Steigende Arzneimittelpreise

Ideen für ein ungelöstes Problem

Hohe Einstiegspreise für Medikamente und rasant steigende Arzneimittelausgaben bringen die Solidargemeinschaft immer näher an ihre finanziellen Grenzen. Ein Problem, das nicht neu ist, jedoch seit dem vergangenen Jahr immer größere Dimensionen annimmt. Ein vom BKK Dachverband initiiertes Gespräch mit Expertinnen und Experten zeigt Lösungsansätze auf.

Tabletten liegen auf Euro-Geldscheinen.

Nachdem das Medikament Sovaldi noch im Jahr 2014 mit einem Preis von 1.000 Dollar je Pille die Öffentlichkeit schockierte, spielt das neue Gentherapeutikum Zolgensma seit dem Jahr 2020 mit einem Preis von mehr als zwei Millionen Euro für eine Einmalanwendung in einer ganz anderen Liga. In den Pipelines der pharmazeutischen Industrie befinden sich nach Schätzungen der American Society of Gene and Cell Therapy derzeit weitere 3.500 Advanced Therapy Medicinal Products (ATMP). Die bekanntesten ATMP sind die neuen Gentherapeutika wie beispielsweise Zolgensma. Alle diese Therapien werden ihren Weg voraussichtlich nicht in die Versorgung finden. Denn aus der klinischen Forschung schaffen es nur wenige Kandidaten in die Versorgung. Jedoch hat auch nur ein Bruchteil dieser innovativen Therapien unter dem aktuellen freien Preisbildungsmechanismus das Potential, die Grenzen der Belastbarkeit des GKV-Systems zu sprengen. Denn Pharmaunternehmen entwickeln nicht nur neue Therapien für seltene Erkrankungen, sondern auch solche gegen Volkskrankheiten.

Freie Preisbildung im ersten Jahr

In Deutschland sind neue Arzneimittel meist kurz nach der Zulassung für den Patienten verfügbar. Der Grund für den schnellen Marktzugang liegt in der unmittelbaren Erstattung und der freien Preisbildung im ersten Vermarktungsjahr. Das ist für Deutschland ein Alleinstellungsmerkmal im internationalen Vergleich. Hierzulande verhandeln der Hersteller und der GKV-Spitzenverband im ersten Jahr einen „neuen“ Erstattungsbetrag für das Arzneimittel. Dieser gilt jedoch erst ab dem 13. Monat nach Markteintritt. Die freie Preisbildung des Herstellers beeinflusst die Höhe des späteren Preises und ist durch ihn strategieanfällig. Der Hersteller kann den vermuteten zukünftigen Abschlag aus der Erstattungsbetragsverhandlung in seine Preisbildung einbeziehen.

Der Preis muss der Evidenz folgen

Die Arzneimittelexpertinnen und Experten bewerteten vor allem die medizinische Evidenz als wichtigstes Preiskriterium. Diese beschreibt den Nutzen und die Risiken eines neuen Arzneimittels. Dabei bewertet sie auch, wie zuverlässig die getroffene Aussage zu Nutzen und Risiko ist. Aus ethischer Sicht ist die Evidenz das führende Instrument für die Patient:innenversorgung. Allerdings lassen die Arzneimittelzulassungsbehörden neue Medikamente auf immer mehr Sonderwegen zu, für die die Datenlage, also die Evidenz, nicht ausreichend gesichert ist. So gibt es etwa bei seltenen Erkrankungen ein vereinfachtes Zulassungsverfahren.

Preisabschlag bei Datenuntersicherheit?

Eine Idee ist daher, den freien Einstandspreis durch einen niedrigeren Startpreis zu ersetzen. Erst wenn ausreichend klinische Daten vorhanden sind, wird ein vermutlich höherer neuer Erstattungsbetrag verhandelt. Der Gedanke, für die Datenunsicherheit einen Abschlag vom Preis einzufordern, ist nicht neu. Auf Seiten der GKV und auf Seiten der pharmazeutischen Industrie wurde über ein derartiges System bereits nachgedacht. Eine Preisgestaltung, die sich an der verfügbaren Evidenz orientiert, wäre nach der Meinung der Expertinnen und Teilnehmer ein erster wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem angemessenen Preis.

Ansatzpunkte für einen Startpreis

In einem Modell mit einem niedrigeren Startpreis könnte sich der Preis des neuen Arzneimittels an den Kosten bereits etablierter Therapien orientieren. Manche neuen Arzneimittel werden allerdings zur Therapie von zuvor nicht behandelbaren Krankheiten zugelassen. Zur Bepreisung von diesen Medikamenten könnten die realen Kosten für Forschung und Entwicklung herangezogen werden. Dieser Punkt spielt in der Diskussion um die Preisbildung eine große Rolle, denn die Angaben über die realen Forschungs- und Entwicklungskosten von Arzneimitteln sind weltweit nicht transparent. Das Wissen um die wirklichen Zahlen wäre nach Meinung von vielen Gesundheitsexperten bei den meisten Preisinstrumenten notwendig. Dieses Anliegen kann jedoch nur gemeinsam mit anderen Ländern realisiert werden.

Australisches "Netflix-Modell" könnte auch in Deutschland?

Beim Expertengespräch beim BKK Dachverband wurde auch der Blick über den deutschen Tellerrand hinaus auf ein Pilotprojekt für ein neues Preismodell in Australien gelenkt. In dem sogenannten „Netflix-Modell“ einigten sich die australische Regierung und die pharmazeutischen Unternehmer auf ein fixes Fünf-Jahres-Budget für die medikamentöse Versorgung aller Hepatitis C-Erkrankten. Die Auswertung dieses Projekts ist bereits erfolgt.  Die Behandlungskosten fielen weit unter den eigentlichen (Einstiegs-)Preis der Therapie. Für bestimmte Erkrankungen könnte das „Netflix-Modell“ auch für Deutschland bedeutsam werden.

Lösungen kann es nur durch Dialog geben

Es gibt einige interessante Lösungsansätze, jedoch bleiben viele Fragen ungelöst. Die vorhandenen Gräben zwischen der GKV und der pharmazeutischen Industrie können nur durch einen offenen Dialog überwunden werden. Der BKK Dachverband will sich dieser Herausforderung stellen und die Diskussion auch künftig befördern.

Dr. Christina Diessel

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Natalie Kohzer

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