Trumps Arzneimittelpolitik als Warnsignal

Europas Abhängigkeiten bleiben ein Risiko

Von Sebastian Brauneis, Politik und Kommunikation

Donald Trump hat die Arzneimittelpolitik endgültig zu einem Teil harter Wirtschafts- und Machtpolitik gemacht. Zolldrohungen, Druck auf Produktionsstandorte und der Versuch, internationale Preisunterschiede politisch zu instrumentalisieren, zeigen: Medikamente sind längst nicht mehr nur Gesundheitsgüter. Sie sind auch Gegenstand geopolitischer Interessen. Für Europa ist das vor allem deshalb relevant, weil die US-Politik einen wunden Punkt offenlegt: Die Europäische Union ist bei Teilen ihrer pharmazeutischen Wertschöpfung strategisch verwundbar.

Titelbild des Artikels Eine Tablette mit einer Frisur ähnlich der von Donald Trump

Die Verwundbarkeit der pharmazeutischen Wertschöpfung der EU betrifft nicht den gesamten Arzneimittelmarkt in gleicher Weise. Gerade die aktuelle Trump-Debatte zielt stark auf den patentgeschützten Markt: Also auf innovative, hochpreisige Arzneimittel, bei denen Fragen von Preisregulierung, Markteinführung, Standortentscheidungen und internationaler Referenzierung besonders relevant sind. Hinzu kommt die Debatte um eine „Most Favored Nation“-Logik. Gemeint ist damit der politische Versuch, US-Arzneimittelpreise stärker an niedrigere Preise in anderen Industrieländern zu koppeln und daraus Druck auf Hersteller und ausländische Märkte abzuleiten. Wenn die USA zugleich Zölle androhen oder Preisunterschiede zwischen Ländern politisch adressieren, kann das Auswirkungen auf Investitionsentscheidungen der pharmazeutischen Industrie, Produktionsverlagerungen und die Reihenfolge von Markteinführungen von neuen Medikamenten haben. Das ist vor allem für Europa als Absatz- und Produktionsstandort innovativer Arzneimittel bedeutsam.

Gleichzeitig gibt es eine zweite, davon zu trennende Debatte: die Frage nach der Versorgungssicherheit bei kritischen Arzneimitteln und deren Vorprodukten. Hier geht es um ältere, teils patentfreie, versorgungsrelevante Produkte, bei denen Europa in den vergangenen Jahren Abhängigkeiten aufgebaut hat. Trumps Politik betrifft aktuell vor allem den patentgeschützten Markt. Die strukturelle Verwundbarkeit Europas reicht darüber hinaus.

Rabattverträge im „Generikamarkt“ sichern die Lieferfähigkeit rabattierter Arzneimittel ab. Daneben tragen sie zur wirtschaftlichen Versorgung der Patientinnen und Patienten in Deutschland bei. Und nicht zuletzt generieren Rabattverträge erhebliche Einsparungen für die gesetzliche Krankenversicherung. Das Problem liegt deshalb nicht schlicht bei Ausschreibungen, sondern in einer breiteren, internationalen Arbeitsteilung, bei unternehmerischen Standortentscheidungen, bei geopolitischen Risiken und bei der Konzentration einzelner Produktionsschritte außerhalb Europas. Wer Versorgungssicherheit stärken will, sollte die etablierten Wirtschaftlichkeitsinstrumente der GKV deshalb nicht vorschnell infrage stellen.

Auch bei Lieferengpässen ist Präzision nötig. Nicht jede gemeldete Lieferstörung führt automatisch zu einer konkreten Versorgungsbeeinträchtigung für Patientinnen und Patienten. Dennoch zeigen die Debatten der vergangenen Jahre, dass Europa bei einzelnen kritischen Arzneimitteln und Wirkstoffen zu stark auf wenige, globale Produktionscluster angewiesen ist. Gerade bei Antibiotika und anderen Basisarzneimitteln ist diese Abhängigkeit problematisch. Hinzu kommt, dass sich die pharmazeutische Industrie weitgehend aus der Erforschung neuer Antibiotika zurückgezogen hat. Damit verschärft sich ein bereits bestehendes Risiko zusätzlich: Nicht nur die Produktion ist konzentriert, auch die Innovationsdynamik ist in diesem Bereich zu schwach.

