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Interview mit Franz Knieps, BKK Dachverband e.V., Dirk Rennert, BKK Dachverband e.V., Prof. Dr. Frank Jacobi, Psychologische Hochschule Berlin zu den Ergebnissen des BKK Gesundheitsatlas 2015.

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TRANSKRIPT

JACOBI Psychische Störungen müssen mittlerweile als Volkskrankheiten bezeichnet werden. Nicht nur, weil sie ausgesprochen häufig sind, sondern weil sie auch mit sehr hohen, indirekten Kosten verbunden sind…

SPRECHER …sagt Frank Jacobi, Professor für Klinische Psychologie und Verhaltenstherapie an der Psychologischen Hochschule Berlin. Eine Einschätzung die auch der jüngst erschienene Gesundheitsatlas der Betriebskrankenkassen unterstreicht. Dirk Rennert, Referent für Datenmanagement beim Berliner BKK Dachverband:

RENNERT Die Fehlzeiten bei den psychischen Störungen haben in den letzten Jahren rasant zugenommen. Wir haben allein in den letzten zehn Jahren eine Zunahme von 135 Prozent zu verzeichnen. Keine andere Krankheitsgruppe kann da mithalten.

SPRECHER Aber was bedeutet das? Fast scheint als würden wir immer weniger mit unserer Arbeitswelt und den uns umgebenden Verhältnissen fertig. Die Frage: Wird Deutschland immer kränker? Franz Knieps, Vorstand des BKK Dachverbands:

KNIEPS Nein, das kann man nicht sagen, dass Deutschland immer kränker wird. Die Krankheitsarten verschieben sich. Der Wandel der Arbeitsgesellschaft, weg von der Produktion hin zu Dienstleistungen hat veränderte Berufsbilder und daraus folgend auch veränderte Krankheitsbilder geschaffen. Zum anderen sind psychische Erkrankungen heute nicht mehr tabuisiert, die Menschen bekennen sich dazu und die Ärzte diagnostizieren sie häufiger als früher.

SPRECHER Also keine echte Zunahme psychischer Störungen. Vielmehr handele es sich um ein Zusammenspiel verbesserter Diagnosen und der Anerkennung der eigenen Erkrankung, erklärt der Psychologe Frank Jacobi:

JACOBI Interessanterweise haben wir solche hohen Raten psychischer Störungen auch schon vor 15, 20 Jahren in epidemiologischen Studien gefunden. Das heißt, psychische Störungen waren damals auch schon genauso verbreitet wie heute, sind aber noch nicht so oft aufgefallen und diagnostiziert worden.

SPRECHER Vor allem: Ist die Diagnose einmal gestellt, hält sie sich in den Akten. Konsequenz einer fortschreitenden Digitalisierung auch des Gesundheitswesens. Franz Knieps:

KNIEPS Auf der anderen Seite stellen wir fest, dass speziell psychische Erkrankungen sozusagen als Dauerdiagnose in den Krankenakten bleiben. Durch die Digitalisierung der Krankenakten steht diese Diagnose dann nahezu ein Leben lang in den Krankenakten. Sie frisst sich also quasi durch die Akte fort.

SPRECHER Das Problem psychischer Störungen bereitet aber nicht nur deren Langlebigkeit in den Akten, sondern auch deren Langwierigkeit. Dabei stechen zwei Berufsgruppen aus dem BKK Datenmaterial hervor. Frank Jacobi:

JACOBI Zum einen sind insbesondere Berufsgruppen im Dienstleistungsbereich betroffen, in denen vermehrte Emotionsarbeit geleistet werden muss, zum Beispiel indem man ständig im Servicebereich ganz freundlich zu sein hat, obwohl man sich gerade gar nicht so gut fühlt. Zum anderen sind auch im Pflege- und sozialen Bereich Tätige betroffen, die einem enormen Zeitdruck ausgesetzt sind und ständig durch Qualitätssicherungsmaßnahmen überwacht werden und dort in Schwierigkeiten kommen, ihre Aufgaben erledigen zu können.

SPRECHER Emotionale Beteiligung, deutlich mehr Stress. Die Arbeitswelt hat sich verändert und das schafft Probleme. Und nicht nur das. Auch unsere Lebensbereiche haben sich verändert hin zur Großstadt – mit Folgen, wie die Zahlen des BKK Datenexperten Dirk Rennert ausweisen:

RENNERT Auffällig ist vor allem die Häufung psychischer Störungen in den großstädtisch geprägten Regionen. An der Spitze zu nennen ist hier Hamburg mit 2,9 Fehltagen pro Versicherten. Aber auch Großstädte wie Berlin oder München oder auch Bremen sind hier mit zu nennen.

SPRECHER Die Großstadt als Problem? Erklärungsansätze des Psychologen:

JACOBI Dass man zum Beispiel Depressionen oder auch so genannte psychotische Störungen in Großstädten häufiger findet, hängt mit zwei Perspektiven zusammen: Zum einen gibt es dort mehr Stressfaktoren wie etwa soziale Benachteiligung oder mangelnden sozialen Zusammenhalt. Andererseits zieht es offensichtlich auch vorbelastete und anfälligere Personen vermehrt in Großstädte.

SPRECHER Mangelnder Zusammenhalt und soziale Benachteiligung – auch Datenexperte Rennert sieht darin eine wachsende Gefahr. Besonders mit Blick auf die mit Abstand am häufigsten von psychischen Störungen betroffene Gruppe … abseits der arbeitenden Bevölkerung:

RENNERT Arbeitslose und Rentner sind besonders häufig von psychischen Störungen betroffen. Hier konnten wir besonders hohe Werte feststellen. Aber auch die Gruppe der 20- bis 24-jährigen, die klassischen Berufseinsteiger weisen besonders viele Krankentage aufgrund psychischer Störungen auf.

SPRECHER Krankentage, die neben dem einzelnen Leid, wie eingangs gesagt, auch Kosten verursachen. Enorme Kosten. Nicht nur für die Betriebe. Das Problem liegt vielschichtiger, warnt Frank Jacobi:

JACOBI Wir dürfen nicht vergessen, dass psychische Störungen auch ungünstige Auswirkungen auf körperliche Erkrankungen haben können. Personen mit körperlichen Erkrankungen sind zum Beispiel deutlich länger krankgeschrieben, wenn zusätzlich noch eine psychische Diagnose vorliegt. Und manche psychischen Diagnosen wie Nikotinabhängigkeit oder Alkoholabhängigkeit haben auch enorme Zusatzfolgeprobleme im körperlichen Bereich.  So gesehen sollten wir die psychische Gesundheit im Teil der Gesamtgesundheit unserer Gesellschaft einen größeren Raum einräumen.

SPRECHER Schnelles Erkennen und Handeln sind dringend angezeigt. Und so schließt auch BKK Vorstand Franz Knieps mit einem Plädoyer für bessere, gesundheitliche Vernetzung:

KNIEPS Psychische Erkrankungen erfordern eine viel bessere Kooperation unterschiedlicher Therapeuten, insbesondere Ärzte und Psychotherapeuten. Sie erfordern eine Einbeziehung des Umfelds, der Familie, der Arbeitsumgebung. Und sie müssen so behandelt werden, dass sie nicht nach einer kurzen Episode wiederkommen. Das heißt, wir müssen nachhaltigere Ansätze durch vernetzte Versorgung entwickeln und wirklich kleinräumig umsetzen.