Gendermedizin

Der feine Unterschied

In der Vergangenheit waren Frauen kaum in klinische Studien zu Arzneimitteln eingebunden. Dosierungs- und Behandlungsempfehlungen leiteten sich aus den generierten Daten der meist männlichen Probanden ab. Dabei erzielen Medikamente bei einem Geschlecht häufig eine völlig andere Wirkung als beim anderen. Nun sorgen erste gesetzliche Vorgaben dafür, dem Unterschied Rechnung zu tragen und Gendermedizin im öffentlichen Bewusstsein zu verankern.

Business-Mann und Business-Frau

Medikamente wirken auf Frauen und Männer unterschiedlich. Beim Einsatz bestimmter Schmerzmittel wird dies besonders deutlich. Denn Frauen verarbeiten Schmerz anders als Männer. Schmerzmittel wirken bei Frauen schneller, so dass Männer grundsätzlich eine höhere Dosierung benötigen. Frauen leiden dagegen häufiger unter Nebenwirkungen, wenn sie Medikamente gegen Schmerzen einnehmen.  

Klinische Studien fokussierten bislang vor allem auf Männer 

Trotz dieser Unterschiede nahmen in der Vergangenheit meist Männer an klinischen Studien mit Arzneimitteln teil. Klinische Studien erforschen, ob ein neues Medikament gegen eine bestimmte Erkrankung wirkt. Zudem untersuchen sie, wie Betroffene Wirkstoffe vertragen und welche Dosierung für sie optimal ist. Über Jahre sind das oft die einzigen Informationen, anhand derer Ärztinnen und Ärzten Behandlungsempfehlungen für die Therapie mit einem neuen Arzneimittel erarbeiten.   

Die Forschung von gestern bestimmt die Versorgung von heute 

Die Ergebnisse der klinischen Studien übertrugen die Forschenden einfach auf das weibliche Kollektiv. Auch heute noch beeinflusst die Forschung der Vergangenheit die  Versorgung der Gegenwart. Eine Folge dieser Vorgehensweise ist, dass Frauen bei der Einnahme von Medikamenten grundsätzlich ein höheres Risiko tragen, unter Nebenwirkungen zu leiden. 

Gendermedizin muss ins öffentliche Bewusstsein vordringen 

Die Unterscheidung der Behandelten nach ihrem Geschlecht ist eine einfache Form der personalisierten Therapie. Eine individuell angepasste Behandlung bietet jedem Einzelnen die Chance auf eine bessere Gesundheit. Aus diesem Grund muss Gendermedizin mehr als bisher in das öffentliche Bewusstsein vordringen. 

Contergan: Frauen von klinischen Studien ausgeschlossen 

In den 60iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts rückte ein vermeintlich harmloses Schlafmittel ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Contergan. Das Arzneimittel schädigte das ungeborene Leben bei Anwendung in der Schwangerschaft. Zum Schutz des ungeborenen Kindes schloss man infolge des Arzneimittelskandals gebärfähige Frauen von klinischen Studien aus.  

Das muss die Politik anpacken

Verfügbare Informationen zu Genderaspekten in der Arzneimitteltherapie müssen adressatengerecht in der Versorgung ankommen. Dazu müssen Arzneimittelinformationen geschlechtsspezifische Unterschiede verständlich und regelmäßig darstellen.

Bund und Länder sollen Forschungsvorhaben mit dem Schwerpunkt der Evaluierung von Genderaspekten in der europäischen Arzneimittelzulassung und der Gendermedizin in der Versorgung fördern. Das schließt die Erarbeitung von Optimierungspotential mit ein.

Auch in der medikamentösen Grundlagenforschung mittels Zell- und Tierexperimenten müssen Forschende Versuche an männlichen und weiblichen Zellen beziehungsweise Tieren durchführen.

Hormonschwankungen bei Frauen erschweren die Forschung 

Der weibliche Körper durchlebt starke Hormonschwankungen. Bei Frauen im gebärfähigen Alter sind es vor allem zyklusbedingte Schwankungen. Auch eine Schwangerschaft, die Einnahme von Verhütungsmitteln oder die Wechseljahre verändern den Hormonhaushalt. Hormone regeln mannigfache Prozesse im Körper und beeinflussen auch die Arzneimittelwirkung. Dadurch wird es für die Forschenden schwieriger, gerade kleine therapeutische Unterschiede in der Wirkung von Arzneimitteln nachzuweisen. Damit diese auch in klinischen Studien sichtbar werden können, müsste die Menge der Teilnehmenden vergrößert werden. Das erhöht auch die Kosten. 