Die Rückführung der gesamten Arzneimittel-Produktion nach Europa ist weder realistisch noch ökonomisch sinnvoll. Realistisch ist eher ein gezielterer Ansatz: Mehr Resilienz bei besonders kritischen Produkten, mehr Diversifizierung, mehr europäische Kapazitäten dort, wo Abhängigkeiten besonders riskant sind, und robustere Lieferketten bei essenziellen Vorprodukten.

Dennoch produzieren pharmazeutische Unternehmen weiterhin Arzneimittel in Europa. Die EU verfügt über bedeutende Produktionsstandorte und einen hohen Exportüberschuss. Besonders stark ist Europa bei biotechnologisch hergestellten, innovativen Arzneimitteln, bei Spezialpräparaten und in kapitalintensiven Produktionssegmenten. Das Problem ist nicht der völlige Verlust industrieller Substanz. Die Herausforderung ist vielmehr, dass wirtschaftliche Stärke im Export nicht automatisch Versorgungssouveränität bedeutet. Europa kann industriell stark und zugleich in bestimmten, kritischen Segmenten verwundbar sein.

Deshalb führt die Gegenfrage nicht weiter, ob nun „alles“ zurück nach Europa verlagert werden müsse. Die Rückführung der gesamten Arzneimittel-Produktion nach Europa ist weder realistisch noch ökonomisch sinnvoll. Realistisch ist eher ein gezielterer Ansatz: Mehr Resilienz bei besonders kritischen Produkten, mehr Diversifizierung, mehr europäische Kapazitäten dort, wo Abhängigkeiten besonders riskant sind, und robustere Lieferketten bei essenziellen Vorprodukten. Genau darum geht es im Kern der aktuellen europäischen Debatte. Sie sollte jedoch nicht mit der Erwartung verbunden werden, dass die gesetzliche Krankenversicherung künftig industriepolitische Lasten allein tragen solle.

Industrieförderung ist eine gesamtgesellschaftliche und damit staatliche Aufgabe. Wenn Europa aus strategischen Gründen bestimmte Produktionskapazitäten aufbauen oder absichern will, darf das nicht einfach über höhere GKV-Ausgaben oder Zusatzbeiträge von den Beitragszahlenden finanziert werden müssen. Versorgungssicherheit ist wichtig. Ihre Finanzierung darf jedoch nicht einseitig der Solidargemeinschaft der GKV aufgebürdet werden. Wer pharmazeutische Resilienz als Teil wirtschaftlicher Sicherheit und kritischer Infrastruktur begreift, muss auch die Finanzierung entsprechend ordnungspolitisch sauber aufstellen.

Genau darin liegt die eigentliche Lehre aus Trumps Arzneimittelpolitik. Europa sollte sich nicht in die Illusion flüchten, dass offene Märkte und internationale Arbeitsteilung automatisch stabile Versorgung garantieren. Aber ebenso wenig sollte es in eine einfache industriepolitische Romantik verfallen. Nötig ist weder eine Abkehr vom Wettbewerb, noch die pauschale Verteuerung des Generikamarktes. Nötig ist eine nüchterne Strategie: Schutz kritischer Lieferketten, kluge Diversifizierung, gezielte industriepolitische Förderung dort, wo sie sicherheitspolitisch geboten ist, und eine klare Trennung zwischen Gesundheitsfinanzierung und allgemeiner Industriepolitik. Trump zeigt damit vor allem eines: Arzneimittelpolitik ist längst mehr als Preispolitik. Sie ist Teil einer neuen geopolitischen Realität. Europa sollte diese Realität ernst nehmen – ohne dabei seine eigenen Stärken schlechtzureden und ohne bewährte Instrumente der GKV unnötig zu beschädigen. 

Kontakt

Sebastian Brauneis
Referent Politik
Arzneimittel, Krankenhäuser/ stationäre Versorgung, sektorenübergreifende Versorgung/ integrierte Versorgung inkl. Lotse und Beratung, Innovationsfonds, Lobbyregister

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