Lesen Sie hier das komplette BKK Magazin 1 /2026 "GKV Finanzierung am Limit" online.


Editorial
Der Herbst der Reformen ist ausgefallen und mit ihm das erhoffte schnelle Anpacken vor allem der nötigsten finanziellen und ersten strukturellen gesundheitspolitischen Baustellen. Das zum Jahresende 2025 im Kraftakt auf den Weg gebrachte „kleine Sparpaket“ hat viel Porzellan zerschlagen und wird das weitere finanzielle Absacken der solidarischen Krankenversicherung inmitten einer sich verschärfenden Wirtschaftslage nicht verhindern. Das Warten auf die Ergebnisse der Finanzkommission Gesundheit bis Ende März 2026 verursacht gleichzeitig ein Vakuum, in dem erratische Vorschläge aus der Klamottenkiste zu möglichen Einsparmaßnahmen – und dies in der Regel zu Lasten der Versicherten – hervorgeholt werden. Die Praxisgebühr, Zuzahlungserhöhungen auf Arzneimittel oder der Vorschlag zur Streichung von Zahnbehandlung aus dem GKV-Leistungskatalog sind Wiedergänger aus der gesundheitspolitischen Geisterbahn, nun ergänzt um die abenteuerliche Behauptung, die telefonische Krankschreibung führe verstärkt zu „Bettkantenentscheidungen“. Der weiße Elefant im Raum ist jedoch der Unwille der Bundesregierung, die gesetzliche Krankenversicherung und die Pflegekassen wenigstens von versicherungsfremden Kosten zu befreien und für Milliardensummen als Staat aufzukommen. Im Warten auf die Kommission muss die Bundesgesundheitsministerin daher etliche Vorschläge rasch selbst kassieren. Aus Bayern hat der mächtige CSU-Fraktionsvorsitzende und ehemalige Gesundheitsminister Klaus Holetschek die Berliner ermahnt, nicht über Zahnarztkosten und Lifestyle-Teilzeit zu streiten, sondern die großen Fragen anzugehen: „Wie gelingt uns die dringend nötige Reform des Sozialstaats?“ Und in der Tat: Gefragt ist Sachpolitik, keine Grabenkämpfe. Strukturelle Veränderungen bei Einnahmen und Kosten des deutschen Gesundheitssystems. Da haben wir kein Erkenntnisproblem, sondern bislang den Mangel an Mut, die echten Lösungsvorschläge zu debattieren und endlich Entscheidungen zu treffen. Die Bürger:innen erwarten dies, wie unsere Forsa-Umfrage im Dezember 2025 bestätigte. Es muss ein Weckruf für die Bundesregierung sein, erst recht im Jahr herausfordernder Landtagswahlen die Defizite anzugehen und die medizinische Versorgung für die Versicherten spürbar zu verbessern.
Es herrscht eine gewaltige Schieflage im deutschen Gesundheitswesen: Das System ist überlastet durch falsche Priorisierung und Zuweisung von Geld und Ressourcen. Die ärztlichen Ressourcen werden noch immer viel zu oft dort eingesetzt, wo sie gar nicht benötigt werden. Zugleich warten Menschen mit Behandlungsbedarf zu lange auf einen Termin in der Arztpraxis. Private Tech-Konzerne wie Google oder halbstaatliche Gesundheitskonzerne wie Doctolib adressieren längst den ärztlichen Overload und das Patientenerleben in der Gesundheitsversorgung. Deshalb müssen die gesetzlich beauftragten Akteure im deutschen Gesundheitssystem umso entschlossener eigene Lösungen umsetzen: Ein neuer Ansatz für eine sektorenübergreifende Patientennavigation, die diskriminierungsfrei die Dringlichkeit, den tatsächlichen Behandlungsbedarf einschätzt und schnell für einen ambulanten Termin sorgt. Die Vorschläge der Betriebskrankenkassen zum Primärversorgungssystem und zu einer digitalen Ersteinschätzung diskutieren wir in dieser Magazin-Ausgabe. Dieser neue Denkansatz birgt die Chance, das System insgesamt und die ambulante Versorgung im Besonderen zu adressieren. Fairer Zugang statt Zufall: Standardisierte, digital gestützte Ersteinschätzung für alle neuen Behandlungsfälle und Termine nach Dringlichkeit in der jeweils geeigneten Versorgungsebene. 94 Prozent der Deutschen sind überzeugt: Nichts wird besser durch höhere Kassenbeiträge. Zwei Drittel der Versicherten wollen eine Steuerung und Koordination der Behandlung in einem Primärversorgungssystem durch Teams unterschiedlicher Professionen aus Pflegekräften, Ärzten und anderen Gesundheitsberufen. Digitaler Einstieg und Wissen statt Wartezimmer. Hören wir endlich auf Versicherte und Patienten! Die aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag des BKK Dachverbandes zeigt: 82 Prozent der Deutschen bezweifeln, dass die Bundesregierung eine zukunftsfähige Gesundheits- und Pflegereform schafft. Im Leitartikel dieses Magazins diskutieren wir, wie die Politik nach einem Winter der Nebelkerzen das Vertrauen der Menschen in das Sicherungsversprechen eines barrierefreien Zugangs in eine solidarisch finanzierte Gesundheitsversorgung – und damit in eine Säule des sozialen Friedens in einer zutiefst verunsicherten Gesellschaft – wiederherstellen kann: „Vertrauen ist keine Einbahnstraße.“
Ihre Anne-Kathrin Klemm