Die Arbeitswelt ist heute vielfältiger denn je – und dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren voraussichtlich weiter fortsetzen. Der demografische Wandel, Migration sowie neue Arbeitsformen und -zeitmodelle sind Treiber einer zunehmend heterogenen Gesellschaft und Belegschaft. Der BKK Gesundheitsreport 2025 macht deutlich: Vielfalt im Arbeitskontext ist längst Normalität und sie prägt den beruflichen Alltag sowie das Miteinander am Arbeitsplatz. Die unterschiedlichen Perspektiven aus Wissenschaft, Politik und Praxis, die im Report vertreten sind, kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass Diversitätsmerkmale wie Alter, Geschlecht oder Herkunft einen Einfluss auf Gesundheit, Wohlbefinden und Arbeitsfähigkeit haben. Diversität im Arbeitskontext bietet somit Chancen für mehr Kreativität und Produktivität und stellt eine wertvolle Ressource für Gesundheit und Freude bei der Arbeit dar – allerdings nur, wenn sie bewusst wahrgenommen und aktiv gestaltet wird.

In den letzten Jahren ist Vielfalt sichtbarer und selbstverständlicher geworden. Sie zeigt sich dabei nicht nur in unterschiedlichen Tätigkeiten, Altersgruppen, Geschlechtern und kulturellen Hintergründen, sondern auch in weniger offensichtlichen Bereichen wie Bildungsbiografien, persönlichen Werten sowie körperlichen und psychischen Fähigkeiten. Andererseits rückt diese Vielfalt aktuell stärker in den Fokus öffentlicher und politischer Debatten und führt zu Polarisierung. Während sie in Zeiten der Globalisierung und europäischen Integration als Wert und Ziel galt, werden inzwischen auch Stimmen lauter, die sie als Bedrohung empfinden und sich für Homogenität aussprechen. Dass die Akzeptanz von Diversität in Deutschland eher abnimmt als zunimmt, zeigt auch das Vielfaltsbarometer 2025. Vor diesem Hintergrund widmet sich der 49. Gesundheitsreport dem Thema „Vielfalt und gesunde Arbeit“. Aus verschiedenen Perspektiven wird dabei beleuchtet, wie Diversität erkannt, verstanden und vor allem konstruktiv gestaltet werden kann – als Grundlage für eine gesunde, gerechte und zukunftsfähige Arbeitswelt, von der alle Beschäftigten gleichermaßen profitieren können.
Die demografische Entwicklung und der Fachkräftemangel machen es für Unternehmen unabdingbar, sich mit den Herausforderungen von Diversität auseinanderzusetzen. Häufig arbeiten vier Generationen von Beschäftigten in einem Betrieb zusammen. Das erzeugt Reibungen, die die Firma moderieren und managen muss.
Jan-Paul Goroncy, Diversity-Manager, HAMBURG WASSER

Vielfalt als Einflussfaktor auf Gesundheit
Rund 4,8 Millionen Personen und damit etwa die Hälfte aller Versicherten der Betriebskrankenkassen (BKK) sind sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Fakt ist: Diese Gruppe ist vielfältig und unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht. Diese Unterschiede zeigen sich nicht nur im Berufsalltag, sondern beeinflussen auch die gesundheitlichen Bedarfe und Anforderungen an die Versorgung. Abbildung 1 veranschaulicht die Unterschiede bei den Arbeitsunfähigkeitstagen (AU-Tage) in verschiedenen Diagnosegruppen in Abhängigkeit von Geschlecht und Alter. So haben Frauen deutlich mehr Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen, während Männer länger wegen Muskel-Skelett-Erkrankungen oder Verletzungen bzw. Vergiftungen arbeitsunfähig sind. Auch das Alter spielt eine zentrale Rolle: Mit zunehmendem Alter steigen die Fehlzeiten bei fast allen Krankheitsarten. Das zeigt sich besonders deutlich bei Muskel-Skelett-Erkrankungen. Beschäftigte ab 40 Jahren verzeichnen fast dreimal so viele Fehltage wie jüngere Kolleginnen und Kollegen. Noch gravierender ist der Abstand bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Hier liegt die Zahl der Fehltage bei den über 40-Jährigen sogar um das Sechsfache höher. Solche Unterschiede spiegeln sich auch in den ambulanten und stationären Versorgungsdaten wider. Mit zunehmendem Alter steigt nicht nur die Inanspruchnahme ambulanter Versorgung bei den meisten Erkrankungsarten, sondern auch die Häufigkeit und Dauer von Krankenhausbehandlungen nimmt zu. Allerdings spielen nicht nur Geschlecht und Alter eine Rolle: Auch Faktoren wie Wohnort, Branche oder Beruf beeinflussen, wie häufig Menschen erkranken und welche Leistungen sie in Anspruch nehmen.
