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Interview mit Dr. Gregor Breucker Leiter Gesundheitsförderung, BKK Dachverband, Berlin, Hans-Jörg Gittler Vorstandsvorsitzender BAHN-BKK, Frankfurt am Main, Dr. Ursula Schütze-Kreilkamp Leiterin Personalentwicklung Konzern und Konzernführungskräfte DB Mobility Logistic AG, Berlin, Prof. Dr. Bertolt Meyer Professor für Organisations- und Wirtschaftspsychologie, Technische Universität, Chemnitz, Prof. Dr. Dr. Christian Schubert, Leiter Labor für Psychoneuroimmunologie, Medizinische Universität, Innsbruck.

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Transkript

Dr. Gregor Breucker
Leiter Gesundheitsförderung, BKK Dachverband, Berlin

Hans-Jörg Gittler
Vorstandsvorsitzender BAHN-BKK, Frankfurt am Main

Dr. Ursula Schütze-Kreilkamp
Leiterin Personalentwicklung Konzern und Konzernführungskräfte DB Mobility Logistic AG, Berlin

Prof. Dr. Bertolt Meyer
Professor für Organisations- und Wirtschaftspsychologie, Technische Universität, Chemnitz

Prof. Dr. Dr. Christian Schubert
Leiter Labor für Psychoneuroimmunologie, Medizinische Universität, Innsbruck

 

SPRECHER Es geht uns gut! So wenig Arbeitslose wie lange nicht, ein stabiles Konsumklima. Rein wirtschaftlich betrachtet, scheint in Deutschland kaum Grund zur Klage. Ein völlig anderes Bild zeichnet sich, wenn man in die Arbeitswelt selber blickt, genauer gesagt, auf die Psyche der Mitarbeiter. Dr. Gregor Breucker, Leiter der Abteilung Gesundheitsförderung im Berliner BKK Dachverband:

BREUCKER Das Schlagwort ist Burnout. Hintergrund dafür sind tatsächlich gestiegene Anforderungen bei der Arbeit, einfach aufgrund des allgemeinen Wettbewerbsdrucks, noch rationeller, noch effizienter werden zu müssen, mit noch weniger Personal, noch mehr leisten zu können.

SPRECHER Die Bilanz des Leistungsdrucks:  60 Millionen Fehltage bundesweit, allein wegen psychischer Erkrankungen. Ein Anstieg um mehr als sieben-und-neunzig Prozent binnen nur sieben Jahren. Und mit verheerenden, volkswirtschaftlichen Folgen. Hans-Jörg Gittler Vorstandsvorsitzender der BAHN-BKK:

GITTLER Es sind immerhin 16 Milliarden Euro allein für die Thematik psychische Erkrankungen in den letzten Jahren angefallen. Wenn Sie das mal umrechnen in Ausfalltage, dann müssen wir feststellen, dass die Ausfalltage wegen psychischer Erkrankung bei 36,5 liegen im Schnitt und bei allen anderen Krankheitsbildern bei knapp 11,5. Da wird die Dimension schon deutlich, bis hin zur Frühverrentungsthematik, die mittlerweile bei 48 Jahren liegt. Also das ist ein Thema: 48 Jahre aufgrund von psychischen Erkrankungen!

SPRECHER Soweit der äußere Befund.  Aber was genau belastet die Menschen auf Arbeit so sehr, dass sie psychisch erkranken? Bertolt Meyer ist Professor für Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Technischen Universität Chemnitz. Er sieht vor allem zwei Gründe:

MEYER Zum einen ist es eine schlicht und einfach quantitative Überforderung, dass zu viel in zu wenig Zeit erledigt werden muss. Tolles Beispiel E-Mails. In meinem E-Mail-Posteingang sind immer viel zu viele ungelesene E-Mails, die noch beantwortet werden müssen. Das andere ist, ein zu geringer Handlungsspielraum. Wir müssen in der Lage sein, uns die Arbeit auch selber einzuteilen. Und dafür brauchen wir Gestaltungsspielräume. Und wenn die durch unseren Arbeitsplatz nicht gegeben sind, weil wir zeitlich überlastet sind, weil wir nicht die genügenden Kompetenzen haben oder auch nicht die nötigen Befugnisse, dann entsteht daraus eine subjektiv erlebte Beanspruchung.

