27.11.2025 – Betriebskrankenkassen fordern einen Reboot in der ambulanten Versorgung
In kaum einem anderen Land sind die Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben so hoch, die formalen Zugangshürden zur medizinischen Versorgung so niedrig und das Netz an Ärzt*innen so dicht wie in Deutschland. Und dennoch liegen wir bei den wichtigen Kennzahlen, die für eine leistungsfähige Gesundheitsversorgung
sprechen, international zurück. Die Betriebskrankenkassen fordern daher eine umfassende Neuausrichtung der ambulanten Versorgung. Ein heute veröffentlichtes Positionspapier des BKK Dachverbandes skizziert die dafür notwendigen Reformschritte.
Entscheidend für diesen dringend notwendigen „Versorgungs-Reboot“ ist eine strukturierte und digital gestützte Ersteinschätzung bei jedem neuen Behandlungsfall. Sie schafft freie Behandlungskapazitäten und organisiert den Zugang nach Dringlichkeit und in die passende Versorgungsebene. „Ein solches System wäre ein Gamechanger für die Versicherten, denn sie könnten damit nicht nur deutlich schneller, sondern auch deutlich besser versorgt werden. Viele Länder machen uns vor, wie Menschen mit Unterstützung eines Algorithmus zielgerichtet dorthin geleitet werden, wo ihnen fallabschließend geholfen wird. Außerdem – und das ist wichtig - erhalten sie auch Unterstützung, wenn sie keine ärztliche Behandlung benötigen“, sagt Anne-Kathrin Klemm, Vorständin des BKK Dachverbandes.
Und weiter: „Die Zukunft der ambulanten Versorgung liegt im Team, in dem Ärzt*innen und andere Gesundheitsberufe wie Physician Assistants, Advanced Practice Nurses und Community Health Nurses zusammen mit Psycholog*innen und Sozialarbeiter*innen eng vernetzt Aufgaben übernehmen und gemeinsam an der Gesunderhaltung und Genesung der Patient*innen arbeiten.“
Neben der Art und Weise, wie die Koordinierung und Behandlung der Patient*innen künftig erfolgen sollte, ist es entscheidend, dass unnötige Pflichtkontakte reduziert werden. „Unser System erzwingt Arztkontakte, die medizinisch nicht notwendig sind. Gesundschreibungen für das Kita-Kind oder Quartalspflichtkontakte sind im Grunde nichts als Ressourcenverschwendung. Diese nicht mehr zeitgemäßen Normen gehören auf den Prüfstand. Bereits eine moderate Reduzierung dieser Kontakte würde wichtige Kapazitäten freisetzen. Diese könnten für die Behandlung komplexer Fälle, für Prävention und für eine zeitgerechte Terminvergabe genutzt werden“, so Klemm.
In einem interprofessionellen Primärversorgungssystem kommt der Krankheitsprävention und der Gesunderhaltung der Menschen eine zentrale Rolle zu. „Wir erwarten Verhaltensänderungen und eine gesunde Lebensführung von den Menschen, bieten ihnen dafür aber kaum Unterstützung. Noch schlimmer ist, dass wichtiges Wissen über Risikostadien in den Sektorensilos versandet und verloren geht. Zukünftig müssen Risikodaten, insbesondere auch aus der Arbeitsmedizin, viel stärker genutzt werden. Hierfür ist auch ein Ausbau der interprofessionellen Kommunikation erforderlich, ebenso wie eine flächendeckende Nutzung der ePA“, so Klemm. Ähnlich wie bei Chronikerprogrammen für diagnostizierte Erkrankungen braucht es außerdem strukturierte Programme, die Leitlinien in den Versorgungsalltag übertragen und Gesundheitsfachberufe koordinieren, um Risikopatienten stringente Unterstützung zu bieten.
Gleichzeitig muss die Vergütung radikal neu gedacht werden, um die richtigen Anreize zu setzen. Effizienz, Behandlungsqualität und Behandlungserfolg müssen sich künftig auszahlen. „Ein Baukastenmodell aus Kopfpauschalen für die Behandlung chronisch kranker Menschen und komplexer Behandlungsbedarfe sowie Fallpauschalen für spezialisierte Behandlungspfade ist deutlich zielführender als eine rein kontaktabhängige Honorierung. Die Gesamtausgaben sind dabei durch Budgets begrenzt, die sich am Versorgungsbedarf und der Qualität orientieren“; so Klemm weiter.
Lesen Sie das Positionspapier hier.
