch unabhängig davon führt es dazu, dass die herkömmlichen Grenzen zwischen den Lebensbereichen, zwischen Arbeit, Freizeit und Familie, dass die zunehmend verschwinden und dann eben dazu führen, dass zum Beispiel Erholungsprozesse nicht in der normalen Form stattfinden können. Aber auch, dass so etwas wie Orientierung verloren geht, in welcher Rolle wir uns eigentlich gerade befinden.

SPRECHER

Orientierungslosigkeit, Nicht-abschalten-können und statt der Entspannung Sorgen, Ängste, Stress – mitunter selbstgemacht, weiß Holger Pfaff. Er ist Professor für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft an der Universität Köln:  

Pfaff

Die Belastungen, die durch Digitalisierung kommen, das sind die Mails, die auf einen einprasseln, das sind die vielen Internetangebote, wenn man recherchiert. Wir nennen das Optionsstress, wenn praktisch zu viele Optionen gegeben sind. Wir wissen aus der Stressforschung, dass Stress allein nicht zu einem negativen Ergebnis führt. Es kommt auf die Frage an, wie Stress bewältigt wird. Das heißt, wenn ich jetzt das iPhone nutzen kann, um mit dem Stress besser umgehen zu können, schneller Information zu finden, Suchprozesse zu vermindern, dann bin ich auf der guten Seite, dann weiß ich, ich kann Stress gut bewältigen, um meine Gesundheit zu verbessern.

SPRECHER

Ob gefühlt oder tatsächlich – laut BKK Umfrage sieht sich derweil mehr als jeder fünfte Mitarbeiter ausgebrannt, überlastet. Dr. Matthias Richter, Referent für die Gesundheitsberichterstattung beim BKK Dachverband:

Richter

Es sind vor allen Dingen die IT-Berufe, die sich in psychischer Hinsicht sehr stark belastet fühlen. Mehr als jeder Dritte gibt an, dass er psychisch stärker belastet ist. Das gleiche gilt auch für die Gesundheitsberufe, hier sind Altenpfleger, Krankenpfleger drunter zu zählen. Auch in körperlicher Hinsicht sind diese beiden Berufsgruppen mehr belastet.

SPRECHER

Und so nimmt kein Wunder, dass im Zuge fortschreitender Digitalisierung ein nicht geringer Teil der Befragten den Verlust von Arbeitsplätzen fürchtet:

Richter

Allgemein auf die Arbeitswelt bezogen glauben 38 Prozent, dass die Digitalisierung eher dazu führen wird, dass Jobs wegfallen. Rund 18 Prozent glauben hingegen, dass Digitalisierung ein Jobmotor sein wird. Damit sind die restlichen 45 Prozent in der Mehrheit, die glauben, dass es weder eine Zunahme noch eine Abnahme geben wird. Aber das unterscheidet sich stark nach den Berufen. In Berufen mit hohem Automatisierungsgrad, zum Beispiel in der Fertigung, ist die Befürchtung höher.

SPRECHER

Furcht und Zittern sind ganz sicher nicht die besten Ratgeber, eine Binsenweisheit. So sehr der digitale Wandel unsere Arbeits- und Lebenswelt revolutioniert, markiert sich darin nicht zwingend eine Gefahr für die eigene Gesundheit, unterstreicht Franz Knieps, Vorstand des Berliner Dachverbands der Betriebskrankenkassen:

Knieps

Digitalisierung beeinflusst die Gesundheit positiv wie negativ. Das hängt sehr von der Arbeitssituation ab, aber auch von der Konstitution und der inneren Einstellung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Wer das positiv begreift wird Digitalisierung eher als gesundheitsförderlich erleben. Wer Angst um seinen Arbeitsplatz hat, wer befürchtet wegrationalisiert zu werden, wer mit digitalen Arbeitsprozessen überfordert ist, weil sie nicht genügend trainiert werden, weil nicht genügend Zeit gelassen wird sich darin einzuüben, der begreift Digitalisierung als Bedrohung, als psychische Belastung und hat ein höheres Risiko krank zu werden.

SPRECHER

Die Herausforderung annehmen, sie als Chance begreifen. Und dennoch: Digitalisierung ist keine Einbahnstraße. Die Verantwortung, sie zu gestalten, liege sowohl beim einzelnen Mitarbeiter wie auch der Führung von Unternehmen, ergänzt der Hamburger Arbeits- und Organisationspsychologe, Professor Jan Dettmers:

Dettmers

Wir haben uns Verfügbarkeit in sehr unterschiedlichen Unternehmen angeschaut und festgestellt, dass es nicht die Verfügbarkeit gibt, sondern ganz unterschiedliche Faktoren, wo die Verfügbarkeit eben verschieden gestaltet ist. Verschärfende Faktoren sind zum Beispiel, wenn diese Verfügbarkeit aus Sicht der Beschäftigten vielleicht gar nicht erforderlich wäre, wenn ich nur am Abend angerufen werde, weil mein Chef es nicht auf die Reihe kriegt, mir während des Tages noch eine Aufgabe zu übertragen. Auf der anderen Seite sind unterstützende Faktoren, dass ich mir bewusst bin, ich hab auch Flexibilitätsvorteile, ich kann mein Kind eher vom Fußballtraining abholen und dadurch die negativen Auswirkungen möglicherweise kompensieren.

SPRECHER

Bei aller Unschärfe des Begriffs „Digitale Transformation“ weist dieser auf eine nächste, unsere Zukunft. Und die Frage, ob er zur Gefahr oder eher zur Chance gerate, stellt sich nicht wirklich, zumindest nicht für BKK Vorstand Franz Knieps. Sein Appell:

Knieps

Wenn ich das typisch Deutsche sehe, das Glas immer halbleer zu sehen, setze ich dem mal als Kontrapunkt entgegen: Das Glas ist halbvoll!  Es ist also eher eine Chance, wenn wirklich alle Akteure beachten, worin die Risiken und Gefahren liegen und wenn diese Risiken nicht klein geredet werden und wenn diese Gefahren wirklich gut bekämpft werden!

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