Audiobeiträge

Interview mit 

  • Franz Knieps  
    Vorstand BKK Dachverband e.V., Berlin
  • Annette Hempen 
    Geschäftsführerin  MUM - Medizin und Mehr eG, Bünde
  • Dr. Oliver Gapp
    Bereichsleiter Versorgung und Gesundheitsökonomie, mhplus BKK, Ludwigsburg
  • Prof. David Matusiewicz
    Dekan und Direktor Institut für Gesundheit & Soziales, FOM Hochschule, Berlin

Hier können Sie sich den Hörfunkbeitrag anhören und herunterladen
Der Beitrag steht Ihnen als mp3-Datei zur Verfügung. 


Transkript

SPRECHER        

Vernetzt und digital – schon heute sind diese beiden Begriffe der Informationstechnologie kaum noch aus unserer realen Lebenswelt fortzudenken. Es geht um Information, um Möglichkeiten einer durch Computer, Handy und Internet unterstützen, sich vernetzenden Kommunikation. Und die betrifft inzwischen alle Lebensbereiche, ob in der Arbeitswelt oder auch im Bereich der Gesundheit. Gerne ist hier dann die Rede vom Patienten 2.0. Dessen wesentliches Merkmal: Seine Informiertheit, sagt Prof. David Matusiewicz. Er ist Direktor des Instituts für Gesundheit und Soziales an der Berliner FOM Hochschule:


OT1    Matusiewicz    Der Patient 2.0 ist ein souveräner Patient, der viel mehr sich selbst mit seiner Gesundheit beschäftigt, der auch die digitalen Medien nutzt. Es gibt nicht umsonst die Begriffe wie „Googlechondrie“ zum Beispiel, überspitzt, dass man sich krank googelt. Auf der anderen Seite ist die Suchmaschine ein Medium, um sich erst einmal zu informieren. Und da gibt es nicht nur Wikipedia. Es gibt dort auch evidenzbasierte Informationen, Leitlinien, Patientenforen und ähnliches, die moderiert werden, wo er sich informieren kann und dann informiert in die Arztpraxis kommt.

SPRECHER        Der Patient als Souverän über die eigene Gesundheit? In gewissem Sinne ja, meint auch Dr. Oliver Gapp, Bereichsleiter Versorgung und Gesundheitsökonomie der mhplus Betriebskrankenkasse in Ludwigsburg:


OT2    Gapp        Zum einen wird der Patient mehr in den Mittelpunkt rücken, bedeutet, dass beispielsweise über eine App zum Hautkrebs-Screening, dass das zuhause gemacht werden kann, nicht mehr zwangsläufig zum Arzt gegangen werden muss, nur wenn Auffälligkeiten da sind. Aber auch für die ärztliche Versorgung wird sich einiges ändern, da der Patient eher auf Augenhöhe mit dem Arzt sein wird und die Ärzte insbesondere dann hinzugezogen werden müssen, wenn ärztlicher Handlungsbedarf besteht.

SPRECHER        Ärztliche Fürsorge tut Not, kein Zweifel! Doch was, wenn der Termin beim Arzt monatelang auf sich warten lässt? Beispiel: Psychologische Betreuung. Eben darauf zielt das Angebot einer Online-Therapie der mhplus BKK bei psychischen Erkrankungen nach stationärem Aufenthalt:


OT3    Gapp        Wir erleben, dass Leute, die einen Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik haben, häufig wieder in die psychosomatische Klinik kommen. Also so ein Drehtüreffekt. Und wir wollen jetzt versuchen, dass die Patienten, die stationär waren, mit dem gleichen oder mit einem Kollegen der Therapeuten diese Betreuung in der Nachsorge erfahren. Das heißt: Wenn sie aus der psychosomatischen Klinik entlassen werden, haben sie sieben, acht, neun, zehn Sitzungen, die sie online durchführen können. Und Themen, die jetzt nach der Klinik aufgetreten sind, können sie dann mit dem Therapeuten besprechen.

SPRECHER        Der Arztbesuch in Bits und Bytes – auch im westfälischen Bünde ist das längst tägliche Praxis. Dort haben sich 50 Haus- und Fachärzte zusammengeschlossen, um pflegebedürftigen Menschen elektronisch beizustehen. Annette Hempen, Geschäftsführerin des Ärztenetzwerks „Medizin und Mehr“ in Bünde:


OT4    Hempen    Die elektronische Visite ist ein Videokonferenzsystem, mittels dessen ein Arzt mit dem Patienten direkt sprechen kann, also quasi wie ein Telefonat aber mit Bild noch. Wir sagen manchmal auch Skype für Ärzte.