Der Mehrwert von Vielfalt wird von vielen anerkannt: So verbindet jede zweite befragte Person vielfältige Teams mit besseren Arbeitsergebnissen (52,0 %) und einem angenehmeren Arbeitsklima (50,5 %). Positiv zu bewerten ist zudem, dass die Mehrheit der Befragten (68,1 %) angibt, am aktuellen Arbeitsplatz bislang keine Benachteiligung erlebt zu haben. Allerdings berichtet fast ein Drittel (31,9 %) von Diskriminierung am Arbeitsplatz – am häufigsten aufgrund des Alters (43,1 %) oder des Geschlechts (36,1 %). Danach folgen Diskriminierungserfahrungen im Zusammenhang mit Behinderung bzw. gesundheitlicher Beeinträchtigung (29,0 %) und ethnischer Herkunft (20,2 %). Frauen berichten dabei mehr als doppelt so häufig wie Männer von geschlechtsspezifischer Benachteiligung. Auch das Alter könnte eine Rolle spielen. Jüngere Befragte geben häufiger Diskriminierungserfahrungen an als ältere. Zudem berichten Personen mit Migrationshintergrund doppelt so häufig von Diskriminierung wie Befragte ohne Migrationshintergrund (49,9 % vs. 25,0 %).

Vielfalt, Arbeit und Gesundheit im Zusammenspiel
Erfahrungen mit Diskriminierung am Arbeitsplatz beeinflussen nicht nur die Wahrnehmung von Vielfalt und Inklusion, sondern stehen auch im Zusammenhang mit der Arbeitszufriedenheit und -fähigkeit der Beschäftigten (vgl. Abbildung oben). So berichten Beschäftigte ohne Diskriminierungserfahrung deutlich häufiger von einer (sehr) hohen Arbeitszufriedenheit (82,3 %), während dieser Anteil bei Betroffenen um rund 12,0 Prozentpunkte niedriger liegt (70,5 %). Mit Blick auf die Arbeitsfähigkeit zeigen sich noch deutlichere Differenzen: 80,2 % derjenigen, die keine Benachteiligung am Arbeitsplatz erlebt haben, bewerten ihre Arbeitsfähigkeit als gut bis sehr gut. Unter jenen mit Diskriminierungserfahrung sind es lediglich 58,3 %, was einem Unterschied von knapp 22,0 Prozentpunkten entspricht.
Dabei ist zu beachten, dass Zufriedenheit und Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz nicht allein von Diskriminierungserfahrungen, sondern auch von den Arbeitsbedingungen insgesamt, dem Teamklima und individuellen Umständen bestimmt werden. Dennoch stützen die Befragungsergebnisse die Befunde vorangegangener Studien zur Bedeutung einer diskriminierungsfreien und inklusiven Unternehmenskultur für das betriebliche Klima, das Wohlbefinden und die Gesundheit der Beschäftigten.