Die Geschlechter unterscheiden sich in Körperbau, Größe und beim Körperfett

Der grundlegende Unterschied zwischen Männern und Frauen beginnt schon bei der Entstehung des Lebens. Zum einen haben die beiden Geschlechter unterschiedliche Gene, zum anderen unterscheidet sich ihr Körperbau wie auch der Körperfettanteil. Dieser ist bei Frauen höher als bei Männern. Dies hat Auswirkungen bei der Einnahme von Medikamenten: Bestimmte fettliebende Arzneimittel reichern sich im Körperfett an und werden langsamer ausgeschieden. Das gilt etwa für das Schlafmittel Zolpidem. Frauen leiden nach der Einnahme einer Standard-Dosis am Abend am darauffolgenden Morgen meist unter Müdigkeit. Die amerikanische Arzneimittelzulassungsbehörde FDA reagierte darauf und halbierte die Dosis für Frauen. In Europa sucht man in den Zulassungsunterlagen vergeblich nach solchen Hinweisen für die Therapie. Lediglich für beeinträchtigte Patientinnen und Patienten mit Leberstörungen gibt es einen Hinweis zur Halbierung der Dosis.

EU fordert repräsentative Verteilung der Geschlechter bei klinischen Studien 

In der EU müssen Arzneimittelhersteller klinische Studien seit dem 31. Januar 2022 mit einer repräsentativen Geschlechter- und Altersverteilung durchführen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Denn nur eine solche Vorgehensweise kann künftig in eine sichere und gleichberechtigte Arzneimittelversorgung münden. Die klinische Forschung von bereits zugelassenen, älteren Medikamenten basiert weiterhin auf den nicht gender-adjustierten Daten. 

Für die repräsentative Auswahl der Studienteilnehmenden klinischer Forschung wird es auch zukünftig Ausnahmen geben können. Diese Ausnahmen müssen zwar begründet werden, allerdings bleibt es abzuwarten, ob Patientinnen zukünftig gengend berücksichtigt werden. 

Auch bei Tierversuchen fokussiert die Forschung auf männliche Tiere  

In der präklinischen Forschung – also in der Forschung an einzelnen Zellen oder Tieren – ist man ebenso noch nicht soweit. Auch wenn das Argument, das ungeborene Leben schützen zu wollen, hier nicht zählt. Allerdings unterliegen auch weibliche Versuchstiere Hormonschwankungen, und das kann den Nachweis einer Wirkung erschweren. Ferner sind weibliche Versuchstiere auch teurer. Die Gendermedizin erfordert hier jedoch ebenfalls eine Untersuchung auch an weiblichen Tieren.

Zu wenig Wissentransfer in die Versorgung

Bislang gibt es nur einige Erkenntnisse über die Wirkung von Arzneimitteln auf Frauen. Dort wo sie vorhanden sind, fehlt der ausreichende Wissenstransfer in die Versorgung. Hier gilt es, Aufklärungsarbeit zu leisten und die Berücksichtigung des weiblichen Geschlechts auch bei Arzneien und deren Erforschung weiter voran zu treiben. Das vorhandene Wissen um die Unterschiede einer männlichen und weiblichen Arzneimitteltherapie ist insbesondere für Patientinnen und Patienten wichtig, wie eine Umfrage der Betriebskrankenkasse VBU zeigt.

Klinische Studien müssen Männer und Frauen berücksichtigen

Die Forschenden haben viele Beispiele für die praktische Bedeutung von Gendermedizin und Arzneimitteln gefunden. In der täglichen Praxis wird dieses Wissen meist zu wenig berücksichtigt. Die Gendermedizin ist noch nicht im Versorgungsalltag angekommen. Individuell abgestimmte Behandlungen nach Geschlecht bringen für Männer und Frauen therapeutische Vorteile. Daher sollten klinische Studien Frauen gleichermaßen wie Männer berücksichtigen. Zudem müssen die gewonnenen Erkenntnisse transparent sein. Nur so können alle Betroffenen profitieren.  

Keine digitale Welt der Medizin ohne Frauen! 

Die Digitalisierung der Medizin bietet für die geschlechtsspezifische Medizin viele Möglichkeiten und auch alte Fallstricke. Schon jetzt arbeiten im Hintergrund Algorithmen, die die Ärzteschaft beispielsweise bei der Diagnosestellung unterstützen. Das ist auch für Arzneimittel-Therapien zukünftig denkbar. Ein Algorithmus kann aber nur so gut sein, wie die ihm zugrundeliegenden Daten. Sind Genderaspekte bei der Gewinnung der Daten nicht berücksichtigt, potenziert sich der systematische Fehler. Der Aufbruch in eine neue digitale Medizin bietet die Chance zum Schließen der Geschlechter-Datenlücke und damit auch die Aussicht auf eine verbesserte Versorgung für alle.

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