SPRECHER         Eine Chance vor allem für den ländlichen Raum, wo demografischer Wandel und Ärztemangel der medizinischen Versorgung Probleme aufgeben:


OT5    Hempen    Die Vorteile der elektronischen Visite für die Ärzte sind eine Verbesserung der Behandlungssicherheit, der Behandlungsqualität und ein Einsparen von Ressourcen bzw. ein besserer Einsatz der Ressource Arzt in dem Fall. Und zwar ist es einfach so, dass unnötige Besuche vermieden werden können. Im Bereich der Pflegeheime zum Beispiel ist es so, wenn die Patienten zur Wundkontrolle kommen müssen, dann müssen sie mit einem Krankentransport in die Arztpraxis gebracht werden, müssen  dort Wartezeiten in Kauf nehmen, eine Betreuungsperson müsste mitkommen. Und das entfällt für zum Beispiel Routinekontrollen, Wundkontrollen oder auch für Bagatellfälle, die gar keinen Patienten-Arzt-Kontakt notwendig machen.

SPRECHER        Ein Lob der Technik! Doch die Entwicklung zum Patienten 2.0 birgt neben der Chance auch Risiken. Nicht jede Gesundheits-App oder die Uhr, die den Körper vermisst, garantiert umfassende Gesundheit, mahnt Franz Knieps, Vorstand des Berliner BKK Dachverbands:


OT6    Knieps        Also es beinhaltet Chancen, dass Menschen gesundheitsbewusster werden, wenn sie täglich Daten erfassen wie Bewegung, wie Blutfette etc., das ist das eine. Aber es erleichtert natürlich zum einen das Hypochondertum, zum anderen auch die Illusion zu glauben, wenn man sich nur gemäß den Anweisungen, die aus dem Wearable dann kommen, verhält, dass man damit dann immer gesund bleibe und dass man dann keine medizinische Behandlung im Krisenfall mehr benötigt. Außerdem kann es leicht Fehlalarme auslösen etc., also eine Menge von Risiken. Es darf nicht zur Ersatzreligion werden!

SPRECHER        Ein weiterer Aspekt: Gesundheitsdaten sind sensibel. Sie betreffen das höchste Gut des Menschen, eben seine Gesundheit. Schon deshalb steht für Franz Knieps außer Frage dem Sammeln und Verbreiten solcher Daten, dem sogenannten Big-Data-Mining, klare Grenzen zu ziehen:


OT7    Knieps        Big Data kann sich auch zur Krake entwickeln, die sich über alles legt und Eigeninteressen verfolgt. Es muss klar geregelt sein, dass der Patient, die Patientin, der Herr, die Herrscherin über die eigenen Daten ist. Das absolut nicht verhandelbar, sondern das ist Grundlage einer freiheitlichen Gesellschaft. Es muss aber auch die Nutzung geregelt werden, wann wird Big Data eingeschaltet. Und letztlich müssen Ärzte und Patienten trainiert werden mit Empfehlungen und Ergebnissen von Überprüfungen in Big Data umzugehen. Es ersetzt nicht die individuelle Entscheidung des Arztes gegenüber dem individuellen Patienten, was angebracht ist und was man lieber lassen sollte.

SPRECHER        Fazit: Digitale Technologien unterstützen die medizinische Versorgung, schaffen neue Zugangsmöglichkeiten und Formen ärztlicher Betreuung. Voraussetzung dafür ist und bleibt aber das persönliche, sozusagen analoge Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient: Computer messen, der Arzt behandelt! Dabei ist schon erstaunlich, welche Möglichkeiten die Zukunft bereithält. Noch einmal Oliver Gapp mit einem Ausblick:


OT8    Gapp        Ein Messinstrument wird wahrscheinlich sein, dass wir in langer Zukunft jetzt aber eher einen Mikroroboter in die Blutbahn spritzen, der verschiedene Vitaldaten messen kann, der die Wahrscheinlichkeit von Schlaganfall ermitteln kann, der Vorstufen von Herzinfarkten erkennen kann. Oder dass sie so ein kleines digitales Tattoo am Arm tragen werden, dass verschiedene Mentalfunktionen messen kann. Also da sind eher wenig Grenzen gesetzt.

Ausführliche Informationen zum Thema erhalten Sie Sie unter www.bkk-dv.de. 

Podcast abonnieren