Was Organisationen tun können
Vielfalt im Arbeitskontext kann eine wertvolle Ressource für Kreativität und Produktivität sein. Gleichzeitig besteht jedoch auch die Gefahr, dass Konflikte und Spannungen im Team entstehen. Damit sich die Potenziale von Diversität entfalten können, müssen Unternehmen bestehende Strukturen und Prozesse in den Bereichen Personal, Kommunikation und Gesundheitsmanagement anpassen. Sie müssen neue Maßnahmen implementieren, beispielsweise verbindliche Leitlinien zur Inklusion erarbeiten, ein Diversitätsmanagement einführen und Schulungen zum Umgang mit heterogenen Teams durchführen. Die Ergebnisse der Beschäftigtenumfrage zeigen jedoch deutlich, dass in vielen Unternehmen noch Entwicklungsmöglichkeiten bestehen. So gibt rund die Hälfte der Befragten (54,8 %) an, dass in ihrem Unternehmen Richtlinien oder Handlungsanweisungen zum Schutz vor Diskriminierung existieren. Laut den Befragten gibt es in nahezu der Hälfte der Unternehmen kein Diversitätsmanagement (48,7 %), nur knapp ein Drittel verfügt hingegen über eine zuständige Stelle (30,7 %). Dort, wo ein Diversitätsmanagement eingerichtet ist, gibt es in der Regel auch festgelegte Richtlinien bzw. Handlungsanweisungen zum Schutz vor Diskriminierung (78,3%). Zudem zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang mit der Unternehmensgröße: Je größer das Unternehmen, desto eher sind formalisierte Maßnahmen zum Schutz vor Diskriminierung und ein Diversitätsmanagement vorhanden (vgl. Abbildung oben).
Gerechte und gesunde Arbeitswelt durch Gestaltung von Vielfalt
Der diesjährige BKK Gesundheitsreport richtet den Blick auf Vielfalt – sowohl in der Arbeitswelt als auch in der Gesundheitsversorgung. Aus unterschiedlichen Perspektiven wird beleuchtet, wie eine gesunde, gerechte und nachhaltige Gesundheitsversorgung bzw. Arbeitswelt gestaltet werden kann. Die Auswertung der Befragungsergebnisse zeigt: Vielfalt am Arbeitsplatz wird überwiegend positiv gesehen und kann sich positiv auf das Betriebsklima, das Wohlbefinden und die Gesundheit der Mitarbeitenden auswirken. Ob sie als Ressource oder Belastung erlebt wird, hängt davon ab, wie sie im Unternehmen gestaltet und gelebt wird. Eine zentrale Erkenntnis des Reports ist schließlich: Vielfalt ist kein Selbstläufer. Vielfalt kann jedoch ein entscheidender Hebel für eine gesunde und zukunftsfähige Arbeitswelt sein. Dafür sind allerdings entsprechende Strukturen und Prozesse erforderlich, die allen Mitarbeitenden – unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft oder gesundheitlichen Voraussetzungen – gesundes Arbeiten ermöglichen und Benachteiligung verhindern. In diesem Bereich besteht jedoch noch ungenutztes Potenzial. In vielen Unternehmen fehlen verbindliche Handlungsanweisungen und Leitlinien zur Inklusion oder ein Diversitätsmanagement.
Zusammenfassend lässt sich festhalten: Vielfalt in der Arbeitswelt ist längst Realität und kann nicht ignoriert werden. Es reicht jedoch nicht mehr aus, sie lediglich zu dulden oder passiv zu ermöglichen. Gerade mit Blick auf den demografischen Wandel und den Fachkräftemangel ist es entscheidend, Vielfalt als festen Bestandteil der Unternehmenskultur zu verankern und aktiv zu fördern. Wer das schafft, schafft nicht nur gerechte und inklusive Arbeitsbedingungen, sondern legt auch den Grundstein für gesunde Mitarbeitende und für eine erfolgreiche Gewinnung und Bindung von Fachkräften. Wie das gelingen kann, zeigen die Praxisbeiträge im aktuellen Gesundheitsreport.