SPRECHER Hält die Beanspruchung, die Belastung, länger an, führt das zu ernsten Erkrankungen – unterstreicht auch Professor Christian Schubert, Leiter des Labors für Psychoneuroimmunologie an der Medizinischen Universität Innsbruck:  

SCHUBERT Es gibt einen Zusammenhang zwischen psychischer Belastung, Überforderung, die vor allem langfristig stattfinden muss und einer Entwicklung von körperlichen Erkrankungen und zwar sämtlichen körperlichen Erkrankungen. Wir reden hier von Autoimmunerkrankungen, Krebserkrankungen, von Magen-Darm-Problemen bis hin zu Schmerzerkrankungen, auch psychiatrischen Erkrankungen, Depression, Angst...

SPRECHER …eigentlich ein Allgemeinplatz: Überforderung, Stress macht krank. Und Krankheit verursacht Kosten. Unternehmen wie die Deutsche Bahn steuern inzwischen um. Ihr Gegenmodell: Transformationale Führung. Einfacher gesagt: Es geht um eine neue Unternehmenskultur. Dr. Ursula Schütze-Kreilkamp, Leiterin Personalentwicklung der Deutschen Bahn:

SCHÜTZE-KREILKAMP Das Wichtige ist die Arbeitsatmosphäre, also das Thema wie schaffen wir uns gegenseitig und miteinander ein Klima, auf das ich mich jeden Tag freue, dass ich Teil sein darf in dieser Gemeinschaft, die dieses Klima schafft. Also ein Team, was natürlich bestimmte Hierarchien hat, aber wo Hierarchien nicht am Autoritätsverhältnis gelebt werden, sondern wo wir uns begegnen als wertschätzende Kollegen, wobei jeweils der andere den einen wertschätzt für das was er tut und wie er es tut – in Respekt, in Anstand, in Miteinander, in dem Freude, genauso wie Ernsthaftigkeit, ein Lachen, genau wie Tiefe, Platz hat.

SPRECHER Doch leiden vor allem kleinere, mittelständische Unternehmen. Hier seien die Folgen von Ausfallzeiten besonders gravierend, so der Leiter Gesundheitsförderung beim BKK Dachverband, Dr. Gregor Breucker. Sein Rat:

BREUCKER Es gibt im Prinzip drei Dinge, die Betriebe tun können. Das erste, dafür sorgen, dass Arbeit gut organisiert ist und keine dauerhaften Überlastungen für Mitarbeiter auftreten. Zweitens, sich darum kümmern, wenn Mitarbeiter wegen psychischer Gesundheitsprobleme ausgefallen sind, wieder zurückkehren, dass diese möglichst gut, behutsam auch in die Teams wieder integriert werden können. Und dritter Punkt, generell für eine Mitarbeiter freundliche Kultur eines fairen und vertrauensvollen Umgangs sorgen.

SPRECHER Für ein faires, vertrauensvolles Miteinander sorgen.  Eine Frage, die sich laut Bertolt Meyer, den Chemnitzer Professor für Wirtschaftspsychologie, vor allem an die Führung von Unternehmen richtet – insbesondere deren Vorbildcharakter:

MEYER Ein wichtiger Aspekt für gesundheitsorientierte Führung ist das eigene Beispiel, dass die Führungskräfte geben. Das fängt bei einfachen Dingen an wie die Treppe statt den Fahrstuhl benutzen, aber geht weiter bei solchen Dingen wie am Wochenende an die Mitarbeiter im Team keine E-Mails schreiben, denn wenn die Mitarbeiter am Wochenende E-Mails von ihrem Chef bekommen, dass zeigt ihnen das, dass es o.k. ist am Wochenende zu arbeiten. Und E-Mails zu schreiben. Und hier müssen die Führungskräfte mit gutem Beispiel vorangehen und es lassen!

SPRECHER Aber um fair zu bleiben, auch der einzelne Mitarbeiter trägt Verantwortung für sein Wohlergehen. So die abschließende Frage an den Psychoneuroimmunologen – Prof. Schubert, was lässt sich Gutes für die Psyche, für einen selber tun?

SCHUBERT Was lässt sich Gutes für einen selber tun … also ich beantworte so eine Frage häufig: Mit der Natur leben, also möglichst die Dinge tun, die uns naturgegeben vorgegeben sind, zum Beispiel Tag-Nacht-Rhythmen einhalten, ausreichend körperlich bewegen, gesunde Ernährung und auch ruhig mal meditative und soziale Aspekte im Leben zulassen.