Lesen Sie hier das komplette BKK Magazin 5 - 6 /2025 "Gemeinsam Nachhaltig" online.


Editorial
Welches Resümee mit Blick auf das vergangene Halbjahr der neuen Bundesgesundheitsministerin können wir zum Jahresende ziehen? Im Koalitionsausschuss lag zuletzt das Thema Gesundheit und damit die dringend erforderliche Stabilisierung der GKV-Finanzen nicht mehr auf dem Tisch. Alle sorgen sich, dass auf den ausgebliebenen Herbst der Reformen der Winter der abgebauten Industriearbeitsplätze folgen könnte. Aber die Gefahr, die von ungebremst steigenden Sozialbeiträgen für ohnehin schon in die Knie gegangene Konjunktur ausgeht, darf man ignorieren? Bundesgesundheitsministerin Nina Warken hat Anfang November den durchschnittlichen Zusatzbeitragssatz von 2,9 Prozent für das kommende Jahr verkündet und zugleich Sorgen vor steigenden Kassenbeiträgen mit einem Versprechen eindämmen wollen: „Im Jahr 2026 kann der aktuelle Beitrag gehalten werden.“ Dieses Versprechen wird sich schon in wenigen Wochen in Luft auflösen, haben wir gewarnt, aber die Ministerin hat es inzwischen selbst kassiert in einem Brandbrief an die Bundesländer. Wenn der Bundesrat den schwarz-roten Sparplan für die gesetzliche Krankenversicherung blockiert, drohen den Beitragszahlern zusätzliche Mehrkosten von bis zu zwei Milliarden Euro, so Nina Warken. Zugleich wagt es die Politik nicht, in das Rad der strukturell bedingten Kostensteigerungen für die GKV zu greifen. Die größten Kostenrisiken liegen dort, wo über viele Gesetzgebungen hinweg Ausgabenbeschränkungen einkassiert und zusätzliche Honorarbestandteile eingeführt wurden. Hinzu kommen Fehlanreize, die ungehemmt wirken. Und wie das Kaninchen vor der Schlange bleibt Politik erstarrt. Die Angst vor dem orchestrierten Aufschrei der mächtigen Lobby von Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten sitzt tief. Wir wissen, dass die Bundesregierung und die Gesundheitsexperten im Bundestag den Ernst der Lage erkannt haben – aber es fehlt der Mut zur Tat.
Die Politik, aber auch die Entscheider im Gesundheitssystem und selbstverständlich auch in den Gesetzlichen Krankenkassen, brauchen Kraft zu echten Reformen und zu mutigen Entscheidungen. Und die Politik muss Gegenwind aushalten können. Unser Staat muss handlungsfähig bleiben, ebenso wie die Sozialsysteme und die wichtige Säule der solidarischen Krankenversicherung – also digitaler, schneller, bürgerfreundlicher und innovativer. Im Gesundheitswesen ist ein Perspektivwechsel in der Versorgung bitter nötig. Patientinnen und Patienten müssen eine bessere Versorgung wirklich erleben. Dringend. Hier bietet die Primärversorgung, richtig gemacht, eine große Chance: Digital vor ambulant vor stationär, nach Dringlichkeit und Bedarf gleich in die richtige Versorgungsstufe und Krankheitsprävention als gesundheitspolitisches Leitbild. Es ist keine Zeit mehr für eine gefährliche Verzagtheit bis zum Stillstand. Wer niemanden herausfordern will und vor Zumutungen zurückschreckt, wird im Maschinenraum unseres Staates scheitern. Die Betriebskrankenkassen stehen bereit, in diesem Sinne und zum Wohle der Versicherten eine politische Führung zu unterstützen, sonst droht ein fataler Vertrauensverlust in die staatliche Handlungsfähigkeit und unser Solidarsystem.
Hierfür setzen die Betriebskrankenkassen derweil Landmarken bei wichtigen gesellschaftlichen Themen. Mit einem Rahmenvertrag heben die Betriebskrankenkassen ihre Zusammenarbeit für Nachhaltigkeit auf eine neue Stufe. Ein Thema, das auf der politischen und medialen Agenda derzeit weit nach hinten geschoben wird. Alle BKKen, unabhängig von der Größe, erhalten die Möglichkeit, eine Klimabilanzierung umzusetzen. In diesem Magazin lesen Sie einiges über klare Standards, eine langfristige Perspektive und die Motivation zum Mitmachen. Unser jährlicher Gesundheitsreport widmet sich einem weiteren gesellschaftlichen Megatrend. Vielfalt im Betrieb oder im Unternehmen wird immer mehr als ein wichtiger Erfolgsfaktor verstanden. Es gibt gute Gründe dafür, dass Firmenchefs und ihre Personaler die unterschiedlichen Erfahrungen, Fähigkeiten und Lebensrealitäten ihrer Beschäftigten nicht als Bürde, sondern als Chance und Ressource begreifen. Ein Arbeitsplatz, der unterschiedliche Perspektiven innerhalb der Belegschaft und in Teams respektiert und fördert, schafft die Grundlage für ein gesundes, resilientes und zugleich produktives Miteinander. Die Mitarbeitenden bleiben gesünder, die Gesundheit des Unternehmens verbessert sich. In beiden Themen liegt viel Potenzial, um die Versorgung für Versicherte spürbar zu verbessern, die knapper werdenden Ressourcen zu entlasten und die GKV zu stabilisieren.
Ihre Anne-Kathrin Klemm